Die Wege Wladyslaw Spzilmans und Marcel Reich-Ranickis kreuzten sich im Warschauer Getto: Szpilman war Pianist, Reich-Ranicki schrieb - unter Pseudonym - Musikkritiken. Jetzt rezensiert er Roman Polanskis Film über Szpilman. Der Artikel wird in der morgigen Ausgabe der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erscheinen. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht exklusiv einige Auszüge.
Kritiker Reich-Ranicki: "Er hat den Alltag des Gettos treffend wiedergegeben"
"Über stinkendem Graben
Papier voll Blut und Urin,
umschwirrt von funkelnden Fliegen,
hocke ich in den Knien."
So beginnt ein deutsches Gedicht, ein großes und erschreckendes Gedicht, geschrieben kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Der es verfaßt hat, Günter Eich, den wir auf keinen Fall vergessen sollten, und der es wagte, hier Urin auf Hölderlin zu reimen, wußte wohl kaum, daß jene deutschen Soldaten, die in einer Latrine über einem stinkendem Graben hockten und den versteinten Kot in den "Schlamm der Verwesung" klatschen hörten, daß sie unter den Zeitgenossen noch zu den Privilegierten gehörten. Denn den Elendsten der Elenden war auch eine Latrine verwehrt.
Die Erinnerung der Opfer, ihre Zeugenaussagen: Sie sind in den meisten Fällen gedämpft und gemildert, wenn nicht gar geschönt - und dies aus zwei ganz unterschiedlichen Gründen. Zunächst: Die Demütigungen waren oft so niederträchtig und grausam, daß jene Wenigen, die sie überlebt haben, meist nicht gewillt waren, sich zu überwinden und alles zu berichten; das Beschämendste wurde weggelassen. Der andere Grund: Die Darstellungen, ob in der Literatur oder im Film, sollten für das Publikum noch erträglich sein. Niemand war daran interessiert, daß die Menschen sich entsetzt von den Büchern abwenden oder aus den Kinos fliehen.
Ja, es war alles viel schlimmer: In der Latrine einer Wehrmacht-Einheit konnte man noch an Hölderlin denken. Doch woran haben jene gedacht, denen der Gestank im überfüllten Viehwaggon den Atem raubte und die sich, als deutsches Gas ihr Leben beendete, in ihrem Kot wälzen mußten? (...)
Aber soll man, darf man ein Gedicht ü b e r Auschwitz schreiben? Die Gegenfrage drängt sich auf: Wer wäre berufen und auch imstande, das Unvorstellbare zu zeigen oder anzudeuten und äußersten Schrecken zu vergegenwärtigen oder ahnen zu lassen, wenn nicht die Literatur und die Kunst, wenn nicht der Film? Diese Gegenfrage übersieht das Risiko: Die Kunst über das Grausamste könnte das Grauen konsumierbar, ja geradezu genießbar machen. Sie liefe Gefahr, den Bedarf des Publikums nach Grausamkeit zu befriedigen. Wird etwa durch die Kunst der Gegenstand, auf den sie abziehlt, gar poetisiert? (...)
Szene aus "Der Pianist": "wer wäre imstande, das Unvollstellbare zu zeigen?"
Ich kannte ihn (Szpilman) im Warschauer Getto, ich traf ihn auch oft in der Nachkriegszeit, ich habe noch kurz vor seinem Tod - er starb im Jahre 2000 - ausführlich mit ihm telefoniert. Er war intelligent, nur handelte es sich um die typische Intelligenz eines Künstlers. Wir unterhielten uns beinahe immer nur über Musik - und dabei fiel auf, daß sein Verhältnis zur Musik betont emotional war. Zu den Intellektuellen gehörte Szpilman bestimmt nicht. (...)
"Der Pianist", Darsteller Brody: "In jedem Augenblick vollkommen glaubwürdig"
Aber wenn sie sich nicht realisieren ließ, dann vielleicht doch simulieren? Das eben hat er getan: Mithilfe von zahlreichen Schauspielern und unzähligen Statisten, mithilfe von Bühnenbildnern und Kostümentwerfern und mit sonstigen Filmkünstlern jeglicher Art hat er das Leben im Warschauer Getto so gezeigt, daß das Ergebnis tatsächlich den Eindruck einer Dokumentation erweckt. (...)
Ähnlich verhält es sich mit dem, was die Figuren sprechen: Es sind immer nur einzelne Äußerungen und bloß Bruchstücke von Dialogen. Einen regelrechten Wortwechsel ergeben sie so gut wie nie. Was sich dahinter verbirgt, kann man sich denken: Polanski hat wohl befürchtet, daß Dialoge, gar Auseinandersetzungen oder Konfrontationen dem Film einen leisen theatralischen Anstrich geben könnten - und gerade das wollte er unbedingt vermeiden. (...)
Getto-Szenerie in Polanskis Film: "Nein, es war nicht anders"
Mit dieser strengen (...) Konzeption hängen freilich auch jene Szenen zusammen, denen dieser Film seinen ungewöhnlichen Rang verdankt. Ich meine das Bild des Warschauer Gettos. Wie alle, die ihre eigenen Erlebnisse in einem Film sehen, war auch ich oft geneigt, die Wiedergabe der historischen Wahrheit zu beanstanden und refrainartig zu wiederholen: Es war ja alles anders.
Nein, es war nicht anders. Was ich mir nie vorgestellt, was ich nie zu hoffen gewagt habe, das ist Polanski hier gelungen: Er hat den Alltag des Gettos, seine Atmosphäre so treffend und mit einer so überwältigenden Genauigkeit wiedergegeben, daß ich, diesen Film sehend, hier und da mit dem Verdacht kämpfen mußte, da seien authentische Dokumentaraufnahmen eingeblendet worden. Nein, da ist nichts übernommen, da ist alles rekonstruiert. Und Polanski hat es - das immer wieder verwendete Wort - hier sei es mir erlaubt: Er hat es meisterhaft gemacht." (...)
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