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18.05.2000
 

Cannes

"Dancer In The Dark" - Aufruhr an der Croisette

Von Stephen Locke

Lars von Trier besitzt offenbar die Fähigkeit, bei jedem öffentlichen Auftritt eine Kontroverse auszulösen. Seit seiner Ankunft in Cannes steht der "Dogma"-Mitbegründer im absoluten Mittelpunkt des Festivals. Der Andrang bei der Pressevorführung seines Kino-Musicals "Dancer In The Dark" war so groß, dass Tumulte ausbrachen.

Cannes ist vermutlich das einzige Filmfestival der Welt, das den Journalisten zumutet, die wichtigsten Pressevorführungen des Wettbewerbs frühmorgens um 8.30 Uhr im Grand Palais zu besuchen. Auch andere Festivalteilnehmer können dort mit speziellen "Badges" oder Tickets die Vorstellungen besuchen. Eine Eintrittskarte allein bietet aber in Cannes nie eine Einlass-Garantie.

Dänischer Dogmatiker: Lars von Trier in Cannes
AP

Dänischer Dogmatiker: Lars von Trier in Cannes

So war es am Mittwochmorgen, als etwa 400 Besucher zu viel versuchten, "Dancer in the Dark" zu sehen. Wie üblich standen mehrere dutzend uniformierter Wächter herum, um jeden Ausweis und jede Karte zu kontrollieren. Als der Vorstellungsbeginn immer näher rückte, begannen die Massen unruhig zu werden. Zuerst flogen böse Worte, dann drängelte die Menge so sehr von hinten, dass einige vorne durch die Sperren geschoben wurde. Eine Frau versuchte sogar, auf dem roten Teppich die Treppen hochzuklettern, wurde aber sofort wieder heruntergezerrt. Offenbar aber ein Vorstoß, der die Nerven der Sicherheitskräfte überstrapazierte: Sie ließen ihre bulligen Rottweiler los, die immerhin noch mit Maulkörben versehen waren. Man stelle sich den Aufschrei bei der Berlinale vor, wenn Derartiges dort passieren würde. Im Kinosaal blieben am Ende übrigens dutzende Plätze frei.

Und der Film? Umstritten, wie gewohnt beim dänischen Regisseur Lars von Trier ("Breaking The Waves"), der die Zuschauer zuletzt mit seinem Dogma-Film "Idioten“ schockierte. Am Schluss gab es lang anhaltenden Beifall und einige sehr laute Buhrufe. Einige Kritiker verließen – erbost oder einfach nur gelangweilt – frühzeitig das Kino. Andere wiederum halten "Dancer In The Dark" für den sicheren Gewinner der diesjährigen Goldenen Palme.

Wie immer irritierend ist die Handkamera, die nie ruhig steht. Sie verfolgt anfangs eine Reihe von Fabrikarbeitern, die ein Laien-Musical aufführen wollen. Darunter ist die in Amerika lebende Tschechin Selma, die - trotz aller Querelen im Umfeld der Produktion - mit betörender Natürlichkeit von der isländischen Sängerin Björk gespielt wird. Sie hat ein Geheimnis: Durch eine Erbkrankheit wird sie bald blind werden. Dasselbe Schicksal erwartet auch ihren Sohn Gene. Sich aufopfernd spart Selma ihr ganzes Geld, damit er operiert werden kann. Einziger Trost ist ihre Leidenschaft für Musik, genauer gesagt, für Tanz- und Gesangsnummern der klassischen Hollywood-Musicals.

Das Schicksal meint es nicht gut mit Selma und Gene. Als ihr Nachbar und Konfident Bill (David Morse) seiner Frau gegenüber behauptet, Selma hätte ihn angemacht und sein Geld geklaut, wird eine Reihe tragischer Ereignisse in Gang gesetzt, an deren Ende die leidgeprüfte Mutter zum Tode durch Erhängen verurteilt wird.

Die Geschichte, die stellenweise möglicherweise bewusst laienhaft konstruiert wirkt, verdichtet sich am Ende plötzlich zu großer Kraft und Intensität. Björk, die die gesamte Musik geschrieben hat und sich neben so großartigen Darstellern wie Catherine Deneuve und Joel Grey ("Cabaret") durchaus behaupten kann, soll sich bei den Dreharbeiten mit Regisseur von Trier so zerstritten haben, dass sie dem Drehort tagelang fernblieb und sogar mit ihrem Ausstieg drohte. Nach 139 Minuten erschöpfenden Zusehens kann man durchaus einiges von den Seelenqualen spüren, die in die Entstehung des Films eingegangen sind. "Es wird einige Zeit brauchen, bis Björk in der Lage sein wird, darüber zu sprechen", sagt Lars von Trier über seine Hauptdarstellerin. "Sie spielt in diesem Film nichts, sie hat das alles wirklich gefühlt."

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