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19.05.2000
 

Digitale Dinosaurier

Disney übt den Quantensprung

Fünf Jahre Produktion und jede Menge Geld steckte Disney in die Entwicklung des computergenerierten Urzeit-Spektakels "Dinosaur". Das Ergebnis legt die Messlatte für animierte Spielfilme deutlich höher. Hinter all dem ehrgeizigen Technologie-Wahn verbirgt sich jedoch eine klassische Trickfilm-Story.

Unter amerikanischen Kinobossen gibt es eine gebräuchliche Floskel, mit der zumeist jene horrenden Geldmengen gerechtfertigt werden, die in publikumsträchtige Big-Budget-Produktionen gepumpt werden: "It's all up there on the screen." Soll heißen: Der ganze schöne Mammon wurde nicht einfach so verpulvert, schließlich könne man ja auf der Leinwand sehen, was für tolle Dinge damit realisiert wurden. Eine bequeme Antwort, wenn man unter keinen Umständen zugeben möchte, dass Dollar millionenweise zum Fenster herausgeworfen wurden.

Saurier-Boy: Der Iguanodon Aladar rettet seine Familie vor der Katastrophe
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AP

Saurier-Boy: Der Iguanodon Aladar rettet seine Familie vor der Katastrophe

Auch Disney-Funktionäre nutzen diese Phrase in letzter Zeit oft, besonders wenn es um den computergenerierten Film "Dinosaur" geht, ein digitales Spektakel, das die Messlatte in Sachen Zeit- und Kostenaufwand einer Filmproduktion in neue Rekordhöhen legt.

"Dass wir in der Lage waren, diesen Film überhaupt zu machen, ihn so gut aussehend auf die Leinwand zu bringen und dabei sogar noch an fundamentalen Disney-Standards festhalten konnten - das alles macht mich sehr glücklich", schwärmt Thomas Schumacher, Chef der Animations-Abteilung bei Disneys Digital Studios in Burbank, Kalifornien. Es sei demnach nicht übertrieben gewesen, die Produktionskosten bei 125 Millionen Dollar festzusetzen, sagt Schumacher. Verglichen mit Gerüchten, die die Kosten des ehrgeizigen Disney-Projekts in die Nähe der "titanischen" 200 Millionen-Dollar-Marke rücken wollten, klingt diese astronomische Summe sogar recht bescheiden. Der Rang des teuersten Films aller Zeiten bleibt unangetastet.

"Dinosaur" ist die Geschichte des jungen Iguanodon-Sauriers Aladar, dessen Leben aus den Fugen gerät, als ein Meteor auf die Erde prallt und seine Familie dazu zwingt, einen neuen Lebensraum zu suchen. Der Außenseiter wächst durch die Bewältigung vieler Gefahren und Konflikte zum Helden und anerkannten Mitglied der Dinosaurier-Gemeinschaft heran. "Es geht um Charaktere, die sich mit einem schrecklichen Unglück auseinander setzen müssen und dabei lernen, zusammenzuhalten", sagt Schumacher über den Plot. "Es ist eine menschliche Story, die mit Tieren erzählt wird." Nichts wirklich Neues, bedenkt man das Erfolgsrezept von Trickfilmen wie "Bambi": hinreißende Landschaftsaufnahmen (ausnahmsweise nicht gezeichnet) und sprechende Tiere, die profane Lebensweisheiten verbreiten - klassischer Disney-Stoff.

Kein Disney-Film ohne spannende Kampfszenen...
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REUTERS

Kein Disney-Film ohne spannende Kampfszenen...

Die wahre Errungenschaft des neuen Films, gibt Schumacher zu, habe ohnehin darin gelegen, die digital produzierten Dinosaurier-Geschöpfe und Landschaften mit realen Hintergründen - Wellen am Strand oder Wolken am Himmel - zu kombinieren, um eine lebendige Atmosphäre zu kreieren. Kurz gesagt: "Dinosaur" ist keine neue "Toy Story" und auch kein zweites "Großes Krabbeln" - beides computergenerierte Vorläufer des Neulings, die vom Disney-Partner Pixar Animation Studios produziert wurden. "'Dinosaur' will etwas komplett anderes erreichen als Pixar", sagt Schumacher. "Deren Markenzeichen sind Cartoons. Sie lassen ihre Charaktere absichtlich wie Animationen aussehen. Die Personen sind meist überzeichnet, und die Stories sind oft übertrieben satirisch." Dasselbe gelte auch für DreamWorks' "Antz", nicht aber für Disneys neues Vorzeigeprojekt, das auf möglichst naturgetreue Darstellung der Umwelt und der Tiere setzt, wenngleich diesen - in gewohnter Manier - ein menschliches Antlitz verliehen wurde. Ein Narr, wer sich dabei an bekannte Saurier-Epen wie "In einem Land vor unserer Zeit" erinnert fühlt.

Fünfeinhalb Jahre dauerte es, den Film im neu gebauten - "Secret Lab" genannten - Digitalstudio-Komplex in Burbank zu produzieren. Einer der Gründe, warum "Dinosaur" gerüchteweise mit derart überhöhten Kosten in Verbindung gebracht wurde, liegt sicherlich darin, dass man zunächst dachte, das neue Areal wäre ausschließlich für das Saurierspektakel errichtet worden. In Wirklichkeit werden dort inzwischen auch andere digitale Projekte wie "102 Dalmatiner" (US-Kinostart im Herbst) realisiert, so Schumacher.

An Superlativen ist jedoch kein Mangel: "Dinosaur" verbrauchte 3,2 Millionen Stunden Rechenzeit und eine Datenmenge, die 70.000 handelsübliche CD-Roms füllen würde. Software-Spezialisten schrieben 70.000 Zeilen Computercode, was einem Stapel von 11.700 Textseiten gleichkommt oder besser: einer 25-bändigen Enzyklopädie.

Während ein normaler, in natürlicher Umgebung gedrehter Film es in durchschnittlich zwei Jahren vom Drehbuch auf die Leinwand schafft, brauchten Disneys Animateure alleine 18 Monate, um eine "Testversion" des Films zu produzieren, um zu sehen, ob das Projekt überhaupt zu realisieren ist. "Es sah sehr billig aus", sagt Schumacher über dieses Frühstadium. Offenbar nicht billig genug, um es zu verwerfen.

Urzeit-Visionen: Verstoßene Dinosaurier auf der Suche nach einer neuen Heimat
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REUTERS

Urzeit-Visionen: Verstoßene Dinosaurier auf der Suche nach einer neuen Heimat

Also verkrochen sich die Animations-Spezialisten erneut hinter ihre digitalen Zeichenbretter und erfanden innovatives Rüstzeug wie die "Dino-Cam", ein Programm, das den Zuschauern einen Eindruck vermittelt, was es heißt, aus der Perspektive eines 12 Meter großen Tieres auf den fernen Erdboden zu blicken. Mit dem "3D-Workbook" und der "3D-Camera" entwickelten die Software-Ingenieure außerdem "Tools", um die digital am Computer berechneten Bewegungen der Dinosaurier mit echten Filmkameras zu vernetzen.

Vier Jahre später ist "Dinosaur" endlich fertig und die ersten Rezensionen sind überschwänglich. Das Branchenblatt "Daily Variety" nannte den Film "ein visuelles Spektakel, das ein lebendiges Bild davon vermittelt, wie die Welt der Vorzeit ausgesehen haben könnte. Der "Hollywood Reporter" bezeichnete "Dinosaur" als "grandiosen Erfolg".

Der Schauspieler D.B. Sweeney, der dem Hauptcharakter Aladar seine Stimme leiht, sagt, er erinnere nur zwei Filme, die seine Aufmerksamkeit abgesehen von der Story auch auf die Technologie dahinter zu lenken vermochten. Der eine sei James Camerons "Terminator" gewesen, der andere Pixars "Toy Story". "Ich hatte das Gefühl, das diese beiden Filme einen Quantensprung in der Entwicklung des Kinos markierten", sagt Sweeney. "Ich hatte dasselbe Gefühl, als ich 'Dinosaur' sah."

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