Von Ulrich Lössl
Wie macht man eigentlich einen typischen Coen-Brothers-Film?
Joel Coen: Im Grunde genommen ist das ganz einfach: Wir folgen nur unseren Eingebungen. Das ist es doch, worum es beim Filmemachen respektive Geschichtenerzählen eigentlich geht: Situationen zu erfinden, in die man imaginäre Charaktere hineinwirft, um zu sehen, ob sie es überleben.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie beschreiben, wie das konkret funktioniert?
Joel Coen: Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Manche Einfälle kommen spontan und an manchen Ideen basteln wir wochenlang herum. Bei uns läuft viel über Brainstorming. Wenn wir ein Drehbuchgerüst haben, setzen Ethan und ich uns zusammen und spielen mit den einzelnen Versatzstücken solange herum, bis wir beide mit dem Resultat zufrieden sind. Wir sind gar nicht so verschroben, wie die Leute immer denken. Im Großen und Ganzen sind wir eigentlich völlig normal.
Ethan Coen: Nur im Detail juckt es uns manchmal in den Fingern, den Dingen einen anderen Twist zu geben.
SPIEGEL ONLINE: Wie zum Beispiel in Ihrem neuen Film, wo Sie George Clooney ein Clark-Gable-Bärtchen verpasst haben.
Ethan Coen: Ja, ist das nicht spaßig? Plötzlich wird aus dem "ER"-Kinderarzt ein Matinee-Idol.
SPIEGEL ONLINE: Wie entscheiden Sie, ob etwas gut oder schlecht ist?
Joel Coen: Das ist ganz einfach: Jeder hält seine Ideen so lange für genial, bis der andere ihm widerspricht.
Ethan Coen: Das ganze Filmemachen ist bei uns ein sehr intuitiver Prozess. Ich meine, aus der "Odyssee" eine Art "Country-Musical" zu machen - so etwas kann man nicht planen, das passiert einfach.
Joel Coen: Dann hatten wir noch die Idee, Preston Sturges' genialer Komödie "Sullivans Reisen" eine Hommage zu erweisen. Unser Filmtitel bezieht sich übrigens auf einen Satz, der darin gesagt wird.
Ethan Coen: Aber eigentlich hat alles damit angefangen, dass wir George Clooney einmal als Kettensträfling sehen wollten... der mit zwei anderen aus dem Gefängnis ausbricht und - bevor er endlich seine Frau in die Arme schließen kann - unterwegs ein paar Abenteuer erlebt.
Joel Coen: Als wir das hatten, lag die "Odyssee" eigentlich auf der Hand.
SPIEGEL ONLINE: Zwischen Hommage und geistigem Diebstahl liegt oft nur ein kleiner Schritt...
Joel Coen: Und wenn schon! Solange es gut funktioniert, ist das schon okay.
SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten oft mit denselben Schauspielern...
Joel Coen: ...weil uns das bei der Entwicklung einer Story meist sehr hilfreich ist. Bei "O Brother, Where Art Thou" dachten wir zum Beispiel daran, dass John Goodman doch ziemlich groß und gut gebaut ist - warum soll er also keinen Zyklopen spielen? Bei "The Big Lebowski" wollten wir unbedingt John Turturro im Film haben, hatten aber einfach keine Rolle für ihn. Also haben wir ihn einfach hineingeschrieben - als Bowling-Freak namens Jesus.
SPIEGEL ONLINE: Sie scheinen eine große Vorliebe für fette Menschen zu haben - in Ihren Filmen wimmelt es förmlich davon.
Ethan Coen: Das hat natürlich einen Grund: Fette Leute sind meistens sehr komisch. Man braucht sie nur anzuschauen und muss schon lachen - denken wir nur an Oliver Hardy. Aber auch wenn wir sie regelmäßig für ein paar Witze melken, versuchen wir immer sie auch als Menschen zu achten. Alles andere wäre zu billig und nicht unser Stil.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit Ihren experimentierfreudigen Filmen sehr viel für die Renaissance des Independent-Kinos getan. Filme von Quentin Tarantino, Danny Boyle oder den Wachowski-Brüdern zeigen zum Beispiel deutlich Ihre Einflüsse.
Joel Coen: Es wäre ja schön, wenn wir einen unverwechselbaren Beitrag zur Filmkultur beisteuern könnten. Aber wir denken ganz sicher nicht daran, wie wir nach außen hin wirken. Ethan und ich machen einfach Filme, an denen wir Spaß haben.
Ethan Coen: Und da sind wir - zumindest in unserer Heimat Amerika - in der Minderheit. Denn anscheinend können nicht viele über unsere Art von Humor lachen.
SPIEGEL ONLINE: Dabei machen Sie ur-amerikanische Filme - nur eben auf sehr ungewöhnliche Art und Weise.
Joel Coen: Stimmt, aber die meisten unserer Landsleute scheint das eher zu verwirren als zu amüsieren.
Ethan Coen: Manche hassen uns richtig dafür. Sie glauben, dass wir ihre Werte in den Schmutz ziehen und dass wir gar die USA verunglimpfen.
Joel Coen: Darin spiegelt sich oft ein gefährlicher Nationalismus wider. Leute aus Minnesota haben uns zum Beispiel vorgeworfen, dass wir sie in "Fargo" alle als Idioten dargestellt hätten...
Ethan Coen: ...was natürlich absolut schwachsinnig ist. Und außerdem sind wir beide in Minnesota geboren und aufgewachsen.
Joel Coen: In "The Big Lebowski" gibt es drei kriminelle Deutsche, die den Neo-Nazis sehr ähnlich sind. Als wir den Film bei den Filmfestspielen in Berlin zeigten, hat sich kein Einziger Ihrer Landsleute deshalb auf den Schlips getreten gefühlt. In den USA geht es dagegen oft sehr provinziell zu.
SPIEGEL ONLINE: Welchen Effekt hat das Hollywood-Star-System auf Ihre Arbeit?
Ethan Coen: Es ist zum Glück für uns kaum relevant. Wir arbeiten ja, wie schon gesagt, sehr oft und sehr gerne mit denselben Schauspielern, die im Laufe der Zeit unsere Freunde geworden sind. Ich bin mir zum Beispiel sehr sicher, dass Nicolas Cage - obwohl er mittlerweile ein Megastar geworden ist - immer noch bei uns mitmachen würde, wenn er an einer Rolle Gefallen fände.
SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie sich demnächst an einem Melodrama versuchen wollen?
Joel Coen: Ja, absolut. In unserem nächsten Film geht es um einen Friseur aus einer kalifornischen Kleinstadt, der in den zwanziger Jahren verzweifelt versucht, ins Reinigungsgeschäft einzusteigen.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt eher wieder nach einer typischen Coen-Komödie.
Joel Coen: Nein, nein. Es ist ein Film noir nach einer James-M.-Cain-Story. Eine wirklich tragische Geschichte mit Billy Bob Thornton als frustriertem Friseur. Meine Frau, Frances MacDormand, spielt seine Frau. Wir drehen in Schwarz-Weiß. Es ist vom Stil her ein bisschen wie ein B-Movie aus den Vierzigern.
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