Von Marc Hairapetian
Filmszene aus "Suck My Dick", Darsteller Selge, Joop: Körperteile abhanden gekommen
Der verstorbene Dramatiker Heiner Müller bezeichnete die Berliner "Paris Bar" in der Kantstraße einmal als "Vorhof der Hölle". Er musste es wissen, schließlich gehörte der passionierte Zigarrenraucher und Whisky-Trinker als Stammgast selbst zum Inventar. Im Treffpunkt der Reichen, Schönen und Wichtigen (und der, die es gerne sein wollen) wurde nächtens schon so manch zündende Idee begossen, an die sich die Champagner-Revolutionäre verkatert am nächsten Morgen nicht mehr erinnern konnten. Regisseur und Drehbuchautor Oskar Roehler rekrutiert bei seinem neuesten Film "Suck My Dick" diverse Haupt- und Selbstdarsteller aus besagter "Paris Bar", die auch Schauplatz einiger - natürlich rot eingefärbter - Alptraumsequenzen ist.
Denn Alpträume der grässlichsten Art hat der mit seinem Roman "Dr. Dickhirn" in den Bestsellerlisten weit oben platzierte Autor Jekyll (Edgar Selge): Hässliche, alte Männer, die zur besseren Orientierung des recht bald desorientierten Zuschauers T-Shirts mit der Aufschrift "Zynismus" tragen, hetzen ihn peitscheschwingend durch eine Art Fegefeuer, während sein sexbesessenes Alter Ego Hyde (Ralf Richter) außer Kontrolle gerät - und ihm unter tätiger Mithilfe des Szene-Luders "bezaubernde" Jeanny (Katja Flint) nach und nach Penis, Haupthaar und Schneidezähne entwendet. Als Jekyll schließlich schweißgebadet aufwacht, muss er zu seinem Entsetzen feststellen, dass ihm tatsächlich seine Körperteile abhanden gekommen sind.
Szene-Luder Jeanny (Katja Flint): Immun gegen Aids?
Wer jetzt denkt, der filmische Schwachsinn habe ein Ende, befindet sich im Irrtum: Jekyll gibt nicht auf und versucht sich bei Solo-Performances als entmannter Kinski-Verschnitt. Seine zunächst umjubelten Publikumsbeschimpfungen finden ein jähes Ende, als er im Anschluss an die Show versucht, eine pausbäckige BWL-Studentin mit transatlantischen Kunstmanagement-Ambitionen erst mit Geld, dann mit Gewalt zum Beischlaf zu "bewegen". Nach diesem Vorfall ist Jekyll endgültig im deutschen Kulturbetrieb erledigt. Er erreicht das Stadium vollkommener Gleichgültigkeit, obwohl der seine wahre Identität entdeckende Hyde frustriert in das sorgenvolle Hirn seines Schöpfers zurückkehrt. Schließlich lehnt der sich dem permanenten Drogenrausch hingebende Jekyll sogar Jeannys generöses Angebot ab, sich seinen Phallus zurückzuwünschen. Klappe zu, Film tot.
Alptraumhaft: Hyde (Ralf Richter) und Jeanny (Katja Flint)
Auf die Frage, ob die Gespaltenheit seines Protagonisten auch etwas mit ihm selbst zu tun habe, antwortet er freimütig: "Zweifellos. Ich bin immer froh, wenn ich morgens aufwache und nicht mehr weiterträumen muss. Auch ich gehöre zur Paranoia-Fraktion. Primär ging es mir aber darum, das satirische Bild einer auf Äußerlichkeiten fixierten Kulturszene zu entwerfen. Ich bin nicht zynisch veranlagt, eher sarkastisch, ziehe manchmal gerne Dinge in den Dreck. Das macht Spaß."
Kastrations- Phantasmagorie: Jekyll (Edgar Selge) muss leiden
"Suck My Dick". Deutschland 2001; Regie/Buch: Oskar Roehler; Darsteller: Edgar Selge, Wolfgang Joop; Ralf Richter, Katja Flint; Länge: 82 Min.; Verleih: Helkon; Start: 8. November 2001
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