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20.02.2010
 

Berlinale-Blog

Fett, fetter, Franzose

Ein Schmerbauch aus Frankreich und ein Trunkenbold aus Japan: Kurz vor Schluss besinnt sich der Berlinale-Wettbewerb mit den Beiträgen "Mammuth" und "Otouto" darauf, dass auch aus den gewöhnlichsten Geschichten großartige Filme entstehen können.

Von Hannah Pilarczyk

Große Liebe kommt unerwartet. Und wenn sie ein französischer Fettsack ist oder ein japanischer Trunkenbold - dann muss man auch akzeptieren.

Nunja, vielleicht gilt das nicht fürs Leben allgemein, für den Berlinale-Wettbewerb aber in jedem Fall. Der überraschte nämlich zum Schluss im großen Stile - mit dem französischen Beitrag "Mammuth" und dem japanischen Abschlussfilm "Otouto".

In "Mammuth" führt Gérard Depardieu eine Wampe vor, für die andere physikalische Gesetze gelten müssen als für normale Leiber. Anders kann man sich nicht erklären, warum jemand mit so einem Fettwanst nicht umkippt. Zwillingschwangerschaft, mindestens. Zusammen mit einer grauenhaften blondierten Lockenmähne bringt Depardieu eine körperliche Präsenz auf, die an sich schon genug Schauwert für 90 Minuten Film böte. Aber das Regisseur- und Autoren-Paar Benoit Delépine und Gustave de Kervern hat zum Glück noch andere Sachen mit Depardieu vor. Sehr andere Sachen.

Um seine volle Rente zu erhalten, muss Schlachter Serge (Depardieu) nur noch ein paar Belege seiner vorherigen Arbeitgeber sammeln. Dann kann er es sich mit seiner Freundin Catherine (Yolande Moreau) im gemeinsamen Häuschen in der französischen Provinz gemütlich machen. Also schwingt sich Serge auf sein Motorrad, klappert seine alten Arbeitsplätze ab und absolviert damit gleichzeitig eine sentimental journey in seine Vergangenheit - wollte man meinen.

Doch hier beginnt der erste wunderbare Bruch mit den Erwartungen: Delépine und de Kervern lassen Serge nicht sein Leben gefühlig Revue passieren, sondern schicken ihn in die fürchterliche Arbeitswelt der Gegenwart. Was von Serges alten Arbeitsplätzen noch übrig ist, wird von prekär Beschäftigten geschmissen. Die haben nur noch Verachtung für ihn, der noch Anspruch auf Rente hat, übrig. Und wenn sie ihn nicht ausrauben, so schicken sie ihn zumindest beherzt zum Teufel.

Als diese Erzähllinie klar wird, biegt "Mammuth" aber wieder scharf ab und lässt plötzlich eine Reihe von skurrilen Figuren auftreten: Isabelle Adjani als tote Freundin, Miss Ming als semi-debile Nichte und nicht zuletzt Julie Delpys Vater Albert, der in einen der haaresträubendsten hand jobs der Filmgeschichte verwickelt wird.

Wie sich das zu einer unglaublich lustigen, aber gleichzeitig auch zutiefst wahrhaftigen Geschichte zusammenfindet - das muss man dann einfach gesehen haben. Vom Bauch ganz zu schweigen.

Der Clown und die kleinen Träume

Mit 126 Minuten ist der Abschlussfilm "Otouto - About Her Brother" (außer Konkurrenz) einer der längsten im Wettbewerb, doch er hat keinerlei Längen. Schwer zu beschreiben, woran es liegt, dass man nach wenigen Momenten weiß, dass diese Geschichte um das schwarze Schaf einer kleinen japanischen Familie genau diese Zeit braucht, um sich zu entfalten. Schließlich sind es unspektakuläre Bilder und bescheidene Menschen, die Regisseur Yoji Yamada zeigt.

Doch die Sicherheit, mit der er inszeniert, überträgt sich schnell auf das Publikum: In den kleinbürgerlichen Träumen der Alleinerziehenden Ginko (Sayuri Yoshinaga) und ihrer Tochter Koharu (Yu Aoi), die immer wieder vom trunksüchtigen, kindischen Onkel Tetsuro (Tsurube Shofukutei), gestört werden, wird bestimmt eine große Geschichte stecken. Und das tut sie schließlich auch.

Mit großer Geduld akzeptiert Ginko zunächst das erratische Verhalten ihres kleinen Bruders, seine Trinkexzesse, seine Unverschämtheiten, seine gescheiterte Schauspielerkarriere. Als er seine Freundin in die Schuldenfalle reißt, kommt es aber zum Zerwürfnis zwischen ihnen. Die Geschwister sehen sich über Jahre hinweg nicht. Ginko betreibt weiter ihre kleine Apotheke, Koharu zieht nach einer gescheiterten Ehe wieder bei ihr ein. Die zwei Frauen leben ein erfülltes Leben voller kleiner Aufgaben und kleiner Begegnungen.

Doch plötzlich ist darin wieder Platz für Tetsuro - und wie sich das ergibt, ist die wahrscheinlich hoffnungsvollste Geschichte dieser Berlinale: denn die Familie hat sich geändert. Nichts dramatisches ist passiert, trotzdem ist sie durchlässiger und großherziger geworden. Die Frauen lachen wieder über Tetsuros Witze und verzeihen ihm seine verzeihbaren Fehler. Eine Versöhnung, in der sich keine Seite verrät - zumindest in "Otouto" ist das tatsächlich möglich.

Der Mann auf unserer linken Seite hat als erster mit dem Schniefen angefangen. Der rechts von uns hat die letzte halbe Stunde durchgeweint.

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14.02.2010 von Wurzbacher: .

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