Mittwoch, 10. Februar 2010

Kultur



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23.05.2000
 

Monumentalfilme

Von Römern und Konsorten

Von Rüdiger Sturm

Der Triumphzug von "Gladiator" in den amerikanischen Kinos markiert einen filmgeschichtlichen Meilenstein. Mit Ridley Scotts Sandalen-Drama kehrt ein Genre zurück, das seit 30 Jahren als ausgestorben gilt: der Monumentalfilm. Lange kann es nicht mehr dauern, bis die Hollywood-Studios erneut ihr Heil in der Antike suchen.

Elf Oscars für ein Wagenrennen: Szene aus "Ben Hur"
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AP

Elf Oscars für ein Wagenrennen: Szene aus "Ben Hur"

Seit Ende der vierziger bis in die späten sechziger Jahre bot Hollywood mit Bibel- und Römerepen wie "Die Zehn Gebote" oder "Quo Vadis" dem immer populärer werdenden Fernsehen erfolgreich Konkurrenz. Etablierte Regiegrößen wie William Wyler ("Ben Hur") und Anthony Mann ("Der Untergang des römischen Reiches", 1964) nahmen sich des antiken Kostümfilms genauso an wie der damals noch unbekannte Stanley Kubrick, für den das Angebot zu "Spartacus" im Jahre 1959 die Erlösung nach zwei Jahren voller geplatzter Projekte bedeutete.

Hollywood auf dem Höhepunkt der Monumental-Manie: "Quo Vadis?"
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MGM

Hollywood auf dem Höhepunkt der Monumental-Manie: "Quo Vadis?"

Neben pompösen Schauwerten - bei "Ben Hur" wurden circa 50.000 Statisten und eine Million Requisiten eingesetzt - nutzte dieses Genre auch eine völlig neue Technik, um sein Publikum zu überwältigen. Mit "Das Gewand" von 1953 wurde die Breitwandprojektion von Cinemascope erfolgreich eingeführt. An neuen Geschichten hatten die Altertumsfilme allerdings wenig zu bieten. Neben Geschichtsbüchern und der Bibel waren vor allem alte Romane als Stofflieferanten gefragt. So gehen einige der bekanntesten Actiondramen über die Frühzeit des Christentums auf literarische Vorlagen von Henryk Sienkiewicz ("Quo Vadis?"), Lew Wallace ("Ben Hur") oder Lloyd C. Douglas ("Das Gewand") zurück. Mitunter handelte es sich aber auch nur um Remakes von Filmen der zwanziger und dreißiger Jahre, als insbesondere Cecil B. DeMille dem Genre mit Mammutspektakeln wie "Die Zehn Gebote" oder "König der Könige" seinen Stempel aufgedrückt hatte.

Auch Kubrick hatte mit Sandalen Erfolg: "Spartacus"
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Universal Pictures

Auch Kubrick hatte mit Sandalen Erfolg: "Spartacus"

Wenige Jahre nach Hollywoods Monumental-Boom klinkte sich auch Italien in den Trend ein. Schon zu Stummfilmzeiten hatte die italienische Filmindustrie mit Kostümepen wie "Quo Vadis?" (1912), "Die letzten Tage von Pompeji" (1908 und 1913) und "Cabiria" (1914) internationale Erfolge gefeiert und den späteren Inszenierungsstil von US-Regisseuren wie DeMille und D.W. Griffith beeinflusst. In den fünfziger Jahren drängten die großen Hollywoodstudios nach Rom, um die historischen Schauplätze und nicht zuletzt auch die Währungsvorteile für ihre Breitwandepen zu nutzen.

Die italienischen Produzenten, die von der Hochkonjunktur des Monumentalfilms profitieren wollten, begannen daraufhin ihrerseits, mythologische Abenteuerfilme um Herkules, Jason oder Maciste aus den Boden zu stampfen. Eine Trash-Variation des Monumentalfilms entstand: Eindimensionale Charaktere prügelten sich durch eine actionreiche Handlung, die zumeist mit schlechter Tricktechnik aufgemotzt war und für unfreiwillige Komik sorgte. Prototyp dieser Schwerter-und-Sandalen-Streifen war "Hercules" (1957), der ein weltweites Publikum fand und seinen Hauptdarsteller, den kürzlich verstorbenen Steve Reeves, zur Ikone des Billig-Genres beförderte.

Biblisches Spektakel: "Die Zehn Gebote"
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Kabel 1

Biblisches Spektakel: "Die Zehn Gebote"

Mitte der sechziger Jahre begann der Monumentalfilm erste Ermüdungserscheinungen zu zeigen. Das Budgetfiasko von "Cleopatra" (1963) hatte beinahe das renommierte Twentieth-Century-Fox-Studio ruiniert, und 1966 kam mit "Toll trieben es die alten Römer" die erste große Monumentalfilm-Satire heraus, ein sicheres Zeichen für die Spätphase eines Genres.

Auch die italienische Filmindustrie, Anfang der Sechziger noch das Mekka der europäischen Produktion, musste durch Flops wie "Sodom und Gomorrha" (1963) heftige Rückschläge hinnehmen. Die wirtschaftlichen Zwänge führten letztlich zur Geburt des profitableren Spaghetti-Westerns. Immerhin hat auch Sergio Leone, der Wegbereiter des neuen Trends, sein Regiehandwerk bei Sandalenspektakeln erlernt.

Der Niedergang des Genres steht aber auch im Zusammenhang mit der allgemeinen Krise des Breitwandfilms in den frühen Sechzigern. Die Hoffnung, dem Fernsehen durch kostspielige und opulente Filmproduktionen das Publikum abzujagen, mündete in finanziellen Debakeln wie "Doctor Dolittle" (1967) und "Star!" (1968). Zwischen 1969 und 1972 verloren die großen Hollywoodstudios fast 500 Millionen Dollar durch defizitäre Großprojekte. Die gesamte Branche stürzte in eine Rezession: Kino-Neubauten wurden mit schlechteren technischen Standards ausgerüstet, große Kinopaläste wurden in schuhschachtelgroße Vorführsäle zerhäckselt.

Gleichzeitig entwickelten sich neue, kostengünstigere Trends. Eine Lockerung der US-Zensur machte Filme mit expliziteren Sex- und Gewaltszenen und unorthodoxen Themen möglich. Das jugendliche Publikum wurde mit "Die Reifeprüfung" (1967) oder "Easy Rider" (1969) angelockt. Zwar feierten die großen Spektakel wenig später mit "Der Weiße Hai" (1975) und "Krieg der Sterne" (1977) wieder ein kleineres Revival, doch bedienten sie sich nicht mehr der "erhabenen" biblisch-historischen Themen, sondern speisten sich vor allem aus Geschichten des B-Films.

Erst allmählich sieht man in Hollywood nun in historischen Epen wieder eine Chance, nicht nur Oscars, sondern auch Rekordzahlen einzufahren. "Braveheart" und "Der Soldat James Ryan" mögen da als Augenöffner gewirkt haben. Mit ausschlaggebend ist aber auch der Fortschritt der Computertechnologie, dank der sich bisher unprofitable - da personal- und materialaufwendige - Visionen realisieren lassen. Noch hat "Gladiator" keinen neuen Römer-Trend angestoßen. Doch angesichts eines Einspielergebnisses von 75 Millionen Dollar innerhalb der ersten zehn Tage scheint es nur eine Frage der Zeit, bis Hollywood erneut die Legionen marschieren lässt.

Eine Person in der Branche wird dies wohl mit gemischten Gefühlen registrieren: Billy Wilder. Sein "Manche mögen's heiß" stieß 1959 bei der Oscar-Konkurrenz auf den unbesiegbaren "Ben Hur". Nach jedem der elf Oscars für den Monumentalstreifen schüttete Wilder einen doppelten Frust-Martini in sich rein: Nach der Verleihung "musste ich rausgetragen werden wie ein Römer aus dem Kolosseum."

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