Von Marc Pitzke, New York
Luke Murphy, 24, hat es kommen sehen. Dies ist seine zweite Tour im Irak, aber nicht freiwillig, denn die Armee zwingt ihn. "Ich habe meine Zeit abgeleistet. Ich fühle mich beschissen." Dann reißt er sich zusammen und fällt in denselben Hauruck-Plural wie seine Kameraden: "Wir sind bereit, in den Irak zu gehen! Und wir werden's knallen lassen!"
Szene aus "I Am an American Soldier": "Herr, rüste uns fürs Gefecht"
Monate später kehrt Murphy vorzeitig von der Front zurück - ins Armeehospital Walter Reed bei Washington. Eine Autobombe hat ihm in Bagdad das rechte Bein abgerissen und das linke zertrümmert. Sein Babygesicht ist genau so stoisch wie vorher. "Fuck it", sagt er tonlos. "Das ist echt Scheiße. Nichts ist das wert."
Murphy ist einer der traurigen Helden von "I Am an American Soldier", einer abendfüllenden Dokumentation, die gestern Abend auf dem Tribeca Film Festival in New York Premiere hatte. 14 Monate, von September 2005 bis November 2006, begleitete Regisseur John Laurence eine Gruppe Soldaten der 101st Airborne Division durch den Irak - der gleichen US-Truppe, die er 1970 schon in Vietnam porträtiert hatte, seinerzeit als CBS-Kriegskorrespondent.
Damals räumte Laurence ("The World of Charlie Company") alle wichtigen Preise ab. Und auch jetzt ist "Soldier" einer der meist diskutierten, emotionalsten Beiträge des Tribeca Festivals, gegründet nach den Terror-Anschlägen des 11. Septembers 2001, um Manhattan neues Leben zu geben. Wie jedes Jahr sind die Folgen von 9/11 hier wieder mal ein roter Faden, und "Soldier" trifft die Stimmung der kriegsmüden Nation.
Debatte fernab der Realität
Das hat es noch nie gegeben: Statt selbst kommentierend die Stimme zu erheben, lässt Laurence ausschließlich die 92 Soldaten der 101st sprechen. Er zeigt die Natur des Krieges durch ihre Augen, ihre Worte, ihre Erlebnisse. Was einen umso schlimmer trifft, da diese kindlichen Krieger so sympathisch sind. Trotz ihrer antrainierten Killer-Mentalität.
Der Zuschauer lebt und leidet mit ihnen. Er fühlt ihre Motivation. Dann ihre Frustration. Dann ihre Resignation. Und er verlässt das Kino mit einem viel besseren Begriff dieses "Alptraums", wie es einer der GIs ausdrückt, als nach jeder dumpfen Wahlkampf-Debatte.
"Wir wollten keinen polemischen Film machen, keinen politischen Film", sagt Laurence, 64, ein gesetzter Herr im Pullunder, dem man nicht anmerkt, dass er sich seine Sporen als Reporter im Dschungel Vietnams verdient hat. "Dies ist kein Anti-Kriegs-Film und auch kein Pro-Kriegs-Film." Will heißen: Es ist einfach ein Film über den Krieg - und die, die in ihm kämpfen.
Das Ergebnis ist nicht minder erschütternd - egal, auf welcher Seite man steht. "I Am an American Soldier" ist der bisher enthüllendste Film über das Soldaten-Dasein im Irak. Es war ein ironischer Zufall, dass ausgerechnet gestern, am Premierentag, der US-Senat das Datum für einen Truppenabzug festlegte - nach einer politischen Diskussion, die so weit von der Realität entfernt schien, wie Laurences Film ihr nahe kommt.
Veteran tödlicher Kämpfe
Der beginnt ganz harmlos. Fort Campbell in Kentucky, Stützpunkt der 101st, der "Screaming Eagles". Eine sagenumwobene Division: Die 101st war die Speerspitze der Invasion in der Normandie. Steven Spielbergs Fernsehserie "Band of Brothers" verewigte sie.
Doch die echten Jungs der Charlie Troop, die hier durch den Wald joggen, eignen sich kaum als TV-Helden. Sie sind fast noch Teenager, picklig und unbeholfen. Was er in der Armee suche, wird einer gefragt. "Keine Ahnung, Sir. Irgendwie bin ich hier gelandet."
Sergeant Mario Terenas, der Anführer des 1. Platoons, ein gebürtiger Portugiese, ist da deutlicher: "Ich komme aus einer kaputten Familie. Die Armee ist meine Familie. Meine Soldaten sind meine Kinder." Denen bringt er die wichtigste Überlebensregel bei - den Umgang mit dem Feind: "Zwei schnelle Schüsse in den Körper, dann einen in den Kopf. Licht aus."
"Ihr müsst den anderen Hundesohn immer killen!", befiehlt Oberst Michael Steele, der bullige Brigadekommandeur. "Lasst ihn nicht leben!" Was der Film dabei verschweigt: Steele ist ein Veteran tödlicher Kämpfe. 1993 war er am Einsatz von Mogadischu beteiligt, bei dem 19 US-Soldaten umkamen. Der Film "Black Hawk Down" verklärte Steele zum Helden.
Der Horror von Sadr-City
"Lass den Feind langsam sterben, Amen"
Steele hält ein gefaltetes Sternenbanner hoch. Von Ground Zero gerettet, behauptet er. "Unser Kampf begann mit dieser Flagge." Er ballt die Faust: "Es ist Zeit, jagen zu gehen!" Die Soldaten brüllen freudig zurück: "Hoo-ah!"
Und so geht's auf die Jagd. Erste Station: Kuweit. Sand und Langeweile. "Wir trainieren für einen Guerilla-Krieg, aber mit unseren Taktiken und Konventionen", sagt Murphy, ahnungsvoll. Im irakischen Samarra lauern sie auf einem Dach, mit Blick auf die goldene Kuppel der al-Askari-Moschee, ein Heiligtum der Schiiten. "Wir sind die härteste Gang in Samarra", prahlt Sergeant Brian Little, sonst Cop in New York.
Doch nichts passiert, obwohl sie sich jeden Tag mit Energy-Drinks aufputschen. "So ein Quatsch", sagt einer. "Wir warten auf nichts." Sie vertreiben sich die Zeit mit Videospielen und Lehrvideos über selbstgebastelte Bomben.
An Halloween bemalen sie sich die Gesichter - "wie Rambo" - und ziehen in die Nacht, um Aufständische zu jagen. "Schnappt sie euch", ruft Sergeant Terenas. "Killt sie, killt sie, killt sie noch mal." Zuvor noch ein gemeinsames Gebet: "Herr, rüste uns fürs Gefecht. Lass den Feind langsam sterben. Amen."
"Rumms!"
Leider werden die Soldaten am falschen Ort abgeladen. Kein einziger Aufständischer lässt sich blicken. Unverrichteter Dinge kehren sie zurück. "Ist zu lässig hier", klagt Herd. "Ich will dem Feind in die Augen gucken. Wie diese tapferen Helden, die in die Geschichte eingegangen sind."
Die Gelegenheit ergibt sich: Herd feuert auf ein Auto mit drei Zivilisten - Unschuldige, wie sich herausstellt. Einer stirbt. "Ein paar Tage lang fühlte ich mich schlecht", sagt Herd. "Jetzt denke ich nicht mehr wirklich darüber nach." Er kann darüber sogar schon wieder Witze reißen. Sie ziehen aus Samarra ab. Kurz darauf, im Februar 2006, wird die Moschee von einer Bombe zerstört - der Beginn des Bürgerkriegs.
Die Charlie Troop kommt nach Bagdad, ins Schiiten-Viertel Sadr City. Ihre Mission wird zur unmöglichen Farce. Die Gesetzlosigkeit des Viertels schockiert selbst Terenas. "Wir können absolut nichts dagegen tun. Wir dürfen nicht zurückschießen. Es ist degradierend und abscheulich." Sein Frust richtet sich gegen Washington: "Ihr habt diese Typen legitimiert!"
25. April 2006. "Rumms!", erinnert sich Murphy. Der Konvoi der Charlie Company fährt auf eine Bombe im Sand. "Ich dachte, ich sei tot", sagt Murphy. "Es tat höllisch weh." Ian Gallegos, der Einheitsarzt, rettet Murphy das Leben. Sein Bein kann er nicht retten.
"Ein letztes Mal auf den Irak gepinkelt"
Murphy kommt ins Walter Reed Militärhospital in Washington. "Mein Leben lang hatte ich Glück." Doch in Bagdad, da habe er es gleich geahnt: "Shit, jetzt bin ich dran." Seine Kameraden müssen noch ein paar Monate im Irak aushalten. Zum Abschied lässt Sergeant Terenas die Hose runter. "Ich habe ein letztes Mal auf den Irak gepinkelt."
Der Empfang in der Heimat ist peinlich patriotisch - ein krasser Gegensatz zum Frontdienst. Die Familien warten jubelnd in einem Hangar. "Ich will nur, dass das vorbei ist und ich nach Hause kann", sagt Terenas.
Die Generäle halten große Reden. Die Soldaten sind desillusioniert. Wofür sie im Irak gekämpft haben? "Bars, Alkohol, MTV, McDonald's", sagt einer. Ein anderer: "Wir kämpfen nicht für unser Land. Uns geht es nur um unsere Freunde und Buddys." Ein weiterer: "Das amerikanische Volk sollte sich fragen, ob es das wert ist, dass ein Junge sein Bein verliert."
Im Abspann erfährt der Zuschauer, dass Oberst Steele später einen Verweis erhielt, der seine Karriere faktisch beendete. Der Grund: Drei Soldaten seiner 101st bekannten sich schuldig, im Mai 2006 bei Samarra drei Iraker ermordet zu haben (der Prozess gegen einen vierten GI beginnt Anfang Mai). Oberst Steele meldete den Vorfall damals nicht nach oben.
Den nächsten Feldzug wird Steele also wohl nicht mitmachen. Obwohl er sich gegen Ende des Irak-Einsatzes vor seine Soldaten stellt, abermals die 9/11-Flagge in der Hand. "Kann sein", grinst er da, "dass wir sie jetzt sauber machen und nach Iran bringen müssen."
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH