SPIEGEL ONLINE: Herr Levy, Sie haben einmal gesagt, jeder Film soll für Sie einen Knoten zum Platzen bringen, etwas Erlösendes haben. Welchen Knoten haben Sie mit Ihrem neuen Film gelöst?
Levy: Einen sehr persönlichen. Ich habe bereits zu lange gelebt, um den naiven Glauben zu haben, dass ich die Welt neu erfinden kann. Allerdings ich bin weder alt genug, noch habe ich das Kapital, um mich zur Ruhe zu setzen. Gleichzeitig habe ich mir ein paar ehrliche Gedanken dazu gemacht, was Film in der Gesellschaft bewirken kann: als künstlerischer Ausdruck, aber auch als Verführungs- und Illusionsmaschine. Ich hoffe, das liest jetzt kein Psychiater, aber ich frage mich manchmal, in welcher Realität ich mich überhaupt befinde...
SPIEGEL ONLINE: ...wie Alfi Seliger, die Hauptfigur Ihres neuen Filmes "Das Leben ist zu lang". Seliger wird plötzlich mit der Erkenntnis konfrontiert, dass er eine Figur in einem Film von Ihnen ist.
Levy: Genau! Bin ich da, wo ich denke, dass ich bin? Oder bin ich nur eine Ameise auf einem Blatt, also in einer größeren Realität, die ich nicht erfassen kann? Es ist die universelle Frage nach dem, was wir Schicksal nennen. Ich hatte den starken Impuls, es wäre doch schön, einen Film über einen Künstler wie mich zu machen. Über das, was es für mich bedeutet, Filme zu drehen und dabei gesellschaftlich und filmpolitisch immer wieder eingegrenzt zu werden, weil bestimmte Dinge nicht formuliert werden dürfen oder andere verletzen. Es ging auch um die Frage, was ein Tabubruch ist.
Levy: Ja, vielleicht. Ich habe mich nach Dramen wie "Väter" ja wieder der Komödie zugewandt und in eine gewisse Subversivität hineingearbeitet. Das führt dazu, dass man selbst auch immer subversiver wird. Das eigene Leben, das eigene Schaffen löst sich plötzlich auf.
SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?
Levy: Ich zog eine Art Bilanz: Ist es gerechtfertigt, dass ich diesen Wahnsinn betreibe? Ich bin ein sehr leidenschaftlicher Filmemacher und investiere viel Energie und Zeit in meine Film-Kinder, manchmal vernachlässige ich sogar meine leibhaftigen dafür. Da frage ich mich wie Alfi im Film schon mal: wofür eigentlich? Im Grunde machen wir ja alle Filme, die niemand braucht. Wenn ich mir angucke, was auf der Welt passiert, würde ich sagen: Andere Dinge wären wichtiger. Es ging also darum, eine uneitle Position einzunehmen. Das kann schon den einen oder anderen Knoten lösen.
SPIEGEL ONLINE: Und welche Erkenntnis haben Sie gewonnen?
Levy: Filme sind nicht unbedingt dafür da, geliebt zu werden. Filme können auch dazu dienen, Gedankenstaub aufzuwirbeln. Sie müssen nicht immer ein fertig verpacktes Weihnachtsgeschenk sein, sie dürfen etwas Unfertiges sein. Ich wollte mich mit "Das Leben ist zu lang" auch gegen den Perfektionsanspruch auflehnen, der dem Medium Film anhaftet, weil er so teuer ist. Ein Work-in-progress-Gefühl wie beim Theater gibt es im Kino leider selten - es gibt eine abgeschlossene Filmrolle, die wird vorgeführt, fertig. Eine Sache hat mich damals, in meiner Zeit beim Theater "Rote Grütze", sehr geprägt, nämlich dass Fehler in der Kunst erlaubt sein müssen, genauso wie im Leben. In diesem Sinne habe ich mich über die letzten drei Filme hinweg so definiert, dass ich dachte: Ich muss kein perfektes Endprodukt abliefern, sondern es kann auch eine streitbare Skizze sein und hat vielleicht gerade deshalb eine Qualität.
SPIEGEL ONLINE: Gehen Ihnen deutsche Filmemacher zu sehr auf Nummer sicher?
Levy: Das würde ich nicht sagen, nein. Aber wir leben in einer Hochglanzgesellschaft, weltweit. Ob im Fernsehen, im Kino oder in Zeitschriften - alles ist sehr sauber, sehr abgeschlossen - quadratisch, praktisch, gut. Vielleicht darf ich das sagen: Die jüdische Kultur hatte bereits vor dem Nationalsozialismus in Deutschland eine spezielle Funktion, sie stand dafür, unordentlich zu sein, eigenartig, nicht geradlinig, sie hat Haken geschlagen. Und in dieser Kultur habe ich immer die größte Liebe gefunden. Woody Allen liefert immer wieder Filme ab, die für mich wie kleine Stationen seines Lebens sind. Mehr müssen sie auch gar nicht sein! Es ist ein bisschen wie beim Fußball, er spielte sich einfach frei. Aber oft läuft das mit den Sehgewohnheiten des breiten Publikums nicht konform.
SPIEGEL ONLINE: Was heißt das genau?
Levy: Wir haben das bei den Testvorführungen von "Das Leben ist zu lang" gemerkt. Es gibt nach zwei Dritteln des Films einen Bruch mit der Realität, mehr will ich hier nicht verraten. Das war für mich der Schlüssel zu diesem Film. Ich wusste: Wenn ich das nicht mache, kann ich es gleich ganz lassen. Mir hätte dann eine Art von Transformation ins Philosophische gefehlt. Die Leute haben ja die Erwartung ans Kino, dass ein Film sie die ganze Zeit unterhält und die Rolle, die er in ihrem Leben spielt, nicht verlässt. Die Leute wollen ja nicht aus ihrem Traum geweckt werden.
SPIEGEL ONLINE: Sie wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Film Illusion ist? Ist das nicht banal?
Levy: Glaube ich nicht. Filme sollen und müssen eine Art wake-up call sein. Sie können die Wachsamkeit dafür schärfen, dass wir in einer Welt leben, die Bilder produziert, die uns als Realität präsentiert werden, die aber nicht real sind - ob in Nachrichten, Hochglanzmagazinen oder Filmen. Ich liebe das Kino ja! Ich liebe es, weil man sich in einem Traum, einer Illusion, einer Verführung verliert. Kino darf magisch und hypnotisch sein - trotzdem soll es dir klarmachen, auf was für einer Reise du dich befindest.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach pädagogischem Impetus. Sind Sie ein Spielverderber?
Levy: Wenn Sie so wollen. Ich will ja nur nicht, dass die Leute im Kino in einen seligen "Ich glaube alles"-Traum verfallen. Es gibt ja inzwischen eine ganze Palette von Filmemachern, von Charlie Kaufman über Tarantino bis David Mamet, lustigerweise fast alles jüdische Regisseure, die sich für die Welt hinter der Fassade interessieren.
SPIEGEL ONLINE: Und warum gibt es das in Deutschland so selten?
Levy: Deutschland ist ein philosophisch und literarisch sehr kultiviertes Land mit sehr viel Vermögen, solche Gedanken aufzunehmen und zu verarbeiten. Aber natürlich erzieht man sich seine Zuschauer mit dem, was man ihnen bietet. Wir haben eine sehr wahrscheinlichkeitsorientierte Fernsehkultur, die selten mit Geheimnissen oder Widersprüchlichkeiten operiert. Meistens ist alles klar und vorhersehbar wie eine Hühnersuppe. Auch der deutsche Autorenfilm der Sechziger und Siebziger und die Berliner Schule haben sich stark auf die Abbildung von Wirklichkeit konzentriert. Das ist eine große Stärke. Der deutsche Film wird auch im Ausland für seine starke Authentizität geliebt. Diese Liebe zur Wahrscheinlichkeit hinterlässt jedoch seine Spuren in den Sehgewohnheiten.
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Ich denke, man muss in diesem Zusammenhang sehen, wie sich die globale Kultur entwickelt hat. Als die Gesellschaften noch von einem offenen Antisemitismus geprägt waren, hat sich als Reaktion darauf offensichtlich der bissige [...] mehr...
Vielleicht darf ich darauf hinweisen, dass beispielsweise Rowan Atkinson (Mr. Bean) und der unvergessliche Jacques Tatischeff (Jacques Tati) auch einen besonderen Sinn für das Krumme, Unordentliche haben, welches sie gegen die [...] mehr...
Levy soll froh sein, dass es überhaupt jemanden gibt, der sich die Zeit nimmt, sich mit seinen Hervorbringungen zu beschäftigen. Ein Film wie "Mein Führer" ist es doch gar nicht wert, dass in den Feuilletons [...] mehr...
Nö. Wollte nur allgemein drauf hinweisen, dass aus einer zeitlichen Distanz heraus theoretisch eine entsprechende Neubewertung seiner Filme möglich sei. Jeder kann in seinem Urteil daneben liegen, auch dann, wenn die [...] mehr...
Habe ich behauptet, dass Levys Filme Meisterwerke sind? Ich sage auch nicht, dass ihm alle Filme gelungen sind. Mit "Mein Führer" konnte ich auch nur wenig anfangen. Jedem, Ihnen wie mir, steht es absolut zu, [...] mehr...
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