Helden-Familie "Die Unglaublichen": Superkräfte für die ganze Familie
Die Zeiten, in denen sprechende Tiere und Pflanzen die Welt des animierten Films bevölkerten, sind vorbei. Mit "Die Unglaublichen" macht das computergenerierte Genre einen Evolutionssprung nach vorne und verlässt das Krabbel-Zeitalter, um aufrecht zu gehen.
Und das auch noch mit Erfolg: Der jüngste und gleichzeitig vorletzte Film aus der Kooperation zwischen Disney und der CGI-Schmiede Pixar ist in den USA mit einem höheren Umsatz gestartet als sein Vorgänger. Der hieß "Findet Nemo", handelte von niedlichen Fischen, die - logisch - sprechen konnten und gilt bisher neben "Shrek 2" als kassenstärkster Animationsfilm aller Zeiten. Nicht mehr lange, wenn man bedenkt, dass die "Unglaublichen" jetzt erst ihren weltweiten Siegeszug antreten werden.
Szene aus "Die Unglaublichen": Eben noch am Rande der Dysfunktionalität, jetzt schon Familie Unglaublich
Am Anfang einer guten Filmidee steht oft eine jener berühmten "What if"-Fragen: Was wäre, wenn Superhelden von der Gesellschaft geächtet würden - weil sie so super sind? Diese eigentlich absurde Frage, die nur ein eifriger Leser von Marvel- oder DC-Comics stellen kann, könnte der Ausgangspunkt für "Die Unglaublichen" gewesen sein. Doch das Schöne an Animationsfilmen ist ja, dass man sich um die Plausibilität von Dingen oder Figuren, die es gar nicht gibt, nicht zu scheren braucht.
Einsatz für Mr. Incredible: Was einst breite Schultern waren, ist nun ein stattlicher Bauch
Auch Mr. Incredible ist so ein Alleskönner. Mit V-förmigem Oberkörper, kantigem Kinn und übermenschlicher Kraft ist er stets zur Stelle, wenn Menschen Unrecht angetan werden soll. Wie sein berühmtes Vorbild vom Planeten Krypton hält er Bankräuber in Schach und rettet Kätzchen von Bäumen. Die Welt ist ein sicherer Platz mit ihm und seinen illustren Kollegen aus der Heldengilde.
Doch dann hält plötzlich die schnöde Realität des 21. Jahrhunderts Einzug in die Fifties-Idylle: Die Menschen entdecken ihre Lust an der Schadenersatzklage und zerren die Helden vor Gericht, wenn es bei einem Rettungseinsatz zu Kollateralschäden kam oder das vermeintliche Opfer gar nicht vom Unheil bewahrt werden wollte. Die Retter werden zum Risiko - zumindest für die Regierung, die alsbald ein "Gesetz zur Verhinderung von Heldentaten" beschließt und eine Art Zeugenschutzprogramm für die verpönten Heroen auflegt. Die Superhelden werden von der Gesellschaft in eine alltägliche Existenz gezwungen.
Mr. Incredible mit Helden-Partner Frozone: Die Retter werden zum Risiko
Er ist schlaff, er ist müde und desillusioniert. Seine Frau Helen, ehemals Elastigirl, managt den Haushalt mit den drei Kindern im Alleingang, während sich Bob einmal die Woche mit seinem alten Kumpel Lucius Best alias "Frozone" trifft. Aber nicht, um zu Pokern oder zu Kegeln, sondern um bei Nacht und Nebel am Polizeifunk zu lauschen und dann - illegalerweise - auf Superhelden-Tour zu gehen. Denn natürlich sind die Superkräfte nicht verschwunden, sie wurden sogar vererbt: Tochter Violetta ist ein schüchterner Teenager, der sich unsichtbar machen kann, Sohn Flash ist ein frecher Bengel, der schnell wie der Blitz ist. Baby Jack-Jack schreit zwar nur, aber auch das bereits in übernatürlicher Lautstärke.
Superschurke Syndrome: Großer Gleichmacher
Das atmet erst einmal den Geist eines echten, wertkonservativen Disney-Films: Friede, Familie, Eierkuchen. Und tatsächlich besteht Brad Birds Leistung nicht darin, einen politisch korrekten Animationsfilm voller aufrechter Linksliberaler geschaffen zu haben. Die Botschaft von "Die Unglaublichen" ist durchaus kontrovers, weil sie ein flammendes Plädoyer gegen den Gedanken des Egalitarismus beinhaltet. "Die finden immer neue Wege, die Mittelmäßigkeit zu feiern", schimpft Bob Parr. Als Superheld darf er seine besonderen Fähigkeiten auch deshalb nicht ausleben, weil andere sie nicht haben: gleiches Recht und gleiche Voraussetzungen für alle.
Helden im stilvollen Ruhestand: Wuchtige Möbel balancieren auf zierlichen Stelzen
Doch bevor nun der Eindruck entsteht, der neueste Pixar-Film wäre ein Diskurs-Fest für Intellektuelle und so unterhaltsam wie ein Buch von Ayn Rand, dem sei versichert, dass "Die Unglaublichen" natürlich in erster Linie ein Abenteuerfilm voll haarsträubender Actionszenen und grandiosen Slapstick-Einlagen ist. Bird und seine Animateure treiben es stellenweise sogar so weit mit ihren rasanten Verfolgungsjagden und Kampfszenen, dass Kinder in den USA nur in Begleitung ihrer Eltern in den Film dürfen - zum ersten Mal in Disneys Trickfilmhistorie. In Deutschland ist der Film indes ab sechs Jahren freigegeben.
Am beeindruckendsten aber ist die mutige Ästhetik des Films, die Bird aus alten Bond-Filmen, B-Movies und Comic-Heften zusammenzitiert: Mit seinen futuristischen Formen und knalligen Farben erweckt der Film jene Moderne zu neuem Leben, wie sie in den fünfziger und sechziger Jahren von Designern, Künstlern und Filmemachern gesehen wurde: Wuchtige Möbel balancieren auf zierlichen Stelzen, Straßenkreuzer protzen mit geschwungenen Heckflossen, Gebäude erinnern an die Visionen von Frank Lloyd Wright und Mies van der Rohe. Hier findet das Bekenntnis zum "Anything goes" seine konsequente visuelle Umsetzung.
So ist ein Film entstanden, der sich erstmals in der Erfolgsgeschichte von Pixar vornehmlich an Erwachsene richtet, ohne die kindliche Klientel gleich zu vergraulen. Was wäre, wenn Pixar tatsächlich ein Film für die ganze Familie gelungen wäre?
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