Von Thorsten Dörting
In dem Song "Territorial Pissings" jedenfalls singt Nirvana-Legende Cobain ein paar schöne, selbstironische Zeilen aus der Psychiatriehölle, von denen heute niemand mehr so genau zu wissen scheint, von wem sie ursprünglich stammen: "Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind." Diese Worte könnten theoretisch von Fred Stiller sein, der Hauptfigur in Rainer Werner Fassbinders grandiosem Science-Fiction-Epos "Welt am Draht", denn sie fassen treffend seine Gemütslage zusammen.
Mit einem Lachen, das die Grenzen zur Hysterie für einen wunderbar kurzen Moment überschreitet, stellt sich der Mann da ein paar Fragen: Bin ich verrückt, weil ich glaube, dass die Welt, in der ich lebe, gar nicht existiert? Und wenn ich nicht verrückt bin, gilt dann nicht der Satz: Ich glaube, also bin ich nicht?
Dass dieser Fred Stiller sich solch verstörende Gedanken im deutschen Fernsehen machen durfte, ist ein kleines Wunder, das man gar nicht genug bestaunen kann, denn Wunder ereignen sich dort ja nur sehr wenige. Im Jahr 1973 strahlte tatsächlich die ARD Fassbinders Zweiteiler aus - und damit einen der besten Science-Fiction-Filme, die je in Deutschland gedreht wurden, übertroffen wohl nur noch von Fritz Langs "Metropolis". Doch während Langs Meisterwerk nie in Vergessenheit zu geraten drohte, gammelte Fassbinders Fernsehfilm im WDR-Archiv vor sich hin und war nicht einmal als DVD zu haben. Ein feiner Zufall, dass beide Werke in restaurierter Fassung auf der diesjährigen Berlinale Weltpremiere feiern, damit also zweifache Mahnung sind: Eigentlich gehen großartige Genre-Filme ja auch hierzulande, nicht nur in Hollywood.
Fred Stiller (Klaus Löwitsch) ist ein hochbezahlter Ingenieur, der nach dem mysteriösen Tod seines Chefs die wissenschaftliche Leitung für "Simulacron 1" übernimmt; eine gigantische Computersimulation, die eine von künstlichen Menschen bevölkerte Welt erschaffen hat und so gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Entwicklungen vorhersagen soll. Nachdem aber auch der Sicherheitschef des Projekts plötzlich verschwindet - und mit ihm alle Spuren seines Daseins - beginnt Stiller Nachforschungen.
Eisklotz von einem Film
Er stolpert dabei über den Chef des Forschungsinstituts, der offenbar ein trübes Süppchen kocht. Er leidet unter seltsamen Aussetzern, vor seinen Augen verschwindet etwa plötzlich eine ganze Straße. Er stößt in der von ihm miterschaffenen Computerwelt auf einen Mann, der begriffen hat, dass er kein Mensch aus Fleisch und Blut ist, sondern eine Unit aus Bits und Bytes. Und dann endlich setzt Stiller das Puzzle zusammen: Ist womöglich auch seine Welt nichts als ein riesiges Forschungsprojekt? Und er nur ein Mann am Draht?
Unter Genre-Kennern gilt der einzige Science-Fiction-Ausflug des genialischen Regie-Berserkers Fassbinder längst als eine Art Urvater der "Matrix"-Trilogie. Doch im Gegensatz zu der mit viel CGI aufgepimpten Dystopie der Wachowski-Brüder konzentriert sich sein Film - eine Adaption eines Romans von US-Autor Daniel F. Galouye - viel stärker auf den existentiellen Kern hinter dem Illusionsszenario: "Welt am Draht" ist eine mit Action-Versatzstücken angereicherte Meditation über das Wesen der individuellen und gesellschaftlichen Paranoia im Informationszeitalter; und zwar aus einer Zeit, als dieses nicht mal richtig angebrochen war.
Der brillante Löwitsch (unterstützt von einem großartigen Ensemble) legt seinen Stiller als gebrochene James-Bond-meets-Dr.-Frankenstein-Figur an. Als Wissenschaftler und Womanizer mit Waschbrettbauch wütet er sich unter vollem Körpereinsatz zur Wahrheit vor und droht doch vor allem an der Frage zu zerbrechen, ob er wahnsinnig ist - oder die Welt um ihn herum nur ein Wahn.
Stilistisch hat Fassbinder (trotz einiger dramaturgischer Ungelenkigkeiten) einen eisigen Monolithen geschaffen. Seine Dialoge sind karg und prägnant, mal voller Pathos, mal lakonisch - und klingen fast zu steril, um von Menschen gesprochen zu sein. Michael Ballhaus' Kamera hält immer wieder auf Spiegel, Glas und andere Reflexionsflächen, in denen sich die Figuren zigfach widerspiegeln und den Zuschauer zu fragen scheinen: Bin ich echt? Oder doch ein Computerwesen? Und auch das Licht strahlt und bricht sich so unwirklich, die Farben leuchten so kalt und künstlich, dass man ihn schütteln möchte, den Ingenieur Stiller: Siehst du's nicht? Deine Welt kann keine wahre sein!
Aber wie sollte Stiller sehen? Er kennt seine Welt ja gar nicht anders.
Was die unangenehme Feststellung erzwingt: Uns erginge es nicht anders als Stiller. Und die Frage aufwirft: Wenn wir eine künstliche Welt erschaffen können, warum sollte unsere Welt dann nicht künstlich sein?
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Realität und Traumwelt Habe diesen Zweiteiler in den 70'ern am Schwarz-Weiss-TV erlebt und fand ihn ungeheuer spannend - obwohl ein langatmiger Fassbinder, wie üblich ... Das Thema aber war für mich existentiell packend. [...] mehr...
Das paper ist mir bekannt, und es ist auch ganz interessant, aber der webfehler ist nun mal das einfach angenommen wird dass die Simulation menschlichen Denkens eine so einfache sache ist dass es wahrscheinlicher ist simuliert [...] mehr...
Die Wachowski-Brüder wurden Mitte der 60er in Chicago geboren und wuchsen dort auf. In den 70ern war die US-Ausgabe von Perry Rhodan in den USA sehr erfolgreich. Vielleicht haben die beiden mal PR gelesen, vielleicht auch nicht. [...] mehr...
Sie wissen genau, wie diese Behauptung gemeint war. PR ist zu unbekannt, um als Inspirationsquelle von "Matrix" herangezogen zu werden. Die Wahrscheinlichkeit, daß die Wachowskis die Idee ausgerechnet aus einem alten [...] mehr...
Das dürfte wohl Menges "Das Millionenspiel" gewesen sein. http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Millionenspiel Dieter Hallervorden mal GANZ anders besetzt - als Auftragskiller... mehr...
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