Von Daniel Haas
"Du bist schön, du bist wertvoll", sagt die Frau. "Essen ist gut. Lass die Diät. Wenn du von diet das t entfernst, was hast du dann? To die - sterben." So klang es, wenn die Komikerin und Moderatorin Mo'Nique Werbung machte für ihre Dokushow "Fat Chance". In der Sendung konkurrierten übergewichtige Frauen um den Titel der Miss F.A.T., Miss Fabulous and Thick.
Dieselbe Frau spielt in "Precious" eine kettenrauchende Sozialhilfeempfängerin, die ihre esssüchtige Tochter diffamiert, prügelt und missbraucht. In einer Szene zwingt sie das schwer übergewichtige Mädchen, einen Berg Schweinsfüße zu essen. Lebensmittel als Folterinstrument.
Mo'Nique hat für ihre Rolle den Oscar für die beste weibliche Nebenrolle bekommen. Sie ist stolz auf ihren fülligen Körper; in ihren Comedy-Shows beschimpft sie mit Hingabe die "skinny bitches", die dürren Schlampen, die bloß aufpassen sollen, dass ihnen nicht die Männer weglaufen.
Genau so direkt bekennt sich die Schauspielerin dazu, sexuell missbraucht worden zu sein. Ja, die Arbeit an "Precious" sei schwer gewesen, sagte sie in einer Talkshow. Sie habe ein Monster gespielt, aber dabei etwas Entscheidendes begriffen: "Diese Menschen sind geisteskrank." Und was die Opfer anbetrifft: "Man darf niemanden wegen seines Aussehens oder Verhaltens verurteilen."
Wenn "Precious" nun in die deutschen Kinos kommt, dann platzt er in die Aufarbeitung des größten Missbrauchskandals in der Geschichte der Republik. Dass die Täter geistig und seelisch krank sind, steht außer Frage. Aber das Verurteilen - auch der Opfer -, das ist ein komplizierteres Problem. Denn die von Missbrauch gequälten Menschen tun sich oft selbst Gewalt an, panzern sich mit Feindseligkeit, um sich eine Welt vom Leib zu halten, von der sie nur das Schlimmste zu erwarten haben.
Logik des Missbrauchs
Im Fall von Clareece "Precious" Jones sieht das so aus: Sie wird vom Vater zum ersten Mal missbraucht, als sie drei Jahre alt ist. Mit 16 wird sie schwanger, bekommt ein Kind mit Down Syndrom. Auch mit dem HI-Virus wird sie infiziert. Die Mutter misshandelt sie täglich. Als die Gewalt in einem Mordversuch eskaliert, haut Precious ab.
Sie kommt bei einer Lehrerin (Paula Patton) unter. In deren Klasse hat sie zu diesem Zeitpunkt auch schon ein paar Freunde gewonnen, alles Streuner und misshandelte Kids wie sie. Sie bringt ihr zweites Kind zur Welt. Und stellt sich einem Gespräch mit der Mutter im Beisein einer Sozialhelferin (exzellent: Mariah Carey).
Da sitzt sie dann einer Frau gegenüber, die so zerstört ist und dabei doch so aufrichtig, dass einen die Sätze treffen wie Faustschläge. Ihre Tochter habe ihr den Ehemann weggenommen. Deshalb hasse sie sie so. Es sei doch ihr Mann gewesen! Und wer habe sie denn geliebt?
Das Gewicht der Übergrößen-Entertainerin Mo'Nique hat sich da in ein schreckliches Zeichen verwandelt: Es ist das äußerlich sichtbare Stigma der Gewalt, die sich, potenziert auf die Nachkommen, auf die Opfer überträgt.
Entsprechend konsequent hat Regisseur Lee Daniels die Darstellerin der Precious gecastet: Gabourey Sidibe wiegt über 150 Kilo - perfekt für die Rolle eines Menschen, der sich in seinem Körper verschanzt wie in einer Festung und sich dabei gleichzeitig abschirmt von sich selbst, weil das Gefühl der Verzweiflung ihn eigentlich vernichten müsste.
Kino als Therapie
Auch Sidibe hat von der tröstlichen Wirkung des Films gesprochen: Als Psychologiestudentin und angehende Therapeutin wolle sie Menschen helfen, erklärte sie im Interview. Aber das könnten maximal 50 pro Woche sein. Mit dem Film erreiche sie Millionen.
In den USA löste "Precious" eine hitzige Debatte aus. Afroamerikanische Kritiker erklärten, der Film und auch die sehr prominente Romanvorlage "Push" bedienten rassistische Klischees. Mit der Rolle von Precious' Mutter werde wieder das Stereotyp der Sozialhilfe abzockenden Schwarzen mobilisiert, jenes Schreckgespenst der welfare queen, das die Reagan-Administration zum Symbol übelsten Parasitentums gemacht hatte.
Auch seine Zeitbezogenheit hätte der Film deutlicher herausstellen müssen. Schließlich spiele "Precious" im Jahr 1987, als Crack in Amerika ganze Stadtteile verwüstete. Heute hingegen nähmen selbst schwarze Jugendliche weniger Drogen als ihre weißen Altersgenossen.
Die Geschichte der Afroamerikaner, die komplexen Strukturen des Rassismus, die diffizilen Anforderungen der politischen Korrektheit: All das steht mit "Precious" zur Diskussion. Die hiesige Rezeption kann diese Kontroversen nur mitverfolgen. Für eine Klärung fehlt es uns an Erfahrung im Umgang mit den Themen Rasse und Klasse, sie kommen in unserer Kulturindustrie nur am Rande vor.
Doppelte Parteinahme
Der Film hat aber auch einen universellen Anspruch. Wenn - wie in Mo'Niques schrecklichem Monolog - der Hass und die Perversion der Missbraucher schonungslos zum Ausdruck kommt, ist dies eine doppelte Parteinahme. Zum einen für die Opfer, denn es wird deutlich, welcher vernichtenden Pathologie sie ausgesetzt sind.
Zum andern für die Täter, nicht im Sinne der Entschuldigung, sondern im Zeichen der Aufklärung: Seht, aus welcher grausigen Logik heraus dieses Verbrechen entsteht. Dämonisiert nicht den Missbraucher, sondern erkennt ihn als das, was er ist: ein kranker und hochgefährlicher Mensch, vor dem man andere schützen muss.
Auch du bist schön: Der von der ästhetischen Norm abweichende Mensch weiß das nicht immer, manchmal muss man es ihm sagen. Und wenn sein Selbstwert und seine Wahrnehmung durch ein Verbrechen zerstört sind, gibt es nun eine weitere Geschichte, die zu ihm spricht. Sie handelt von einer jungen Frau, die alles Mögliche ist - arm, ungebildet, esssüchtig, HIV-positiv -, aber eben auch tapfer und mutig. In einem Wort: Kostbar. Precious.
Auf anderen Social Networks posten:
@ ...ergo sum: Kuck dir erst mal den Film an und quirl nicht den Wortlaut des Artikels dermassen durcheinander. Das wirkt nicht besonders schlau. @ OttoKa: Oprah Winfrey (genauso wie Tyler Perry) stehen hier nicht [...] mehr...
Oder ist das nur mir aufgefallen? "Man darf niemanden wegen seines Aussehens oder Verhaltens verurteilen." bzw. in ihren Comedy-Shows beschimpft sie mit Hingabe die "skinny bitches", die dürren [...] mehr...
Den Film nicht gesehen, aber Hauptsache erst mal Stunk dagegen machen. Man ist ja in Dtl. und es darf nichts einfach mal so sein wie es ist. Wird sich doch sicher irgend was finden, womit sich der Film schlecht machen lässt! [...] mehr...
... manipulativ dieser Streifen. Oprah Winfrey verarscht mal wieder die sozial Schwachen (sie steht maßgeblich dahinter). Aber schöne (bis reißerische) Bilder. Da wird einem wieder klar wie arm die Bilder deutscher Filmkunst [...] mehr...
Da ich den Film nicht sehen konnte muß ich mich an die Aussagen im Artikel halten. "Dieselbe Frau spielt in "Precious" eine kettenrauchende Sozialhilfeempfängerin, die ihre esssüchtige Tochter diffamiert, prügelt [...] mehr...
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