Aus Los Angeles berichtet Marc Pitzke
Das Ritual nimmt seinen Lauf. Der Hollywood Boulevard ist abgesperrt, die Tribünen stehen, das Empfangszelt ist aufgebaut. Arbeiter rollen den roten Teppich aus, 152 Meter lang, zehn Meter breit. Andere wickeln eine monumentale Oscar-Statue vor dem Eingang des Kodak Theatres aus ihrer Plastikhülle. Die ersten Reporter proben Aufsager. Touristen gaffen.
Jochen Alexander Freydank sitzt am Fenster eines Coffeeshops hinter dem Theater, in dem am Sonntag die Oscars vergeben werden. "Schon komisch", sagt er. "Das ist irgendwie das erste Mal, das ich diese Ecke richtig sehe."
Denn voriges Jahr steckte Freydank mitten drin in diesem Trubel - betriebsblind sozusagen. Der Berliner Filmemacher war für einen Kurzfilm-Oscar nominiert, über den roten Teppich wankte er wie in Trance. Dabei galt die Aufmerksamkeit in der Heimat damals eher jemand anderem, prominenterem: Bernd Eichinger und seinem RAF-Thriller "Der Baader Meinhof Komplex". Doch dann geschah das Unglaubliche: Eichingers Großproduktion ging leer aus - und Underdog Freydank gewann.
Ein Jahr ist das nun her. Neue Oscar-Anwärter fiebern ihrem großen Tag entgegen, probieren Fracks, Abendkleider, Dankesreden. Darunter auch wieder deutschsprachige Kandidaten: Regisseur Michael Haneke und Kameramann Christian Berger ("Das Weiße Band") sowie der österreichische Schauspieler Christoph Waltz ("Inglourious Basterds").
Die Karriere der anderen
Freydank schaut amüsiert zu, als Preisträger ist er automatisch auch stimmberechtigtes Mitlied der Academy of Motion Arts and Sciences (Ampas). Ein Ticket zur diesjährigen Gala hat er allerdings nicht, die Karten wurden per Los verteilt. Trotzdem ist er nach Hollywood gekommen. Es ist eine gute Woche für Geschäfte - und ein guter Anlass, um über die Folgen der Auszeichnung nachzudenken.
Kann der Oscar das Leben eines Hollywood-Außenseiters wirklich verändern? Florian Henckel von Donnersmarck, 2007 ausgezeichnet für "Das Leben der Anderen", dreht jedenfalls gerade mit Angelina Jolie und Johnny Depp. Florian Gallenberger, Preisträger 2001, heimste seither noch etliche weitere Preise ein, darunter zuletzt den Deutschen Filmpreis.
Und Freydank? Seine Holocaust-Vignette "Spielzeugland", die ihm den Oscar einbrachte, geistert heute als DVD-Raubkopie durch Asien. Zuhause in Deutschland jedoch hat Freydank, 42, im vergangenen Jahr Anrufe von exakt drei Filmproduzenten bekommen, die er zuvor noch nicht gekannt hatte. "Drei!", sagt er lachend. "Richtig gefördert hat das meine Karriere wohl nicht."
Er will keineswegs jammern. Der Oscar habe seinem Selbstbewusstsein einen enormen Schub gegeben, habe sein "Leben in Deutschland massiv verbessert" und seinen "Namen aufgewertet", nach 20 Jahren Schufterei, bei der er sich am Ende gefragt habe: "Warum tu' ich mir das überhaupt an?" Seit einem Jahr aber weiß er, was er will - und kann: Geschichten erzählen. Selbst wenn das trotz Oscar nicht unbedingt leichter geworden ist.
Die Preisnacht war ein einziger Rausch für den früheren DDR-Bürger gewesen: Der Sprung auf die Bühne des Kodak Theatres. Der panische Blick auf den Teleprompter, der ihm sogar noch 15 Sekunden extra Zeit gab. Die Party im Garten eines Luxushotels unweit des Sunset Boulevards, wo eigentlich Eichinger Hof hielt.
So unvorbereitet war Freydank auf den Sieg, dass er nach der Oscar-Verleihung nicht mal eine Ruhepause eingeplant hatte: "Am nächsten Morgen bin ich wieder nach Leipzig, zu meinem ganz regulären Produzentenjob."
In Deutschland hielt die Begeisterung zwei, drei Wochen an. Interviews, ein paar Porträts in den Tageszeitungen, ein Besuch bei "Wetten, dass...?" Dann wurde Freydank in der Öffentlichkeit wieder vergessen.
Deutschland flop, USA top
Die Umarmung durch Hollywood hingegen dauert bis heute an. US-Produzenten buhlen um ihn. Sogar die Weinsteins, die legendären, Oscar-verwöhnten Produzentenbrüder ("Shakespeare in Love") haben angerufen . "Ich wollte nie nach Hollywood", sagt Freydank - und doch ist er inzwischen alle paar Monate hier. Man zeigt sich interessiert, man fragt ihn, welches Genre ihm denn zusage ("Das fragt dich in Deutschland keiner"), schickt ihm dauernd Drehbücher: "Thriller, viel Horror, eine schwarze Komödie".
Dennoch will Freydank Deutschland treu bleiben. Auch wenn er sein "Herzensprojekt" dort nicht finanziert bekommt. Franz Kafkas Erzählung "Der Bau" will er verfilmen; ein Budget von 1,8 Millionen Euro hat er avisiert, doch nur die Hälfte zusammentrommeln können, dank Arte und den Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Saarland.
Die BMK Filmförderung des Bundes hat seinen Antrag abgelehnt. Kommentarlos, obwohl er persönlich angerufen hatte. "Die Beamtin raschelte nur mit ihren Papieren."
Kein Kinderspiel
"Spielzeugland" wurde im November beim Deutschen Kurzfilmpreis sogar ganz ignoriert. "Ich bin", sagt Freydank, "irgendwie schon traurig." Aber klagen will er nicht. Er arbeitet an seinem ersten "Tatort", den er im April drehen soll. Im Sommer möchte er "etwas Theater machen". Er schreibt an einem Drehbuch, "aber das dauert noch etwas". Ein Hollywood-"Riesenprojekt" wie Donnersmarcks schlagzeilenträchtiges US-Starvehikel "The Tourist", dessen Dreharbeiten kürzlich begannen, sage ihm sowieso nicht zu.
Und "Spielzeugland"? Hat am Ende sogar Geld abgeworfen. 10.000 Euro, weniger als zehn Prozent der Kosten, aber immerhin. Die hat er in gleichen Teilen an sein Team verteilt, "da bekam jeder 90 Euro".
Die Negative seines Oscar-Werks sind übrigens verschollen. Das Kopierwerk Babelswerk, in dem sie entstanden waren, hat Pleite gemacht: "Ich bin immer noch auf der Suche."
Nebenan im Kodak Theatre laufen die letzten Proben für die Preisnacht. Gärtner verzieren die Freitreppe mit Blumengestecken. Eine Reihe großer Oscar-Statuen wartet in einer kleinen Seitenstraße auf ihren Marschbefehl.
Für seinen eigenen Oscar, sagt Freydank, habe er in Berlin extra seine Villa vergrößert, ein eigenes Zimmer gebaut. Kunstpause, er grinst. "Natürlich nicht", sagt er dann. "Der steht im Regal im Arbeitszimmer."
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Haben Sie den Artikel überhaupt gelesen? Oder nur die Überschrift, um dann höhnisch zu triumphieren "haha, war wohl nichts mit dem Erfolg in Übersee!" ? Es ging in dem Artikel doch eben darum, dass Herr Freydank gar [...] mehr...
Ganz im Gegenteil. Da hat einer Brecht nicht verstanden und auch noch falsch zitiert. Und auch die Zeichen der Zeit nicht gesehen: Der gute BB ist längst wieder aktuell. Man muß ihn nicht als LINKEN lesen, dann fällt der Groschen! mehr...
wer nicht will ... der hat schon. drei produzentenanfragen nach einem oskar-gewinn aus deuschlandesh - wow! beindruckend, dies interesse! offenbar ist die deutsche filmlandschaft hinreichend gesättigt mit international [...] mehr...
Jochen Freydank ist viel zu realistisch und bodenständig um sich große Illusionen zu machen. Überraschungen gibts trotzdem, aber vor dem Abheben ist der Mann gefeit. Das angenehme Gegenstück zu Henkel von Donnersmarck. mehr...
Kinofilme sind das mehr oder weniger erfolgreiche Ergebnis, aus Geld mehr Geld zu machen. Dafür eignet sich ein Kurzfilm, auch wenn er ästhetisch gelungen ist, überhaupt nicht. Abgesehen davon, Themen wie dieser Freydank sind [...] mehr...
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