Wie gut, dass wenigstens "Juno" eine Nominierung als bester Film des Jahres ergattern konnte. Die chaotische Komödie um eine ungewollte Schwangerschaft, gedreht von Jason Reitman mit der wundervollen Nachwuchs-Schauspielerin Ellen Page in der Hauptrolle, ist der Überraschungserfolg des Kino-Winters in den USA und lockert das triste Ensemble der nominierten Filme enorm auf.
Denn neben "Juno" und der Literaturverfilmung "Abbitte" ("Atonement") beherrschen drei eher grimmige Produktionen das Rennen um die Oscar-Statuen:
- Das Ende des 19. Jahrhunderts angesiedelte Silberschürfer- und Ölbohrer-Drama "There Will Be Blood" von "Magnolia"-Regisseur Paul Thomas Anderson, das von US-Kritikern wegen seiner tristen Stimmung und andächtigen Landschaftsaufnahmen ehrfürchtig gelobt wurde,
- das altmodische Juristen-Drama "Michael Clayton" von Tony Gilroy, eine düstere, hochkonzentrierte Studie über die unmoralischen Aktivitäten von Großkonzernen und Anwaltsfirmen mit George Clooney in der Titelrolle
- und "No Country for Old Men", das Meisterstück der Brüder Joel und Ethan Coen ("Fargo"), die eine Meditation über die Verrohung Amerikas in eine schräge Thriller-Handlung verpacken und vor Western-Kulisse abspielen.
"There Will Be Blood" und "No Country" haben jeweils acht Nominierungen bekommen, "Michael Clayton" und "Abbitte" je sieben, Außenseiter "Juno" kam auf insgesamt vier Nennungen. Einen klaren Favoriten gibt es also nicht für die große Oscar-Show, die aller Voraussicht nach am 24. Februar im Kodak Theatre über die Bühne gehen soll - falls bis dahin der Streik der Drehbuchautoren beendet ist.
Absage an "Abbitte"
Sicher scheint, dass die hübsch-harmlose Ian-McEwan-Adaption "Abbitte", bei den Golden Globes noch hochdekoriert, bei den Oscars nicht mehr groß abräumen wird: Statt Keira Knightley wurde Nebendarstellerin Saoirse Ronan nominiert, Hauptdarsteller James McAvoy bekam ebenfalls keine Nennung in seiner Kategorie. Mit Nominierungen für beste Kamera, Kostüme, adaptiertes Drehbuch und Art Direction ist viel Ehre, aber wenig Glamour zu gewinnen.
Zu den Filmen, denen man mehr zugetraut hatte, gehören auch Mike Nichols' hochkarätig besetztes Polit-Drama "Charlie Wilson's War" (u.a. mit Julia Roberts, Tom Hanks), für den einzig Philip Seymour Hoffman eine Nominierung als Nebendarsteller bekam. Auch Sean Penns Aussteiger-Film "Into the Wild" geht nur mit zwei Nominierungen ins Rennen, eine für den besten Schnitt und eine für Nebendarsteller Hal Holbrook. Und auch Oscar-Preisträger Paul Haggis ("L.A. Crash") konnte mit seinem Veteranen-Drama "In The Valley of Elah" nicht punkten.
Schauspieler Tommy Lee Jones allerdings hat nach seinem Oscar für "Auf der Flucht" (1993) endlich auch die Chance auf eine Trophäe für die beste Hauptrolle. Hier könnte sich aber auch ein Außenseiter auftrumpfen: Viggo Mortensen wurde für seinen körperbetonten Auftritt in David Cronenbergs "Eastern Promises" mit einer Nominierung als bester Hauptdarsteller belohnt. Gegen schwerwiegende Konkurrenten wie George Clooney oder Johnny Depp (Tim Burtons "Sweeney Todd") wird es der "Herr der Ringe"-Star jedoch nicht leicht haben. Als Favorit in dieser Kategorie gilt ohnehin Daniel Day-Lewis, der in "There Will Be Blood" als knorriger Kapitalismus-Pionier glänzt. Der Brite gewann bereits einmal einen Oscar für das Künstler-Drama "Mein linker Fuß" (1990).
Nabel- und Narbenschau
Bei den Hauptdarstellerinnen geht Julie Christie als Favoritin ins Rennen. Für ihr grandioses Comeback als Alzheimer-Patientin in "Away From Her" heimste die britische Aktrice bereits mehrere Preise ein. Spannend ist es trotzdem, zumal die ebenfalls nominierte Cate Blanchett gleich mit zwei Filmen ("Elizabeth", "I'm Not There") präsent ist und mit Ellen Page ein aufstrebender Jungstar antritt. Blanchett könnte allerdings auch den Nebenrollen-Oscar bekommen, hat es in dieser Kategorie jedoch unter anderem mit beeindruckenden Leistungen von Tilda Swinton ("Michael Clayton") und Amy Ryan ("Gone Baby Gone") zu tun.
Bei den nominierten Regisseuren müssen es die favorisierten Regie-Brüder Coen mit aufstrebenden Jung-Talenten wie Jason Reitman ("Juno") und Tony Gilroy ("Michael Clayton") aufnehmen. Überraschend ist, dass Ridley Scott keine Nominierung für sein Mafia-Epos "American Gangster" ergattern konnte, ebenso wenig übrigens wie seine Haupdtarsteller Russell Crowe und Denzel Washington. Lediglich eine Nennung in der Kategorie "Beste Kamera" sowie eine Nominierung für die reizende Veteranin Ruby Dee als beste Nebendarstellerin waren für Scott drin.
"American Gangster" hätte gut in die vorwiegend düstere Riege der besten fünf Filme gepasst. Im letzten Jahr der Ära George W. Bush, im fünften Jahr des Irak-Kriegs, herrscht Nabelschau und betonte Ernsthaftigkeit im amerikanischen Kino: Tiefschürfende, seelenvolle Filme voller Gewalt und Brutalität beherrschen das Bild, und die Oscar-Nominierungen bilden diesen Drang zur poetischen, mit opulenten Panoramen verbrämten Düsternis ganz gut ab. Wie das Land, das auf einen neuen Präsidenten wartet, einen new Deal, so scheint auch das Kino in einer Nabel- und Narbenschau zu verharren.
Da wäre es fast schon passend, würde der Streik den 80. Academy Awards den Garaus machen. Dann gäbe es - wie vergangene Woche bei den Golden Globes - nur eine nüchterne Pressekonferenz. Und keine glamouröse Show, keinen roten Teppich, keine Stars in glänzenden Roben, keine Gags. Was für ein Reality Check.
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