Von Daniel Haas
"Krieg der Welten"-Stars Robbins, Cruise, Fanning: Zerstörung des Zivilen
Was dürfen wir sehen? Was dürfen wir sagen? Die Verleihfirma UIP hat es in Deutschland allen gezeigt: Vor dem 29. Juni darf über "Krieg der Welten" nicht berichtet werden, hieß es in einem Schreiben, das die Rezensenten unterzeichnen mussten. Wer nicht spurte, hatte mit rechtlichen Konsequenzen zu rechnen.
Die Kritiker konnten sehenden Auges in die Katastrophe schlittern, nur der Mund war ihnen verboten: Was für eine peinliche, kleinliche - und letztlich unfreiwillig stimmige PR-Inszenierung für einen großartigen Film, der genau dieses Verhältnis umkehrt und zur tragenden Metapher seines Geschehens macht. Denn die kleine Rachel (Dakota Fanning) soll, wenn es nach ihrem Vater Ray (Tom Cruise) geht, möglichst wenig sehen von jenen Schrecken, die über sie und den Rest der Menschheit hereinbrechen. "Du schaust nur mich an und drehst dich nicht um!" wird ihr in einer Szene eingeschärft; in einer anderen werden ihr die Augen verbunden. Warum? Weil hier die Welt auf eine Weise in Stücke geht, wie das Kino sie noch nie hervorgebracht hat.
Natürlich wird Rachel das Grauen zu Gesicht bekommen, und sie schreit, schreit bis zur Hysterie: Das Szenario, das Steven Spielberg in "Krieg der Welten" entfaltet, ist das des Massenmords. Die haushohen Roboter, die überall aus der Erde brechen, taugen nicht zur Begegnung der dritten Art; ihre knotigen Finger sind nicht Instrument der Erleuchtung wie in "E.T.", sondern am Drücker tödlicher Strahlenwaffen, die ihre Opfer buchstäblich zu Staub zermahlen.
Darstellerin Fanning: Spielbergs Eurydike
Was dürfen wir sehen, was zeigen? Es gibt Bilder, die sind so suggestiv, so gesättigt mit Perversion und Grausamkeit, dass ihre Bedeutungsschwere sich über die Zeit in Bedeutungsleere verwandeln kann. Die explodierenden Twin Towers sind so ein Bild, millionenfach wiederholt und schließlich zu einem Emblem der Perfidie erstarrt, das uns begleiten, aber kaum mehr berühren kann. "Krieg der Welten" schlüsselt die Katastrophe noch einmal für uns auf: Wenn nach einem weiteren Angriff der Außerirdischen Rays Sohn Robbie (Justin Chatwin) begreift, dass das gigantische Ding, das das Haus seiner Familie zertrümmert hat, ein Flugzeugwrack ist, dreht er durch. Spielberg weiß, dass jede Generation ihr Trauma hat, und das des modernen Amerika ist 9/11.
Filmheldin Fanning: "Dreh dich nicht um!"
Kein Zweifel: "Krieg der Welten" bebildert einen Genozid, auch wenn der Film vordergründig einer Art verknappter Western-Dramaturgie folgt. Die Helden bilden einen Mini-Treck, der sich durch Feindesland schlagen muss, um sich in Sicherheit zu bringen. Dass es die angesichts einer allgegenwärtigen Vernichtungsmacht nicht geben kann, lässt in der Folge die ganze Welt auf ein Gefängnis zusammenschnurren.
Die Episode, in der Ray und seine Tochter im klaustrophobisch engen Sturmkeller eines Farmers (Tim Robbins) unterkommen, ist so gesehen nur eine Verschärfung der allgemeinen Verhältnisse. Hier demontiert der Film zudem mit grausiger Konsequenz das Bild des wehrhaften Amerikaners, der die Feinde von außen in die Flucht schlägt. Und hier zeigt er Rachel mit vom Vater verbundenen Augen, weil sie nicht Zeugin eines weiteren, auf tragische Weise notwendigen Verbrechens werden soll.
Chatwin, Cruise, Fanning: Jede Generation hat ihr Trauma
Es gibt also kein Happy End? Ist Spielberg von H.G. Wells' Romanvorlage abgewichen? Dort werden die außerirdischen Killer von einem Schnupfenvirus hinweggerafft - ein bösartiger Scherz, mit dem der Autor seine Parabel auf die Kolonialpolitik des British Empire beschloss. Wells' Roman, 1898 veröffentlicht, verschlüsselte die Ausrottung der tasmanischen Eingeborenen durch die britischen Invasoren in ein Stück Science-Fiction und lieferte die Kritik gleich mit: Zu Hause kommen die Besatzer unter Alien-Beschuss und damit selbst in die Rolle der "unterlegenen Rasse". Spielberg manövriert seine Figuren bis in ein merkwürdig unversehrtes Boston, dem Geburtsort der amerikanischen Nation. Was sie dort erwartet, darf nicht verraten werden, nur so viel: Auch diese letzten Bilder erlauben verschiedene, beunruhigende Lesarten.
Gesehen hat man bis dahin nicht nur die Erschütterung der Zivilisation, sondern des Zivilen selbst. Wie viel darf man zeigen, wie weit muss man sich dem aussetzen? Steven Spielbergs Film beantwortet diese Frage mit schonungslosen Bildern, die zugleich pietätvoll und brutal, verrätselt und schonungslos direkt sind. Hatte Orson Welles ein derartiges Tableau im Sinn, als er in seinem legendären "Krieg der Welten"-Hörspiel von 1938 einen Reporter sagen ließ: "Ich kann kaum hinschauen, so furchtbar ist es"?
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