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22.02.2010
 

Schauspielerin Sibel Kekilli

"Die Toleranz habe ich von den Deutschen"

"Die Fremde": Große Rolle für Sibel Kekilli
Fotos
DPA

Im Ehrenmord-Drama "Die Fremde" spielt Sibel Kekilli ihre größte Rolle seit Fatih Akins "Gegen die Wand" - im Interview mit dem KulturSPIEGEL spricht die Deutschtürkin über das Islambild der Medien, Ignoranz im Umgang mit Migranten und die Werte, die sie in Deutschland vermittelt bekommen hat.

KulturSPIEGEL: Frau Kekilli, am 11. März startet "Die Fremde". Sie spielen darin eine Türkin, die ihren Mann in Istanbul verlässt und Zuflucht bei ihrer Familie in Berlin sucht. Doch sie wird verstoßen und muss bald um ihr Leben fürchten. Ist Ihnen das Thema Ehrenmord ein persönliches Anliegen?

Sibel Kekilli: Natürlich geht mir das Thema nahe, ich engagiere mich ja auch bei "Terre des Femmes" dagegen. Es gibt viel zu wenige Filme, die sich ernsthaft damit auseinandersetzen. "Die Fremde" beschönigt nichts, verurteilt aber auch nicht einfach die Familie. Für eine Schauspielerin ist so eine Rolle nichts anderes als ein Traum. Als junge Frau wird man ja gern mal als Kirsche auf dem Sahnehäubchen besetzt. Als ich "Gegen die Wand" gedreht habe, sagte mir meine Kollegin Catrin Striebeck, so eine Rolle komme für eine Frau in dieser Branche vielleicht alle zehn Jahre. Jetzt hat es eben sechs Jahre gedauert.

KulturSPIEGEL: Erleben Sie diesen Film selbst als Ihr Comeback?

Sibel Kekilli: Ich war doch nie weg. Ich will die Filme, die ich dazwischen gemacht habe, auf keinen Fall kleinmachen. Es waren eben nur kleinere Rollen - zumindest in denen, die in Deutschland rausgekommen sind. "Winterreise" mit Josef Bierbichler ist immer noch einer meiner Lieblingsfilme. Ich habe zum Beispiel auch in der Türkei einen Film gedreht, der hat so was wie den deutschen Filmpreis in der Türkei bekommen.

KulturSPIEGEL: Werden Sie in der Türkei als Star wahrgenommen?

Sibel Kekilli: Ich mag das Wort nicht, aber das ist schon so. Es gibt dort mehr Personenkult als hier, da wird man schon am Flughafen von Paparazzi abgefangen. Mir persönlich ist das zu viel, aber auf der anderen Seite finde ich es schön, dass sie sich für mich interessieren. Die finden es vielleicht auch toll, dass Türken in Deutschland arbeiten und Erfolg haben können.

KulturSPIEGEL: Nach "Gegen die Wand" hat die Presse Ihre Vergangenheit als Pornodarstellerin und den Bruch mit Ihrer Familie publik gemacht. Wie wurde in der Türkei damit umgegangen?

Sibel Kekilli: Über dieses Thema rede ich nicht. Vergangenheit ist Vergangenheit. Ich habe mich damals geäußert, aber jetzt ist es auch gut. Ich will mit meiner Arbeit im Vordergrund stehen. Ich komme mir manchmal vor wie eine kaputte Schallplatte.

KulturSPIEGEL: Und was Sie damals gesagt haben, gilt auch noch heute?

Sibel Kekilli: Auch das kommentiere ich nicht.

KulturSPIEGEL: Auffällig ist, dass Sie sich von der "Bild"-Zeitung wieder interviewen lassen, obwohl Sie der Zeitung bei der Bambi-Verleihung 2004 eine Hetzkampagne gegen Sie vorwarfen. Hat man sich bei Ihnen entschuldigt?

Sibel Kekilli: Nun, es hat Gespräche gegeben, und jetzt ist es okay. Wenn man mir die Hand reicht, dann nehme ich sie an. Ich kann verstehen, dass sich Leute für diese Geschichten interessieren, aber mich interessiert das alles nicht mehr. Ich finde meine Filme sind wichtiger als ich selbst.

KulturSPIEGEL: Ist "Die Fremde" ein Statement in der aktuellen Debatte um Frauen im Islam?

Sibel Kekilli: Natürlich will der Film sagen, dass wir nicht so schnell wegschauen sollen, dass man nicht alles tolerieren darf. Dass Gewalt verhindert werden muss. Aber es wird ja kein Schwarzweißbild entworfen mit dem lieben, unterdrückten Mädchen auf der einen Seite und der bösen Familie auf der anderen. Es gibt eine Szene, in der die Hauptfigur immer wieder die Hochzeit ihrer Schwester stört, weil ihr Sohn so gern dabei wäre. Da dachte ich auch: Du machst dich jetzt nicht gerade sympathisch! Ihre Eltern und Geschwister sind genauso verzweifelt wie sie, und sie fühlen sich natürlich auch in die Ecke gedrängt. Der Film verlangt dem Publikum für beide Seiten ein gewisses Verständnis ab.

KulturSPIEGEL: Viele halten den Islam für eine grundsätzlich gewaltbereite Religion, die Soziologin Necla Kelek hält ihn für nicht reformfähig. Wie sehen Sie das?

Sibel Kekilli: Ich habe mit jeder Form von organisierter Religion nichts zu tun, aber das finde ich zu hart. Die Christen haben ja auch keine rühmliche Vergangenheit und gelten heute als einigermaßen friedlich. Im Alten Testament stehen einige Dinge, die man ziemlich radikal interpretieren kann, wenn man denn möchte. So ist es mit dem Koran eben auch. Gehen Sie nach Istanbul und Sie finden Unmengen moderner, friedlicher Muslime. Das Islambild in den deutschen Medien wird aber überwiegend von den hier lebenden türkischen Gemeinden bestimmt, die sich nicht so schnell weiterentwickelt haben wie die Türken in der Türkei.

KulturSPIEGEL: Warum nicht?

Sibel Kekilli: Die waren und sind viel zu isoliert. Viele sind in den Siebzigern aus ihren Bergdörfern hier rübergekommen und waren erschrocken über das Leben hier. Sie hatten Heimweh und Angst und haben sich so nur noch mehr verschlossen. Sie haben ihre eigene Welt aufbauen können, unberührt von deutscher Kultur und Einflüssen der Moderne.

KulturSPIEGEL: Ändert sich das jemals?

Sibel Kekilli: Gute Frage. Ich habe eher das Gefühl, dass die Generation nach mir hier noch nationalistischer wird. Deren Eltern mussten sich kaum integrieren, aus der Türkei geholte Ehepartner mussten nicht mal einen Sprachkurs machen. Hier wurde ja immer nur weggeguckt und lächelnd toleriert, wenn ein Kind nicht zum Sportunterricht kommen durfte oder wenn ein Mädchen plötzlich nicht mehr zur Schule kam, weil sie verheiratet worden war. Gleichzeitig erleben die jungen Leute hier, dass sie immer noch nicht im Land akzeptiert werden. Als südländisch aussehender Junge kommt man hier in kaum einen Club rein, ein Mann mit türkischem Namen bekommt niemals die Wohnung, für die sich gleichzeitig ein Deutscher beworben hat. Klar, dass da viele immer frustrierter werden und sich weiter zurückziehen.

KulturSPIEGEL: Haben Sie Kontakt zu diesen verschlossenen türkischen Gemeinden in Deutschland?

Sibel Kekilli: Nein, meine Freunde sind alle offen und modern. Ich suche auch gar keinen Zugang, ich bin ja keine Migrationsbeauftragte. Aber ich leugne auch nicht meine türkische Herkunft. Die türkische Sprache ist sehr poetisch, die Musik unglaublich schön, und die Menschen sind sehr warmherzig. Das ist mir sehr wichtig, genau wie die Disziplin, das Freidenkende und die Toleranz - die Werte, die ich von den Deutschen habe.

KulturSPIEGEL: Haben Sie jemals Kopftuch getragen?

Sibel Kekilli: Nur in Filmen. Grundsätzlich habe ich kein Problem damit. Ich finde es völlig okay, wenn es jemand freiwillig trägt. Aber wenn ein siebenjähriges Mädchen eins trägt, kann mir niemand erzählen, dass sie es freiwillig tut. Trotzdem muss man nicht jede Frau mit Kopftuch für ein unterdrücktes Opfer halten.

KulturSPIEGEL: Könnten Sie sich ganz von diesem Gedanken freimachen, wenn Sie eine Frau in einer Burka auf der Straße sähen?

Sibel Kekilli: Wenn ich ehrlich bin: wahrscheinlich nicht. Ich habe auch meine Vorurteile. Leider.

Das Interview führte Daniel Sander

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insgesamt 25 Beiträge zum Forum...
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30.04.2010 von Chinasky: Tolle Schauspielerin

Eine großartige Schauspielerin, die unsere deutsche Filmszene wirklich bereichert (ebenso wie dies Fatih Akin tut) . Wie sie sich da im Interview gegen die Zumutungen des Interviewers verwahrt, nochmal die ollen Porno-Kamellen [...] mehr...

15.03.2010 von aat:

Sicher, die Ehe ist die eine Möglichkeit, aber nicht die Einzige. Es gibt etliche Beispiele für Integration ohne Heirat. Voraussetzung dafür ist allerdings, wir uns auch für ausländische Minderheiten interessieren und das die, [...] mehr...

15.03.2010 von heinzelmann200: Die Preußen und die Bayern

Erstens heißt es immer noch "Saupreiss" und zweitens hat da tatsächlich niemand von "nicht integriert" gesprochen. Die Saupreissen wurden beleidigt und ignoriert. Die haben sich dann mit den Bayern [...] mehr...

15.03.2010 von heinzelmann200: Integration - Alles nur Geschwätz

Es hat was mit Leseschwäche zu tun, wenn man den eigenen Pass nicht lesen kann. Da kann ich genausogut von "uns Türken" reden wie die Frau Kekilli. Ich bringe die gleichen Voraussetzungen wie sie mit: In Deutschland [...] mehr...

14.03.2010 von aat: Mühe

Haben Sie sich eigentlich jemals die Mühe gemacht, die Inhalte von Fatih Akins Filmen verstehen zu wollen ? Und was Sie von sich gibt ist in keinster Form uninteressant. Sie kritisiert * beide * Seiten und das auch zurecht ! [...] mehr...

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© KulturSPIEGEL 3/2010
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Heft 3/2010 "Ich habe meine Vorurteile" Sibel Kekilli über das Leben der Türken in Deutschland

Zur Person

DPA
Sibel Kekilli, 29, wurde in Fatih Akins mehrfach prämiertem Film "Gegen die Wand" einer größeren Öffentlichkeit bekannt. "Die Fremde", Geschichte eines Ehrenmordplans, bietet Kekilli die zweite große Rolle ihres Lebens.

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Die Fremde

Regie: Feo Aladag

Buch: Feo Aladag

Darsteller: Sibel Kekilli, Nizam Schiller, Derya Alabora, Settar Tanriogen, Serhad Can

Produktion: Feo Aladag, Züli Aladag, Independent Artists Filmproduktion

Länge: 119 Minuten

Start: 11. März 2010

Offizielle Website zum Film






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