Von Martin Wolf
Cary Fukunaga hockte auf dem Dach eines Güterzuges, über ihm der Sternenhimmel von Mexiko, Glühwürmchen flogen durch die Nacht. Es war eng auf dem Dach. Rund 700 Reisende saßen dort mit ihm, tagelang. Männer, Frauen und Kinder aus Mexiko, Honduras, Guatemala oder Nicaragua, übermüdet, erschöpft, pleite, aber voller Hoffnung, auf dem Weg in eine vermeintlich bessere Zukunft - in die USA.
Für Cary Fukunaga war der Weg das Ziel. Der Amerikaner, Jahrgang 1977, Regie-Student an der New York University, recherchierte für seinen ersten Spielfilm. Er wollte mit eigenen Augen sehen, welche Risiken viele Latinos auf sich nehmen müssen, um überhaupt bis an die Grenze zwischen Mexiko und den USA zu gelangen. Eine Grenze, die immer schärfer bewacht wird, um illegale Einwanderer abzuschrecken, und an der jedes Jahr rund tausend Menschen sterben.
Die Fahrt auf den Güterzügen durch Mexiko aber ist noch viel gefährlicher. Reisende stürzen vom Dach und kommen unter die Räder. In einer Nacht griffen Gangster Fukunagas Zug an, Schüsse fielen. Werner Herzog, Vorbild aller Guerilla-Regisseure, wäre vermutlich begeistert gewesen.
"Sin Nombre", das Ergebnis von Fukunagas Recherchen, hatte 2009 Premiere auf dem Sundance Film Festival und gewann dort den Preis für die beste Regie. Diese Woche kommt "Sin Nombre", "Ohne Namen", in die deutschen Kinos. Es ist ein faszinierendes Kino-Debüt: ein Thriller, eine Liebesgeschichte und ein quasi-dokumentarisches Flüchtlingsdrama, das in einer Welt spielt, von der viele gar nicht wissen, dass sie existiert.
Treffen im rollenden Ghetto
Der Regisseur erzählt zwei Geschichten, die erst parallel laufen und sich dann - im rollenden Ghetto, auf dem Dach eines Zuges - treffen. Sayra (Paulina Gaitan), ein Teenager aus Honduras, will gemeinsam mit ihrem Vater und einem Onkel nach New Jersey, zu Verwandten. "Wo ist New Jersey?", fragt Sayra. Die Landkarte, die sie dabei haben, zeigt nur den Süden der USA, das muss reichen.
Casper (Edgar Flores), 18 Jahre alt, lebt im mexikanischen Bundesstaat Chiapas. Seine Ersatzfamilie ist eine Gangsterbande, die real existierende Mara Salvatrucha, die halb Mittelamerika terrorisiert. Zum Aufnahmeritus gehört, dass jeder Neuling, selbst wenn er noch ein Kind ist, für die Gruppe einen Mord begehen muss. Die Mitgliedschaft in der Mara Salvatrucha - häufig erkennbar an martialischen Tätowierungen, auch im Gesicht - endet in der Regel erst mit dem Tod, Ausstieg unmöglich.
Casper, sein Boss und ein zwölfjähriger Mara-Novize entern einen dieser Flüchtlingszüge, bewaffnet mit Revolver und Machete rauben sie die Reisenden aus. Als der Anführer auch noch ein Mädchen vergewaltigen will, greift Casper ein und rettet es. So wird auch er zum Flüchtling, gejagt von den eigenen Leuten, die in ihm einen Verräter sehen. Das gerettete Mädchen ist Sayra.
Ein Spielfilm, kein Leitartikel
"Sin Nombre" folgt dem Paar auf seiner Odyssee durch eine post-apokalyptische Landschaft voller Müllberge und Fabrikruinen. Manchmal werfen Anwohner den Flüchtlingen Orangen zu, anderswo fliegen Steine. Auf einem Berggipfel steht eine Jesusstatue. Die Reisenden bekreuzigen sich.
"Sin Nombre" hat in den USA eine Debatte ausgelöst, nicht nur wegen einiger Gewaltszenen, die dem Film Vergleiche mit dem brasilianischen Slum-Krimi "City of God" eingebracht haben. Die "New York Times" warf Fukunaga vor, die Entbehrungen seiner Helden dienten letztlich nur der Unterhaltung des Publikums. "Das Elend der Dritten Welt" drohe "in ein Programmkino-Abenteuer" verwandelt zu werden.
Tatsächlich ist "Sin Nombre" ein Spielfilm, kein Leitartikel. Fukunaga beobachtet, er kommentiert nicht. Sein Film dürfte auch solche Zuschauer für das Schicksal von Flüchtlingen sensibilisieren, die keine Jahresberichte von Menschenrechtsorganisationen lesen.
Die bittere Ironie liegt eher darin, dass die USA seit dem Ende der Dreharbeiten viel von ihrer Anziehungskraft für arme Einwanderer verloren haben. Unzählige ehemalige Flüchtlinge aus dem Süden, die als Bauarbeiter in Phoenix, als Gärtner in Beverly Hills oder Zimmermädchen in Miami Beach arbeiteten, haben wegen der Wirtschaftskrise ihre Jobs verloren und kehren zurück in die alte Heimat.
Cary Fukunaga ist auf seiner Reise mittlerweile in Hollywood gelandet. Wegen des Erfolgs von "Sin Nombre" dreht er jetzt mit Stars wie Judi Dench: Er verfilmt "Jane Eyre", den berühmten Roman von Charlotte Brontë. Ein Sozialdrama, was sonst.
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So, wie seit jeher jeder darauf bestand, dort zu bleiben, wenn er erst einmal da war. Warum jetzt plötzlich nicht mehr? mehr...
"Sin Nombre" habe ich vor einigen Monaten gesehen. Der Film ist gut, aber nicht überragend. mehr...
Spiegel: Die "New York Times" warf Fukunaga vor, die Entbehrungen seiner Helden dienten letztlich nur der Unterhaltung des Publikums. "Das Elend der Dritten Welt" drohe "in ein [...] mehr...
durch diesen film wird weder illegale immigration auf irgendeine weise "unterstuetzt" noch heuchelt der film betroffenheit vor. hat einer von euch den film überhaupt gesehen? ---Zitat--- Auf auf die Ursachen mag [...] mehr...
Ueberall immer dasselbe. Nachdem sie ihre eigenen Laender kaputt gewirtschaftet haben, geht die illegale Immigration los. Nur aus Mexico gehen taeglich ca. 350 Menschen illegal in die USA. Bis irgendwann das Fass mal voll ist, [...] mehr...
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