Von Thorsten Dörting
Wer Interesse daran hat, möge sich an die Herren Steve "Lips" Kudlow und Robb Reiner wenden. Die beiden Kanadier stehen einer Heavy-Metal-Band namens Anvil vor, sie üben sich seit rund 30 Jahren in der Kunst des würdevollen Verlierens, und sie haben es darin zu einer Meisterschaft gebracht, die jeden zu Tränen rühren und jeden zum Lachen verleiten wird, der sein Herz noch nicht in Zynismus ersäuft hat. Sogar leidenschaftliche Headbanger-Hasser werden diese zwei Männer lieben, wenn sie "Anvil - The Story of Anvil" gesehen haben, eine grandiose Tragikomödie mit den Mitteln des Musikfilms, die jetzt in den deutschen Kinos läuft.
Anvil standen mal, das war in den frühen Achtzigern, kurz davor, ganz groß rauszukommen. Sie hatten zwei brettharte und ultraschnelle Alben vorgelegt, die das Geknüppel-Genre des Thrash Metal vorwegnahmen, mit dem wenige Jahre später Bands wie Metallica und Slayer ihr Aufstieg zu Weltstars gelang. Sie tourten mit den Scorpions, mit Bon Jovi und Whitesnake, ihre Bühnenshow wirkt heute wie eine gigantische, zum Klischee eines Klischees geronnene Travestienummer: Steve "Lips" Kudlow, Sänger und Gitarrist im Bondage-Outfit, bearbeitete seine Flying-V mit einem Dildo, der Rest der Truppe schüttelte seine lächerlich frisierten Mähnen und machte Rockposen-Gymnastik in Spandex-Höschen.
Anvil sahen damals also auf gute Weise schlecht aus. Doch sehr bald sah es für Anvil nur noch schlecht aus.
Alltag der Wannabe-Rockstars
Vor der Beantwortung der Frage, warum es die Band dann doch nie nach oben schaffte, scheut der Film ein wenig zurück. Die Band und ihre Freunde sprechen von beschissenem Management, skrupellosen Plattenfirmen, miesen Produktionen, Kritiker könnten einwerfen: Kommerziell anbiedernde Alben vergrätzten viele Fans, später folgte nur die Wiederholung des Immerselben. Aber eigentlich ist das alles herzlich egal, denn "The Story of Anvil" erzählt wie wohl kein zweiter Musikfilm von bedingungsloser, unendlich naiver Liebe zum Rock 'n' Roll, vom manischen Sehnen nach den großen Bühnen, von der Kunst, mit Würde zu scheitern, immer wieder. Und von der Zuneigung zweier Männer zueinander, die sich als Teenager geschworen haben, gemeinsam zu rocken, bis sie alt sind und grau - und denen dieses Versprechen oft mehr bedeutet, als es ihnen und ihren Familien gut tut.
Als Regisseur Sacha Gervasi den Anvil-Drummer Reiner und Kudlow im Jahr 2005 erstmals für seinen Film traf, waren sie Familienväter Anfang Fünfzig, die Mähnen hatten sich gelichtet, die Stretchhosen saßen auch nicht mehr so recht. Gervasi kannte die beiden von früher: Er war in den Achtzigern als Teenager von daheim abgehauen, um als Roadie mit Anvil zu touren. Nachdem er sich später mit einigem Erfolg als Musiker bei den englischen Indie-Rockern Bush versucht hatte, stieg er ins Filmgeschäft ein und machte Karriere als Drehbuchautor.
Dustin Hofmann übt Metal-Posen
Gervasi und sein Team begleiteten Reiner und Kudlow knapp drei Jahre lang, hielten etwa den zutiefst unglamourösen Alltag der Wannabe-Rockstars fest, den sie mit vielen Metal-Fans teilen dürften, die sich ja überwiegend aus der weißen working class rekrutieren: Der von vielen Musikern als genialischer Drummer verehrte Reiner muss sich auf dem Bau krumm machen, der Rock-Entertainer Kudlow kutschiert Schulessen auf Rädern durch die Gegend. Auf der "größten Tour seit 20 Jahren", organisiert von einer Dame, deren Leidenschaft nur noch von ihrer Inkompetenz übertroffen wird, spielen Anvil auf dem Monsters of Transylvania-Festival; in die 10.000-Mann-Arena verirren sich 174 Zuschauer. In Schweden erlebt Kudlow demütigende Szenen, als er backstage auf echte Rockstars trifft, ehemalige Weggefährten, die sich achselzuckend oder peinlich berührt abwenden, als er von früher schwärmt.
Wir sehen auch, wie Kudlows Ehefrau sich selbst versichert: Am Ende wisse ihr Mann natürlich, dass die Familie das Wichtigste sei. Dabei läuft ihr eine Träne über die Wange, und man ahnt: Sie will das glauben, was sonst bliebe ihr übrig? Reiners Schwester konstatiert knallhart: "Es ist vorbei. Es ist vorbei seit langer Zeit." Seine Frau, ein in die Jahre gekommenes blondes Rock-Chick, zuckt trotz dieses brutalen Aussprechens einer Lebenslüge kaum merklich zusammen. Und wir werden Zeuge einer der romantischsten Szenen der jüngeren Filmgeschichte. Als Kudlow sich bei den Aufnahmen zum mittlerweile dreizehnten Album (seine Schwester hat's bezahlt) in Rage redet und ruft, er könne ja auch von einer Klippe springen, das sei dann halt der einfache Weg, schreitet Reiner ein: Nein, das würdest Du nicht, weil ich Dich davon abhielte. Sie schauen sich in die Augen. In ihrem Blick liegt zunächst Scham und Überraschung über diese ungelenke Liebeserklärung - dann ein unendlich zärtliches Einverständnis.
Nach solchen Szenen bliebe wenig, als den Alt-Metallern und ihren Familien weiterhin sehr viel Durchhaltewillen zu wünschen. Doch Anvils Geschichte ging weiter, nachdem der Film abgedreht war. "The Story of Anvil" lief 2009 auf einer Reihe von kleineren Filmfestivals; das sonst als notorisch abgebrüht bekannte Branchen-Publikum schluchzte und lachte, Juroren verteilten eifrig Preise. Kritiker von der "Times" über den "Guardian" bis zur "New York Times" überschlugen sich mit Lob, verwiesen etwa auf (bestehende, aber ironisch gemeinte) Parallelen zur legendären Rock-Mockumentary "This is Spinal Tap". Der Agitprop-Held Michael Moore schwärmte gar vom "besten Dokumentarfilm, den ich seit Jahren gesehen habe". Zur Premiere des Films in Los Angeles hielt Keanu Reeves eine Rede, Hollywood-Altstar Dustin Hofmann ließ sich dort gar von Kudlow und Reiner in die gängigen Metal-Posen einweisen. Anvil waren plötzlich die Doku-Darlings der Saison und alles deutet derzeit darauf hin, dass sie davon nachhaltig profitieren können: neue Tourneen sind gebucht, das eine oder andere alte Album wurde auch verkauft.
"We're gonna be Rockstars, it's a Dream!", ruft Steve "Lips" Kudlow im Film aus. Vielleicht erfüllt sich also sein Traum nun wenigstens ein bisschen. Und wäre nicht das Schönste daran, wenn ausgerechnet das Dokument ihres Scheiterns diese Band am Ende groß gemacht hätte?
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Noch schlechter als die Puhdys auszusehen geht eigentlich gar nicht. Die waren auch in ihren besten Zeiten kein Hingucker. Was heißt denn "nie erwachsen" werden? Ist Erwachsenwerden gleichbedeutend mit "mein [...] mehr...
Wenn ich richtig gelesen habe, ist er doch jetzt erst in D angelaufen, Promotion für einen guten Film ist doch ok, oder? mehr...
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