04. Mai 1999, 18:57 Uhr

Star Wars

Jedis, Yodas und Jojos in der 54. Straße

Von Carsten Volkery

Mit Jojo-Workshops, Lichtschwertwettkämpfen und Kennenlernspielen vertreiben sich die organisierten Schlangesteher vor dem New Yorker Ziegfeld Theater die Zeit bis zum 19. Mai. Dann ist (für die Unwissenden) Premiere von "Episode I". Eine Reportage aus dem Auge des Taifuns mit Bildern aus den Epizentren.

Die jungen Menschen haben sich im Internet kennengelernt und sich vor dem Chinese Mann's Theatre verabredet. Inzwischen dürften sie ein wenig mitgenommen aussehen, denn dieses muntere Lichtbild wurde schon am 19. April geschossen.
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Die jungen Menschen haben sich im Internet kennengelernt und sich vor dem Chinese Mann's Theatre verabredet. Inzwischen dürften sie ein wenig mitgenommen aussehen, denn dieses muntere Lichtbild wurde schon am 19. April geschossen.

"Wenn ihr die Zigarette aus dem Mund nehmt, geht das mit dem Jojo besser", ruft Robert Cartagena ins Mikrofon. Ein gutes Dutzend Star-Wars-Fans auf dem Bürgersteig in der 54. Straße versuchen, ihre brandneuen Jojos unter Kontrolle zu bringen. "Die Macht ist mit euch. Sie umgibt euch", feuert Matt Mariani sie an. Doch ein Jojo ist ein kniffligeres Kaliber als das gradlinige Lichtschwert, mit dem der Star-Wars-Fan aufgewachsen ist - und da hilft selbst die Macht manchmal nicht.

Robert ist Cheforganisator der Schlange, und Matt ist Marketing-Experte von der Firma Yomega, die die runden Dinger gespendet hat. Ihr Job ist es, die Schlangesteher, die sich in Schichten abwechseln, bei Laune zu halten. 18 Tage sind eine lange Zeit, und so spannend ist es selbst auf den Straßen Manhattans nicht. Warum also nicht Jojospielen lernen? Täglich von zehn bis zwölf ist Jojo-Workshop mit Dan "The Man" Wierenga. Dan ist 18 und ein echter Profi-"Jojoer". Abends von sechs bis acht wacht er über den Jojo-Wettbewerb. Ansonsten stehen auf dem Unterhaltungsprogramm noch traditionelle Lichtschwertkämpfe, die alten Star-Wars-Filme und - ja, das gehört dazu - Kennenlernspiele.

Noel Lamothe aus Alaska hat es sich vor dem Mann's Chinese Theatre in Hollywood bequem gemacht. Weil er schon seit dem 7. April dabei ist, hat er gute Chancen auf einen der vordersten Plätze im Premierenkino. Erstaunlich aber, daß der Mann zum Nach-Hause-Telefonieren noch ein herkömmliches Münztelefon benutzt.
AP

Noel Lamothe aus Alaska hat es sich vor dem Mann's Chinese Theatre in Hollywood bequem gemacht. Weil er schon seit dem 7. April dabei ist, hat er gute Chancen auf einen der vordersten Plätze im Premierenkino. Erstaunlich aber, daß der Mann zum Nach-Hause-Telefonieren noch ein herkömmliches Münztelefon benutzt.

Langeweile ist nicht das einzige, womit die Jedis und Yodas, die alle enttäuschend normal aussehen, zu kämpfen haben. "Heute morgen war es echt kalt", sagt Frank Bianco, 28, und schüttelt sich bei dem Gedanken. Die Wolkenkratzer in Midtown Manhattan werfen eben lange Schatten. Das Härteste jedoch kommt noch: Er hat sich für etliche Nachtschichten gemeldet, von Mitternacht bis acht Uhr früh. 117 Stunden insgesamt wird der hauptberufliche Fahrradkurier auf den 40 Quadratmetern Bürgersteig verbringen, zwischen der roten Linie auf der einen und den Pflanzenkübeln und Bänken auf der anderen Seite.

Wer würde es schon wagen, an Apollo Nguyen und David Browne vorbeizuschleichen? Sicher besteht ihr Warteproviant aus Pommes, Fritten und Chips. Oder essen Star-Wars-Fans Weltraumnahrung?
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Wer würde es schon wagen, an Apollo Nguyen und David Browne vorbeizuschleichen? Sicher besteht ihr Warteproviant aus Pommes, Fritten und Chips. Oder essen Star-Wars-Fans Weltraumnahrung?

Ist es das wert? Blöde Frage, natürlich! Und warum macht er so viele Stunden - die meisten von allen -, wenn doch schon der erste Samstag reichen würde? "Ich will richtig dazugehören", meint er. Und eine Ehrung bekommt er schließlich auch: Härtester Star-Wars-Fan New Yorks oder so ähnlich. Das ist Ansporn genug.

250 Mitglieder zählt die New Yorker Schlange. Etwa 20 Stunden Dienst auf dem Bürgersteig sind gefordert, um die zehn Punkte zu sammeln, die einen Platz bei der Premiere garantieren. Schlangestehen am Anfang des Monats zählt mehr als Schlangestehen kurz vor dem Tag X. Durchschnittlich hängen zu jedem gegebenen Zeitpunkt etwa 20 Leute vor dem Ziegfeld Theater herum. Viele kommen nach der Arbeit oder am Wochenende, viele sind Studenten. Neue Mitglieder können wegen Platzmangels nicht mehr aufgenommen werden.

Sonntag Nacht, 2. Mai, vor "Toys 'R' Us" in Newport News, Virginia. Die Spielzeugladenkette öffnete landesweit um Mitternacht - für einen Verkaufsmarathon von Star-Wars-Devotionalien.
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Sonntag Nacht, 2. Mai, vor "Toys 'R' Us" in Newport News, Virginia. Die Spielzeugladenkette öffnete landesweit um Mitternacht - für einen Verkaufsmarathon von Star-Wars-Devotionalien.

"Die Bedingungen sind ziemlich locker", findet David Creighton, 38, aus New Jersey. Er macht vier Wochenendschichten mit. "Das ist viel einfacher, als sich darum zu sorgen, noch Karten im Vorverkauf zu bekommen". Die Schlangesteher sind alle Sorgen los: Sie bekommen feste Sitze in der Mitte vorne. David, der eine Baseballkappe mit angenähten Yoda-Ohren trägt, wird in der zehnten Reihe des 1200 Besucher fassenden Kinos sitzen. Seit er 1980 die Premiere von "The Empire strikes back" ausgelassen hat und es ihm danach eine Woche lang hundsmiserabel ging, ist ihm die Anwesenheit bei Star-Wars-Premieren heilig: "Ich brauche es, das habe ich gemerkt."

Abbas Rezvi, 27, Star-Wars-Fan seit dem ersten Film von 1977, bereitet sich seit Monaten geistig auf das Ereignis vor. Er hat sich schon für die vierte Reihe entschieden: "Ich will voll eintauchen." Und entgegen allen Gerüchten kennen auch Die-hard-Fans Grenzen. Das Angebot eines Freundes, ihm das Skript zu beschaffen, hat Abbas abgelehnt: "Ich will mir den Spaß nicht verderben".

Paul und Mike Gibson aus Glen Burnie, Madison, scheinen noch ein paar mehr Brüder zu haben. Oder wieso bunkern die alles doppelt und dreifach!? (Dumme Frage einer Ignorantin) Wie man sieht, sind manche Fans auch vom Outfit her dem Film von 1977 treu geblieben.
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Paul und Mike Gibson aus Glen Burnie, Madison, scheinen noch ein paar mehr Brüder zu haben. Oder wieso bunkern die alles doppelt und dreifach!? (Dumme Frage einer Ignorantin) Wie man sieht, sind manche Fans auch vom Outfit her dem Film von 1977 treu geblieben.

Zelte wie in Los Angeles vor dem Chinese Mann Theater, wo sich die Schlange schon Anfang April zu bilden begann, gibt es in New York noch nicht. Die seien erst ab dem 8. Mai erlaubt, wenn die Schlange rund um die Uhr steht, sagt Robert. Bis dahin ist ab 1:00 Uhr nachts Sperrstunde. Die Infrastruktur soll auch noch besser werden: Am Samstag bereits erbot sich eine Frau, die um die Ecke wohnt, morgens Kaffee und Teilchen vorbeizubringen. Der Manager eines nahegelegenen Hotels offerierte ein Zimmer mit Dusche für eine Woche. Und natürlich warten alle auf die Computer mit den Videospielen.

Auf eines sind die New Yorker besonders stolz: Da die Ostküste der Westküste um drei Stunden voraus ist, findet die Weltpremiere in New York statt, nicht in L.A. "Wenn wir reingehen, rufen wir über Handy die Leute in L.A. an. Die werden sich maßlos ärgern. Eine Freundin dort hat mir schon gesagt, sie wird ihr Handy abstellen", erzählt Suzanne Sousa, eine der Organisatoren, voller Genugtuung.

Die Kundin aus L.A. hat schon mal was in den Einkaufswagen gelegt.
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Die Kundin aus L.A. hat schon mal was in den Einkaufswagen gelegt.

Und noch einen Leckerbissen haben sie sich ausgedacht: Am Dienstag werden fünf T-Shirts aus einer limitierten Kollektion versteigert, die als Motiv eine lichtschwertschwingende Freiheitsstatue zeigen. Die Versteigerung - und alles, was sonst noch auf dem Bürgersteig passiert - wird live im Web übertragen. Sonstige Updates gibt es als Countdown.

Doch all der 90er-Jahre-Hype reicht nicht an Roberts ersten Kontakt mit Star Wars heran: Das war 1977 - in einem Autokino in New Jersey.


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