Hitler-Darsteller Ganz: Der Führer isst Spaghetti
Der Führer isst Spaghetti mit Tomatensauce. Konzentriert schlingt er die Teigwaren in sich hinein, während ihm gegenüber drei Damen sitzen - zwei Sekretärinnen und die Köchin, die allesamt keinen rechten Appetit zu haben scheinen. Augenscheinlich verstört sitzen sie ihm gegenüber, kein Wort mildert die unangenehme Stille. Es ist Adolf Hitlers Henkersmahlzeit. Nur wenige Stunden später wird er erst seine frisch angetraute Ehefrau Eva, dann sich selbst umbringen und mit nicht weniger als 200 Litern Benzin verbrannt werden. Als er aufgegessen hat, putzt er sich sorgfältig den Mund ab und dankt der Köchin artig für das "ausgezeichnete" Essen.
Es sind betuliche Szenen wie diese, die um den Film "Der Untergang" schon Wochen vor dem Kinostart heftigen Medienrummel ausgelöst haben: Die deutsche Albtraumgestalt Hitler nicht als Monster, sondern auch als Mensch zu zeigen, für den man unerlaubt freundliche Gefühle entwickelt, das berührt auch 60 Jahre nach Kriegsende einen nicht verkümmerten Fragereflex der Empörung: Darf man das?
Szene mit Ulrich Matthes und Corinna Harfouch als Ehepaar Goebbels: Leere Schablonen
Doch wehe, es tarnt sich ein Filmemacher mit dem Deckmantel der Quasi-Authentizität und entwirft seinen Hitler-Film als großes Drama, rekrutiert dazu noch fast die gesamte deutsche Leinwandprominenz als Darstellerriege - er kann sich einer lebhaften, erneuten Diskussion der "Darf-man-das"-Frage sicher sein.
So scheint es zunächst, als hätten Drehbuchautor Bernd Eichinger und Regisseur Oliver Hirschbiegel ihr Ziel erreicht, "sich der Geschichte von innen zu nähern" und der deutschen Vergangenheitsbewältigung ins 21. Jahrhundert zu verhelfen. Wie ein Honigkuchenpferd sitzt Eichinger in Talkshows herum und freut sich darüber, nach Dingen gefragt zu werden, die man Filmproduzenten normalerweise nicht fragt, weil sie keine Historiker sind.
Szene mit Bruno Ganz und Heino Ferch: Hitler als einzige Identifikationsfigur
Den kalkulierten Tabubruch stützt Eichinger auf Joachim C. Fests Buch "Der Untergang - Hitler und das Ende des Dritten Reichs" und die Erinnerungen der Hitler-Sekretärin Traudl Junge ("Bis zur letzten Stunde"). Chronologisch zeichnen der Produzent und sein Regisseur die letzten zwölf Tage des Nazi-Regimes vom 20. April bis zum 2. Mai 1945 inmitten des umstellten Berlin nach.
Schauplatz ist der Führerbunker unter der Reichskanzlei, in den sich Hitler und seine engsten Getreuen zurückgezogen haben. Gezeigt werden die letzten Versuche des Diktators, seinen Traum von der Weltmacht aufrecht zu erhalten, seine Erkenntnis, dass der Sieg nicht mehr zu erringen ist, und schließlich die Flucht in den Selbstmord.
Hitler (Bruno Ganz) mit Ehefrau Eva (Juliane Köhler): Beherzter Kuss auf den Mund
Der Holocaust ist nicht das Thema dieses Films. Eichinger wollte die Spiegelung der Soziologie des Dritten Reichs in einer zugespitzten Situation, das Herantasten an die Hitler-Bewältigung - und scheitert daran, dass ein unbefangener Umgang mit der Figur Hitler schlicht nicht möglich ist.
Was bleibt, ist der Grusel: Bruno Ganz, der sich Mimik, Gestik und den Sprachduktus Hitlers aneignete, vollbringt mehr als Mummenschanz. Sein fesselndes und ausdifferenziertes Spiel überstrahlt hochkarätige Darsteller wie Corinna Harfouch, Heino Ferch, Ulrich Matthes und Juliane Köhler und lässt ihm zugleich die beklemmende Rolle der einzigen Identifikationsfigur zufallen.
Schauspielerin Lara als Traudl Junge: Rehäugige Beobachterin
Natürlich fühlt man sich unwohl, wenn man genötigt ist, sich einem Monster zu nähern. Zwar zetert Hitler zuweilen Furcht einflößend und lässt genügend Antisemitisches verlauten, um gehasst zu werden. Doch dann lässt Ganz ihn zärtlich mit Traudl turteln oder seiner Eva herzhaft einen Kuss auf den Mund drücken. Hier regt sich zumindest die Bereitschaft zum Verständnis dieser Figur. Aber will man das? Sicher nicht. Automatisch geht man innerlich auf Distanz.
Zu viel an diesem Film funktioniert nicht. Die ersten Reaktionen des Premieren-Publikums auf das Ereignis "Untergang" fielen entsprechend zwiespältig aus: Zu lang, zu zäh, das Ganze lasse einen seltsam kalt. In Berlin, wo der Film am Sonntag unter Anwesenheit vieler Darsteller aufgeführt wurde, wollte der Applaus am Ende nur spärlich einsetzen.
"Untergang"-Produzent und Drehbuchautor Eichinger: Kalkulierter Tabubruch
Am Ende des Bunkerspiels bleibt nur die Faszination der akkuraten Hitler-Darstellung, weil sie den Reiz des Verbotenen besitzt. Erkenntnisse über die agierenden Menschen, ihre Beweggründe und Motivationen bietet der Film nicht an. Wie auch, wenn selbst Joachim C. Fest bei der Frage nach dem "Warum" passen muss, wie unlängst in einem Interview mit der "Welt".
Im Unerklärlichen und Unerklärten liegt üblicherweise die Chance des Filmemachers, seine eigene Version zu propagieren, historisch belegt oder frei erfunden - das ist nebensächlich. Doch es ist eben nicht möglich, Hitler, Goebbels oder selbst Traudl Junge als Helden in einem emotionalen Kinodrama zu inszenieren.
Sein notwendiger Rückzug vor jeder Wärme, Epik und Interpretation macht den "Untergang" zu einem letztlich überflüssigen Film. Für die banale Erkenntnis, dass das Böse im Menschlichen existiert, hätte es keiner 13 Millionen Euro teuren Kinoproduktion bedurft, die auf der Leinwand so harmlos und flach wie ein besserer TV-Zweiteiler wirkt.
© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH