ThemaKinoRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
29.07.2010
 

"Inception"-Regisseur Nolan

"Unser Hirn ist voller Implantate"

"Inception"-Regisseur Nolan: "Man braucht eine Spielwiese"
Fotos
Warner Bros.

2. Teil: "Regieführen ist die Kunst der Mittelmäßigen"

SPIEGEL ONLINE: Hat die Nähe Ihrer Familie zu Ihrer Arbeit auch Nachteile?

Nolan: Früher hatte ich mehr Zugang zu meinen Träumen. Doch dazu muss man lange schlafen. Man muss aufwachen, dann wieder wegdösen, die Grenze zwischen Traum und Realität muss sich nach und nach auflösen. Nun habe ich aber inzwischen vier Kinder, die springen morgens um halb sieben putzmunter aus den Federn. Da ist nichts mehr mit Wegdösen. Aber ich habe immer noch ziemlich interessante Träume.

SPIEGEL ONLINE: Nutzen Sie die als Inspirationsquelle?

Nolan: Selten. Aber der Prozess des Träumens, bei dem die Welt jenseits aller Logik neu erfunden wird, setzt im Gehirn kreative Energien frei. Man betrachtet sich in seinen Träumen aus einem ganz anderen Blickwinkel. Wenn Sie einfach vor sich hin zeichnen, ist es oft hilfreich, die Zeichnung um 180 Grad zu drehen. Wenn Sie einen Kreis malen, erkennen Sie dann eher, wo der Kreis eine leichte Delle hat. Ähnlich funktionieren Träume, sie stellen unser Leben auf den Kopf. Könnte man seine eigenen Träume steuern, stände man direkt an der Quelle der eigenen Kreativität.

SPIEGEL ONLINE: Die Figuren in "Inception" träumen in einem fliegenden Flugzeug oder in einem fahrenden Lieferwagen. Fördert Bewegung die Kreativität?

Nolan: Kaum etwas stimuliert das Gehirn so sehr wie körperliche Bewegung. Wenn ich in einem Flugzeug sitze, und die Turbinen laufen schon, aber es geht gar nicht voran, wir stehen minutenlang auf dem Vorfeld, dann halte ich das kaum aus. Mein Hirn frisst sich fest. Aus diesem Grunde drehen Menschen ja auch durch, wenn sie im Stau stecken, oder fahren lieber riesige Umwege. Einfach deshalb, weil das Gefühl, in Regungslosigkeit zu verharren, so unerträglich ist. Der Kopf braucht Bewegung.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Figuren erkunden gern fremde Räume. Der Held in Ihrem Debütfilm "Following" folgt Passanten auf den Straßen von London und dringt dann heimlich in ihre Wohnungen ein. Damals sagten Sie, dass sei die "ultimative Form des Voyeurismus".

Nolan: Ich habe mich geirrt! In die Wohnung eines Menschen einzudringen, ist nur die halbe Miete. Der ultimative Voyeurismus besteht darin, in die Träume eines Menschen einzudringen. Das ist unglaublich verlockend und zugleich extrem beklemmend. Wenn Ariadne, gespielt von Ellen Page, in "Inception" in die Träume von Cobb eindringt, bin ich manchmal fast unangenehm berührt, möchte mich abwenden. Obwohl wir die Träume einer fiktiven Figur erzählen, habe ich das Gefühl, eine Intimsphäre zu verletzen.

SPIEGEL ONLINE: Genieren Sie sich bei diesen Szenen deshalb ganz besonders, weil Sie Brite sind?

Nolan: Jede Kultur kennt den Respekt vor der Privatsphäre, aber wir Engländer sind schon sehr diskret. Für mich ist es essentiell wichtig, dass bestimmte Bereiche unseres Innenlebens nur uns gehören, dass wir sie nicht preisgeben können, selbst dann nicht, wenn wir uns noch so sehr darum bemühen. Das ist der unveräußerliche Kernbestand unserer Identität. Es ist gut, dass wir Träume nicht teilen können.

SPIEGEL ONLINE: Können wir das nicht? Hollywood verspricht uns das doch dauernd!

Nolan: Das ist ein falsches Versprechen! Der eine findet den Film großartig, der andere findet ihn mies. Niemand sieht denselben Film. Kino heißt, dass tausend Menschen in einem Saal sitzen und den Blick derselben Figur teilen. Nirgendwo kommen die Menschen der Erfahrung so nahe, mit fremden Augen auf die Welt zu blicken. Aber sie kommen dieser Erfahrung nur nahe, sie machen sie letztlich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Aber Hollywood prägt unsere Träume. Gäbe es das Kino nicht, würden wir nachts nicht von Verfolgungsjagden träumen.

Nolan: Auf jeden Fall. Jeder, der sich "Inception" anschaut, sieht einen Film über einen Traum über einen Film über einen Traum... Viele Filme, die mich und damit auch "Inception" beeinflusst haben, sind ihrerseits von Träumen beeinflusst wie "Ich kämpfe um dich" von Hitchcock, "2001: Odyssee im Weltall" von Kubrick oder die James-Bond-Filme. Wir können oft kaum noch unterscheiden, ob wir Traum-Bilder sehen oder Film-Bilder träumen.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben die Drehbücher zu Ihren Filmen, entwickeln das Produktionsdesign mit, Sie führen Regie und sind für Ihre Detailversessenheit berüchtigt. Sind Sie ein Blockbuster-Autorenfilmer?

Nolan: Regieführen ist die Kunst der Mittelmäßigen. Hätte ich herausragende Fähigkeiten, wäre ich was Anständiges geworden, Komponist oder Architekt. Ein Regisseur kann von allem etwas, aber nichts richtig. Aber genau das ist die Voraussetzung dafür, dass er seine Arbeit gut macht. Würde er von Musik zu viel verstehen, wäre das nicht gut für den Film. Ein Regisseur muss aus einem Team von Spezialisten das Beste herausholen. Ich liebe es, ein Hansdampf in allen Gassen zu sein. Müsste ich mich auf einen Bereich des Filmemachens beschränken, wäre ich nicht glücklich.

SPIEGEL ONLINE: Sie gelten als wertkonservativer Regisseur, der wenig von digitalen Effekten hält. Woher rührt diese Abneigung?

Nolan: Mich stören nicht die digitalen Effekte an sich, mich stört die Bequemlichkeit, zu der sie führen können. Am meisten nervt mich an Gesprächen mit anderen Filmemachern, wenn sie mir von neuem Equipment erzählen und davon schwärmen, wie leicht es zu handhaben sei. Ich pfeife auf Bequemlichkeit! Der Regisseur David Lean ist Anfang der sechziger Jahre für seinen Film "Lawrence von Arabien" mit kiloschweren 65-Millimeter-Kameras in die Sahara gezogen und hat unglaubliche Bilder geschaffen. Dann sollten wir heute zumindest in der Lage sein, das Gleiche zu schaffen. Aber wir schaffen weniger.

SPIEGEL ONLINE: Aber bedeuten leichtere, lichtstärkere Kameras nicht einen Zugewinn an künstlerischen Möglichkeiten?

Nolan: Klar, für kleine Produktionen. Aber bei einem Film wie "Inception" kann Bedienungsfreundlichkeit kein Kriterium sein. Wir haben schließlich die Ressourcen. Wir haben alle Möglichkeiten. Selbst mit den etwas sperrigen IMAX-Kameras kann man sehr intime Szenen drehen, das haben wir schon bei "The Dark Knight" gezeigt. Aber man muss sich anstrengen. Wir müssen wieder für handwerkliche Qualität sorgen. Vor einiger Zeit habe ich an der University of California in L. A. eine Kopie von "Blade Runner" vorführen lassen. Es war beschämend zu sehen, wie weit er vielen der heutigen Filme an Schärfe und Bildqualität überlegen ist. Man könnte glauben, das Kino habe sich seither zurück entwickelt.

SPIEGEL: Halten Sie das 3-D-Kino für einen Fortschritt?

Nolan: Die Unterscheidung zwischen 2-D und 3-D ist blanker Unsinn. Was die Leute meinen, wenn sie von 3-D reden, ist stereoskopisches Kino. Bei der Fotografie und beim Kino ging es jedoch immer darum, drei Dimensionen in zweien abzubilden. Die Szene in "The Dark Knight", in der sich der Lastwagen überschlägt, ist so wuchtig, wie es nur eben geht, sie hätte durch 3-D nichts gewonnen. Ich glaube nicht, dass darin die Zukunft des Kinos liegt. Außerdem liefern die 3-D-Kameras Bilder von beschämend geringer Auflösung. Ich könnte verzweifeln über diesen Niedergang an technischer Qualität. Aber was will man machen?

Das Interview führte Lars-Olav Beier

Hintergrund: Christopher Nolans Filme

Die Lust am kriminellen Verwirrspiel treibt Christopher Nolan, Jahrgang 1970, schon lange an: Bereits sein Debütfilm "Following" (1998) erzählt von Kriminellen, die sich die Lebensläufe anderer aneignen.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 10 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
04.08.2010 von johndoe2: .

Naja - offensichtlich hatte ich den Film zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesehen :P Trotzdem wäre es wie bereits gesagt meiner Meinung nach für einen Artikel nicht tragisch, die Informationen zur Handlung auf ein Minimum zu [...] mehr...

04.08.2010 von Celegorm: ...

Korrekt. Diese Information wird gleich zu Beginn präsentiert, gehört entsprechend zu der Ausgangslage der Geschichte und nicht der Handlung oder gar einer (überraschenden) Wende. Von einem Spoiler kann deshalb nicht wirklich [...] mehr...

04.08.2010 von Kommentierender: Spoiler?

Ich weiß nicht wer von Ihnen "Inception" bereits sah, unklar ist für mich wie entscheidend oder wichtig die Tatsache der verstorbenen Ehefrau sein soll? Das ist zwar wesentlich für die Kernhandlung des Films, wird aber [...] mehr...

29.07.2010 von johndoe2: nag

Jep. Ich glaube bei welt.de wurde kürzlich in zwei Sätzen der ganze Twist von Moon verraten... Bestimmt. Ich bin das aber in diesem Fall nicht. Es handelt sich hier ja um ein Interview mit dem Regisseur. Das war interessant [...] mehr...

29.07.2010 von bennysalomon: Sympatisch

Schönes Interview mit Christopher Nolan. Seine Befürchtungen halte ich für ausgesprochen wichtig für das Kino heute. mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Kino
alles zum Thema Kino

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Inception

USA 2010

Regie: Christopher Nolan

Buch: Christopher Nolan

Darsteller: Leonardo DiCaprio, Ellen Page, Joseph Gordon-Levitt, Tom Hardy, Cillian Murphy, Tom Berenger, Michael Caine, Marion Cotillard

Produktion: Legendary Pictures, Syncopy, Warner Bros.

Verleih: Warner

Länge: 148 Minuten

Start: 29. Juli 2010

Offizielle Website zum Film







TOP



TOP