22. Mai 2004, 08:23 Uhr

Hollywood

Blockbuster im Kinokrieg

Von Rüdiger Sturm

Ob Sandalenheld, Spinnenmensch oder Zauberlehrling: Hollywoods Blockbuster-Heroen geben sich so politisch wie nie zuvor. Vor allem der Irak-Krieg geistert durch die großen Sommerfilme - mal als offener Seitenhieb, mal als subtile Spitze.

 Szene aus "The Day After Tomorrow": Klimawandel in der Traumfabrik
20th Century Fox

Szene aus "The Day After Tomorrow": Klimawandel in der Traumfabrik

Bisher war Al Gore nicht als Lobbyist für Hollywood aufgefallen. Doch in diesem Sommer macht er auf einmal PR für einen Blockbuster. Wenn Roland Emmerichs Katastrophenfilm "Day after Tomorrow" (Start: 27. Mai) seine New Yorker Premiere feiert, dann hält der Fast-Präsident parallel dazu einen Umwelt-Kongress ab. Denn der Regisseur und der Politiker haben das gleiche Thema: den bevorstehenden Klimawandel durch den Treibhauseffekt. Emmerich gibt sich kämpferisch: "Mein Film richtet sich gegen die Umweltpolitik von George W. Bush." Vorsorglich unterwies die NASA ihre Wissenschaftler, keine offiziellen Statements zu dem Streifen abzugeben

Ein Popcorn-Film als Politikum? In der Regel ist der amerikanische Kinosommer mit harmlosem Entertainment wie "X-Men 2" oder "Fluch der Karibik" verstopft. Aber in diesem Jahr scheinen Hollywoods Blockbuster die Umtriebe der US-Regierung kommentieren zu wollen. Ein Wahlkampf mit den Waffen des Showbiz.

Wolfgang Petersen sieht den machtsüchtigen Herrscher Agamemnon aus "Troja" (seit 14. Mai) explizit als Analogie zu George W. Bush. Auch der Hellenenfürst nimmt seine Vasallen in die Dienstpflicht, um in ein fremdes Land einzumarschieren. Wenn sich Filmfiguren über diese Vorherrschaftspläne mokieren, dann klingt das, als wolle jemand dem US-Präsidenten die Leviten lesen. Solche Assoziationen dürften kein Zufall sein. Immerhin befand sich "Troja" zum Ausbruch des Irakkriegs in Vorproduktion - genügend Zeit, um noch ein paar bissige Anspielungen als trojanische Spitzen ins Drehbuch zu schmuggeln. Die Film-Crew hatte ohnehin genügend Anlass, den amerikanischen Oberbefehlshaber aufs Korn zu nehmen. Durch seine Invasion musste der Krieg um Troja aus Sicherheitsgründen von Marokko nach Mexiko verlegt worden. Der Drehortwechsel blähte das Budget um rund $ 35 Millionen auf.

 Emma Watson, Daniel Radcliffe in "Harry Potter - Der Gefangene von Askaban": Foltern im Zauberland
REUTERS

Emma Watson, Daniel Radcliffe in "Harry Potter - Der Gefangene von Askaban": Foltern im Zauberland

Was bei Petersen noch Plan war, wurde bei "Harry Potter - Der Gefangene von Askaban" (Start: 3. Juni) zum Schicksal. Als Warner Bros. den Starttermin auf Anfang Juni legte, konnte das Studio kaum ahnen, dass es damit die Vorgänge im Irak illustrieren würde: Immerhin dreht sich die dritte Zauberer-Mär um ein Foltergefängnis, das von der Regierung unter dem Deckmäntelchen der Gerechtigkeit betrieben wird. Ob Abu Ghureib oder Askaban, die Unterschiede sind nur graduell. Allerdings sind Dementoren, die Kerker-Meister aus Potters Abenteuer, wesentlich fotoscheuer als amerikanische Soldaten.

Dass sich Befehlsempfänger nicht immer an Recht und Gesetz halten, gilt aber nicht nur für Soldaten, sondern auch für Roboter. So gesehen reflektiert das Sci-Fi-Spektakel "I,Robot" mit Will Smith die Zustände bei der US-Truppe. Hier ist ein Maschinenwesen in einen Mordfall verwickelt - obwohl es laut Programmierung Menschen nichts zu Leide tun darf. Was dem einen die Gesetze der Robotik, das sind dem anderen die Genfer Konventionen.

Aber noch lästiger als moralische Regeln sind menschliche Aussteiger. So schlug Washington mit geballter PR-Macht auf Ex-Sicherheitsberater Richard Clarke ein, als er Bushs Politik attackierte. Nicht viel besser geht es dem Ex-CIA-Killer Jason Bourne in "Die Bourne Verschwörung" (Start: 9. September). Ihm hängen Geheimdienstkreise gleich einen Mord an. Oder hat er womöglich im Irak Labors für Chemiewaffen eingerichtet?

Während Bourne nur auf Nahkampf-Technik und Franka Potente zurückgreifen kann, haben andere Systemgegner bessere Mittel: Sie werden gleich zu Superhelden. "Spiderman" schaltete schon im ersten Teil einen Vertreter der Rüstungsbranche aus. Dessen Sohn strebt jetzt in Folge zwei (Start: 6. Juli) nach Rache. Auch der Konfllikt Öko- versus Industrieinteressen wird thematisiert. Schließlich kämpft der animalische Held gegen einen verrückten Wissenschatler mit vier mechanischen Armen.

Ähnlich sieht die Konstellation in "Catwoman" (Start: 19. August) aus: Die tierliebe Superfrau, die in ihrem Kostüm paradox an Micky Maus erinnert, steht für das Gute, während die Großindustrie, verkörpert von Sharon Stone, den Bösewicht abgeben darf. Fast könnte man den Eindruck bekommen, die Vertreter von Attac hätten den Drehbuchautoren die Feder geführt.

 Hektor (Eric Bana) und Mannen in "Troja": Dem US-Präsidenten die Leviten lesen
DDP

Hektor (Eric Bana) und Mannen in "Troja": Dem US-Präsidenten die Leviten lesen

Doch dieser öko-sozialen Krittelei stellt sich ein Vertreter wahrer Werte entgegen. Erfolgsproduzent Jerry Bruckheimer ("Fluch der Karibik"), überzeugter Republikaner, zeigt uns den besten Herrscher aller Zeiten. Sein "König Arthur" (Start: 19. August) liest sich fast wie eine Blaupause für den Irak-Einsatz: Eine Besatzungsarmee schlägt sich mit einheimischen Guerillakämpfern und fremden Kriegern herum, die aus dem Ausland einsickern. Am Schluss tut sie sich mit der Bevölkerung zusammen, um die Ausländer hinauszuwerfen; der Kommandeur der Okkupanten übernimmt die Regentschaft im Land. Dass sich die Geschichte im Britannien des 5. Jahrhunderts abspielt, soll da nicht weiter stören. Bruckheimer sagt es selbst: "Mein Film feiert die Opferbereitschaft von Soldaten."

Doch womöglich zieht der Zuschauer derlei Botschaften politisch Unbedenkliches vor. Zum Beispiel "Shrek 2" (Start: 1. Juli), die Geschichte eines grausigen Monsters mit gutem Herzen. Oder ist dies etwa das Märchen von Donald Rumsfeld?


URL:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH