Von Stephen Locke
In Europa begehrt: Goldene Palme
Die Berlinale ist offenbar nicht das einzige große Filmfest mit Schwierigkeiten in der Leitung. Eigentlich sollte der französische TV-Produzent und Journalist Olivier Barrot zum Nachfolger des langjährigen Cannes-Generaldelegierten Gilles Jacob werden, der wiederum in die Fußstapfen des pensionierten Festival-Präsidenten Pierre Viot treten sollte. Ende April gab der designierte Delegierte jedoch überraschend und ohne Angabe von Gründen seinen Rücktritt bekannt.
Vermutlich kam es zwischen Jacob und dem kritikfreudigen Barrot zum Streit über eine Neugestaltung der Festival-Politik. Seit fünf Jahren habe sich kein offizieller Vertreter aus Cannes in Hollywood blicken lassen, schrieb der Zurückgetretene kürzlich in der französischen Zeitung "Libération". In den Augen Hollywoods habe Cannes Boden verloren gegenüber Berlin und Venedig.
Was das Programm des 53. Internationalen Filmfestivals von Cannes betrifft, scheint Barrot recht zu behalten. Die Major-Studios sind im offiziellen Programm kaum vertreten. Einer der wenigen renommierten Amerikaner im Wettbewerb ist Joel Coen ("Fargo"), der sein Gefangenendrama "O Brother, Where Art Thou?" mit George Clooney an die homerische "Odyssee" anlehnt. Dieser und drei weitere Filme der eher unbekannten Regisseure James Gray, Neil LaBute und Amos Kollek sind allerdings allesamt unabhängige Produktionen.
Einziger Major-Beitrag ist "Mission to Mars" von Brian de Palma ("Scarface"), der zum ersten Mal in Cannes dabei ist. Sein Zukunftsthriller mit Gary Sinise und Tim Robbins läuft jedoch außer Konkurrenz. Ein Highlight des Wettbewerbs dürfte "Cecil B. DeMented" vom schrulligen Kult-Regisseur John Waters ("Hairspray") sein, in dem Hollywoods größte Diva Honey (Melanie Griffith) vom terroristischen Regisseur Cecil B. DeMented gekidnappt wird, um sie dazu zu zwingen, das ultimative Untergrund-Movie zu machen.
In seinen einleitenden Worten zum Programm bemüht sich der Noch-Generaldelegierte Jacob indes um Schönfärberei und weist (nicht zu Unrecht) darauf hin, dass die Grenzen zwischen Majors, Mini-Majors und Independents inzwischen verwischt sind. Dafür hebt er die wachsende Macht der Filmländer Asiens hervor. In der Tat laufen sechs asiatische Produktionen im Wettbewerb, darunter erstmals ein Beitrag aus Korea sowie Nagisa Oshimas "Gohatto" ("Verboten"). Der erste Film des umstrittenen japanischen Regisseurs ("Im Reich der Sinne") seit 13 Jahren packt das Thema Homosexualitat unter Samuraikriegern an.
Auch Europa ist mit Filmen der Altmeister James Ivory, Michael Haneke und Ken Loach relativ stark im Wettbewerb vertreten. Allein drei Filme stammen aus Skandinavien, darunter "Die Treulose" von Liv Ullmann nach einem Drehbuch von Ingmar Bergman und das in Amerika spielende Melodrama "Dancer in the Dark" von Lars von Trier mit der isländischen Sängerin Björk.
Nur Deutschland hat wieder einmal keinen Film im Wettbewerbsprogramm. Jan Schüttes Brecht-Drama "Abschied" und die deutsche Produktion des Georgiers Dito Tsintsadze "Lost Killers" sind lediglich in der Nebensektion "Un Certain Regard" zu sehen. Oskar Roehlers "Die Unberührbare" läuft im Rahmen des zwar renommierten, aber Cannes-unabhängigen Jungfilmer-Festivals "Quinzaine". Ansonsten konnten die deutschen Filme offensichtlich nicht überzeugen.
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