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"Durchgeknallt" Liebenswerte Neurotikerinnen

Nach einem Selbstmordversuch wird Susanna in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, wo sie ihre Träume von Freiheit und Individualismus ausleben kann. Draußen waltet das spießige Amerika der späten sechziger Jahre. Etwas unentschlossen verfilmte James Mangold den gleichnamigen Roman von Susanna Kaysen mit Winona Ryder und Angelina Jolie in den Hauptrollen.

"Du siehst ganz normal aus", sagt der Taxifahrer, nachdem das dunkelhaarige Mädchen ihm das Ziel genannt hat: Claymoore Hospital. Eine psychiatrische Anstalt. "Ich bin traurig", antwortet es und zündet sich eine Gauloise an. Der Mann wippt mit dem Kopf, als höre er einen imaginären Song: "Dann müssten sie auch John Lennon einsperren."

Winona Ryder als Susanna: "Ich bin traurig"
Columbia TriStar

Winona Ryder als Susanna: "Ich bin traurig"

Die Kamera folgt dem Blick des Mädchens auf die Fahrerlizenz am Armaturenbrett: Monty Hoover steht da. Ein Name, der an die britischen Anarchokomiker Monty Python und FBI-Chef John Edgar Hoover denken lässt; und in der Verknüpfung den Konflikt zwischen dem aufkeimenden widerspenstigen Geist und einer längst paranoiden Staatskontrolle in den späten sechziger Jahren assoziiert, der in James Mangolds "Durchgeknallt" nach dem autobiografischen Roman von Susanna Kaysen allegorisch verhandelt wird.

Susanna (Winona Ryder) hat einen Selbstmordversuch hinter sich. 30 Aspirin und eine Flasche Wodka. Sie wollte sich nicht umbringen, beharrt Susanna mit müder Stimme und lethargischem Blick, es wäre ein Unfall gewesen. "Sind Sie high?", fragt der Psychologe, ein Bekannter ihres Vaters, und drängt sie dann, sich selbst einzuweisen: "Ist Ihnen klar, wie sehr Ihre Umgebung unter Ihnen leidet?"

Susanna hatte eine Affäre mit ihrem verheirateten Lehrer, will schreiben, statt studieren, um nicht zu "enden wie meine Mutter", und ihre Zigaretten hat sie ausgewählt, weil "angeblich die französischen Widerstandskämpfer sie geraucht haben". Ihre ratlosen Eltern hoffen vor allem, sie möge bis Weihnachten kuriert sein, wegen der Familie, der Nachbarn und so. Die Krankenpflegerinnen im Claymoore Hospital verteilen Pillen.

Das Borderline-Syndrom wurde bei Susanna Kaysen diagnostiziert, für das als Symptome Stimmungsschwankungen bis zur Depression, destruktive Aktivitäten und leichtfertige Sexualkontakte aufgeführt werden. Im Film wirkt ihre Ziellosigkeit eher wie schwermütige Selbstfindung und pubertätsbedingter Trotz gegen eine starre, konforme Gesellschaft. So bleibt die angehende Schriftstellerin auch mehr Chronistin als Protagonistin in einem Hort, dessen liebenswürdige Neurotikerinnen sie in ihrem Tagebuch beschreibt.

Königin der Klinik und eigentliche Hauptdarstellerin ist Lisa (Angelina Jolie). Als Soziopathin vereinnahmt sie alle mit manipulativem Geschick und quälender Direktheit. Und weil sie alle Tricks kennt, führt sie wie eine durchgeknallte Pipi Langstrumpf die anderen Mädchen nachts ins Abenteuerland, zu einer alten Bowlingbahn in den Katakomben.

Angelina Jolie: Oscar für enge Lederhosen
Columbia TriStar

Angelina Jolie: Oscar für enge Lederhosen

Lisa verkörpert die exzessive Freiheit von Sex, Drugs & Rock'n'Roll und somit alles, was die scheue, verkrampfte Susanna gerne wäre, das aber nach einer gemeinsamen Flucht letztlich auch von ihr missbilligt, also als gescheitert erklärt wird. Denn Lisa erscheint zunehmend als unsensibles "bad girl", das nur für den Moment und damit für sich selbst lebt. Angelina Jolie bewegt in ihrer engen Lederhose wie ein mageres Tigerweibchen, die vollen Lippen aufreizend, herausfordernd geschürzt, der Blick spöttisch-lauernd, und hat dafür den Oscar als beste Nebendarstellerin erhalten. Man wünscht ihrer Lisa den plötzlichen Drogentod, statt weiter auf dem Linoleumboden kauern zu müssen.

In Milos Formans "Einer flog über das Kuckucksnest" (1975) wurde Jack Nicholson als asoziales Subjekt eingeliefert, um domestiziert zu werden. Sein aggressiver Widerstand gegen die strikte, seelenlose Ordnung machte ihn tatsächlich zum Psychofall und so zum Märtyrer der Individualität. Susanna schließt nach den warmherzig-rauen Tipps der Schwester Valerie (Whoopie Goldberg) und philosophischen Gesprächen mit der Chefpsychiaterin (Vanessa Redgrave) des idyllischen Privatsanatoriums einen unbestimmten Kompromiss fürs Leben und wird als geheilt entlassen. Regisseur James Mangold, der bei "Cop Land" noch mit eigenwilligen Schnitten verblüffte, scheint sich Hollywood angepasst zu haben. "Durchgeknallt" ist ein durchaus sehenswerter und rührender, aber zu routinierter, fast schon konservativer Pensionatsfilm.

Hier klicken für einen Kino-Trailer zu "Durchgeknallt"

"Durchgeknallt" ("Girl, Interrupted"): USA 1999. Regie: James Mangold; Buch: James Mangold, Lisa Loomer, Anna Hamilton Phelan; Darsteller: Winona Ryder, Angelina Jolie, Whoopie Goldberg, Vanessa Redgrave, Jared Leto; Verleih: Columbia TriStar; Länge: 127 Minuten.

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