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21.02.2010
 

Berlinale-Helden

Wie ein Orang-Utan uns zum Menschen macht

Von Johanna Straub

40 Jahr, rotes Haar: Eine Orang-Utan-Mutti namens "Nénette" ist die Heldin in dem gleichnamigen Dokumentarfilm des Franzosen Nicolas Philibert, der zugleich eine Reflexion über den Menschen ist. Auch andere Berlinale-Tiere haben es sehr klug menscheln lassen.

Wenn ein so vielfältiges und randvolles Festival wie die Berlinale zu Ende geht, dann verdichten sich die Eindrücke der vergangenen Tage, und zunächst kommt es einem so vor, als habe man nur einen einzigen, überlangen Film gesehen.

Bilderfluten stürzen ineinander, Geschichten überlagern sich, Themen kristallisieren sich heraus. Alles, was in den letzten Tagen off-screen passiert ist (viel war es nicht), verschwindet im Bermudadreieck von Berlinale Palast, Sony Center und Cinemaxx. Was bleibt, ist ein Grundton, ein Geschmack, wie bei einem Wein. Und die Helden, die bleiben auch, denn sie zeigen uns, wie wir gerne wären. Oder aber, und das ist eine Geschmacksnote, die dieser Berlinalejahrgang herausbildet, nachdem die Vorhänge geschlossen wurden und das Tageslicht zurückkehrt: Sie zeigen uns, was wir sind, indem sie uns zeigen, was wir nicht sind. Ein Tier.

"Nénette" hat lange rote Haare, ist vierzig Jahre alt und lebt mit ihrem Sohn Tübo im Pariser Zoo. Sie verbringt ihre Zeit mit trägem Spiel und mit Nichtstun, das nicht so süß wirkt, wie man annehmen könnte. Nicolas Philiberts in der Sektion Forum gezeigter Dokumentarfilm über das Orang-Utan-Weibchen ist eine Reflexion über das Beobachten, wobei er auch mit Spiegelbildern arbeitet; die Menschen spiegeln sich in der Scheibe nur so lange, wie der dunkle Affenkörper die Folie bietet. Tritt der Affe zur Seite, verschwindet der Mensch.

Während wir Nénette mit den Zoobesuchern durch das Glas betrachten, hören wir deren Stimmen. So lange die Scheibe da ist, heißt es in diesem Kommentar, sehen wir die Ähnlichkeit. Wäre die Scheibe weg, würden wir um unser Leben laufen.

Philiberts Reflexion über diese Projektionen lassen sich nicht nur als Betrachtung über den Menschen, sondern auch als Betrachtung über das Kino verstehen. Dadurch, dass er sie sichtbar macht, hebelt er alle Identifikationsversuche aus. Er hält uns einen Spiegel vor, der einen Affen zeigt, der etwas ist, das wir nicht sind: einfach nur er selbst.

"Der Tag des Spatzen", ebenfalls ein Forumsfilm, wird von Filmemacher Philip Scheffner als politischer Naturfilm bezeichnet. Aufhänger ist das zufällige Nebeneinander zweier Zeitungsschlagzeilen im November 2005: Ein Spatz wirft 23.000 Dominosteine im niederländischen Leeuwarden um und wird kurzerhand erschossen. Ein deutscher Soldat stirbt in Kabul in Folge eines Selbstmordattentats.

Die Bestie als Held

Scheffner nimmt diese kuriose Koinzidenz als Aufhänger, um einen Film über die Sichtbarkeit des Krieges zu machen. Sichtbar wird dieser Krieg im Film nicht. Sichtbar ist allein der Spatz, der, im besten Sinne des Wortes, jenseits von Gut und Böse ist und seiner Natur nachgeht, ob im Militärgebiet oder anderswo. Obwohl der Film sich in allen Bereichen, von der Thematik bis hin zum Tempo, von "Nénette" unterscheidet, stellt sich beim Betrachten ein ähnlicher Effekt ein. Das spezifisch Menschliche wird sichtbar, gerade deswegen, weil ein Tier gezeigt wird.

Auf völlig andere Weise spielt Koji Wakamatsus japanischer Wettbewerbsfilm "Caterpillar" mit der Diskrepanz zwischen Mensch und Tier. Er stellt, anders als die beiden erwähnten Dokumentarfilme, nicht ein Tier in den Mittelpunkt, sondern einen Menschen, der als Kriegsverbrecher einerseits als Unmensch auftritt und als Kriegsinvalide andererseits eines Großteils seiner menschlichen Fähigkeiten beraubt ist.

Ohne Arme, Beine, Hör- und Sprechvermögen wird Leutnant Kurokawa zwar von der Dorfgemeinschaft als "Kriegsgott" verehrt, ist aber auf die Pflege seiner Frau angewiesen, die ihm in ihrer Frustration und Verzweiflung - vor allem über seine nicht-körperlichen Unfähigkeiten - schließlich seine Menschlichkeit abspricht und ihn als Raupe bezeichnet.

Gepeinigt von der Erinnerung an seine blutigen Taten stürzt sich Leutnant Kurokawa schließlich, anders ist auf eine Metamorphose nicht zu hoffen, in den Teich hinterm Haus. Er hat sich selbst im Wasserspiegel gesehen, aber es ist nicht narzistische Liebe zu sich selbst, die er empfindet, im Gegenteil, es ist Erkenntnis. Das ist der Moment, in dem er, der bestialische Mensch, zum Helden wird.

Die Helden sind diejenigen, die sich verändern im Laufe einer Geschichte. Die Helden sind nicht die Schönen, Starken und Mutigen, sie sind nicht einmal diejenigen, die am häufigsten im Bild zu sehen sind. Die Helden, egal auf welcher Seite der Scheibe, sind diejenigen, die am Ende eines Films andere sind, als sie am Anfang waren.

Und das ist ein guter Grund, ins Kino zu gehen.


Die Schriftstellerin Johanna Straub lebt in Berlin und hat mit "Das Beste daran" (Liebeskind) gerade ihren zweiten Roman veröffentlicht.

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