SPIEGEL ONLINE: Herr Khan, die Figur Ihres autistischen Namensvetters Rizvan Khan, den Sie in "My Name Is Khan" spielen, ist wohl Ihre bisher untypischste Rolle. Konnten Sie denn tiefere Gemeinsamkeiten zwischen sich und Rizvan entdecken?
Khan: Wir alle haben einst so simple Dinge gelernt wie: Iss und schlafe rechtzeitig, kümmere dich um andere, sei freundlich und höflich. Für ein Kind ist alles noch einfach, weil es das glaubt, was es verstehen kann. Doch das Leben wird komplizierter, es passiert so viel, da verdrängt man diese Einfachheit. In unserem Film nun haben wir diese Figur, deren Gefühlsleben nicht entwickelt ist, die sich aber an jene klaren Anleitungen erinnert. Ich musste Rizvans Klarheit nur tief in mir wiederfinden, um ihn zu spielen.
SPIEGEL ONLINE: Es war es also nicht schwer, sich mit Rizvan zu identifizieren?
Khan: Gar nicht. Es gab halt viel zu recherchieren und viel intensive Arbeit, vor allem, um Körperhaltung und Augenstellung hinzukriegen. Ich probiere so was in meinem Badezimmer aus, im Stillen, bis alles sitzt und unangestrengt wirkt, so als käme es ganz von selbst. Dann heißt es, "Mann, wann hast du denn das gemacht?" Ich bin wie ein Kind, ich verstecke die Dinge gerne vor dem Regisseur.
SPIEGEL ONLINE: In westlichen Blockbustern sind Muslimen häufig negativ besetzte Rollen vorbehalten, besonders nach dem 11. September 2001. Wollten Sie der westlichen Welt ihre Vorurteile dem Islam gegenüber vorhalten?
Khan: Ja, einer der Gründe für unseren Film ist, dass es diese vorgefasste Meinung gibt. Sie kennen sicher die frühen James-Bond-Filme. Russland war der Schurke. Englische Filme? Deutschland war der Schurke. Lauter Vorurteile, lauter Klischeevorstellungen. Ich bin gegen solche Klischees, nach meiner Meinung sollte Deutschland zum Beispiel nicht so stereotypiert werden, ganz gleich wie die historische Entwicklung verlaufen ist. Nur weil einer schlecht war, sollte man nicht sagen, alle sind schlecht. Und umgekehrt, weil einer gut ist, sind nicht alle gut. Das ist die ganze Botschaft unseres Films.
SPIEGEL ONLINE: Daheim in Indien gehören Sie zur muslimischen Minderheit. Sind Sie je in Ihrem Land diskriminiert worden?
Khan: Nein. Ich hatte nie Probleme wegen meiner Religion, sie wurde immer fraglos akzeptiert. Natürlich gibt es kleine Vorfälle wie den in Amerika...
SPIEGEL ONLINE: Sie wurden im August 2009 von US-Beamten im Flughafen von Newark festgehalten, durchsucht und verhört.
Khan: So ist das nun mal in einem Land, das nach strikteren Regeln ruft. Es betrifft ja nicht nur mich, sondern auch andere Leute. Ich werde dergleichen nie persönlich nehmen.
SPIEGEL ONLINE: "My Name Is Khan" ist nicht gerade die gängige Bollywood-Romanze voller Gesang- und Tanznummern. Könnte es sein, dass glühende Fans das vermissen?
Khan: Indische Fans bestimmt nicht, wo immer sie leben. Der Film ist ja auch so sehr emotional. Indische Filme drehen sich eben nicht allein um Song & Dance, das glaubt man nur im Westen. Chinesische Filme bestehen ja auch nicht komplett aus Kung Fu. Die Hauptsache ist doch, dass der Film Sie trotzdem ergriffen und zum Weinen gebracht hat. Waren die Darsteller gut? Ist die Kameraarbeit gut? Ich glaube, der Inhalt ist aktuell: So sieht der Westen Muslime. Außerdem gibt es eine Liebesgeschichte, das ist doch genug, auch ohne Revue-Einlagen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Khan, Sie als Fußball-Fan waren schon 2008 bei der EM in Wien, werden Sie diesmal zur WM in Südafrika sein?
Khan: Klar, die sieben letzten Tage, mit meinem Sohn.
SPIEGEL ONLINE: Und welche Mannschaft wollen Sie anfeuern?
Khan: Brasilien. Und Deutschland im Endspiel. Mir gefällt die Widerstandskraft von Deutschland, die kämpfen immer bis zum letzten Moment.
Das Interview führte Ilse Henckel
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