08. Februar 2008, 09:39 Uhr

Berlinale-Eröffnung

Die Party der Methusalem-Männer

Von Martin Wolf

Ja, sie sind’s wirklich, und laufen können sie auch noch: Die Rolling Stones kamen zur Eröffnungsgala der 58. Internationalen Berliner Filmfestspiele, um Martin Scorseses neue Konzert-Dokumentation "Shine a Light" vorzustellen.

Die ideale Party, das hat der Regisseur Martin Scorsese einmal gezeigt, beginnt für einen Mann in Feierlaune mit einer schönen Frau an der Hand, bündelweise Dollar-Scheinen in der Tasche und einem Dutzend devoten Kellnern in Reichweite. Die Kellner lotsen einen vorbei an der langen Warteschlange vor dem Eingang zum Club, öffnen die Tür zum Hintereingang. Dann geht man durch die Küche, wird ständig freundlich gegrüßt und verteilt 20-Dollar-Scheine als Trinkgeld. Und wenn man schließlich am besten Tisch des Clubs sitzt und die schöne Frau einen fragt, was man denn eigentlich beruflich mache, behauptet man, man arbeite in der Baubranche.

So zumindest beginnt die Party-Szene, die Martin Scorsese im Mafia-Epos "Goodfellas" von 1990 inszenierte, seinem wohl besten Film überhaupt.

Und in Berlin, wenn Oscar-Preisträger Scorsese nicht selbst Regie führt, sondern Berlinale-Chef Dieter Kosslick den Zeremonienmeister gibt? Dann muss Scorsese zwangsläufig den Haupteingang nehmen und ganz langsam über den roten Teppich vor dem Berlinale-Palast am Marlene-Dietrich-Platz schreiten. Er verteilt keine Trinkgelder dabei, und eine schöne Frau hat er auch nicht mitgebracht, aber dafür seinen neuen Film, die Konzert-Dokumentation "Shine a Light", mit dem die 58. Berlinale am Donnerstagabend eröffnet wurde. Scorsese, 65, strahlt.

Neben ihm posieren vier andere ältere Herren, die allerdings erheblich zerknitterter aussehen als der Regisseur: die Rolling Stones Mick Jagger, 64, Ron Wood, 60, Charlie Watts, 66, versetzen Fans und Fotografen in Unruhe. Ja, sie sind’s wirklich, und laufen können sie auch noch. Sogar Gitarrist Keith Richards, 64, der große Untote der Musikbranche, berüchtigt für kurzfristige Unpässlichkeiten, war diesmal nicht vorher in seiner Bibliothek von einer Leiter gestürzt (wie 1998, Rippenbruch) oder auf den Fidschi-Inseln von einer Kokospalme gefallen (wie 2006, Gehirnerschütterung). Angemessen lässig schlurft er über den roten Teppich, Image-gerecht verkleidet mit Sonnenbrille und Piratenkopftuch.

Die deutsche Film- und Fernsehprominenz, von Mario Adorf bis Claudia Roth, war fast vollständig erschienen, um das Spektakel mit den betagten Rock-Stars zu beobachten; der Schauspieler Joachim Król trug zur Feier des Tages sogar ein Stones-T-Shirt. Auch ein paar Musiker hatte man eingeladen: berühmte wie Neil Young und Patti Smith (ebenfalls mit Sonnenbrille), nicht mehr ganz so berühmte wie Marius Müller-Westernhagen. Die Berlinale-Protokollabteilung vergisst niemanden.

Nostalgie auf hohem Niveau

"Shine a Light" dokumentiert zwei (mitunter recht zähe) Stunden lang zwei Konzerte, die die Stones im Herbst 2006 im New Yorker Beacon-Theater für den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton gaben. Auch Hillary Clinton darf vor Beginn des Konzerts die Musiker begrüßen, und später (bei "Tumblin’ Dice") kann man im Publikum Leute wie den Schauspieler und Freizeit-Rockmusiker Bruce Willis erkennen. Von solchen Promis abgesehen, wirkt das Ganze wie ein gekonnt abgefilmter Stones-Auftritt bei "Wetten, dass ...?" – brave Nostalgie auf hohem Niveau, nur leider komplett überraschungsfrei. Die Stones seien "die meistdokumentierte Rockgruppe der Geschichte", sagt Scorsese; eine Dokumentation mehr oder weniger – wen stört's?

Nur manchmal kommt etwas Unruhe in die glatte Performance. Gleich zu Anfang von "Shine a Light", wenn der Perfektionist Scorsese an den vermeintlich chaotischen Stones verzweifelt, die angeblich bis kurz vor Konzertbeginn noch nicht genau wissen, welche Stücke sie diesmal spielen wollen. Richtig komisch wird es sogar, wenn Scorsese (leider viel zu selten) alte Stones-Interviews aus dem Archiv zwischen die Konzertszenen schneidet. Ob er sich vorstellen könne, auch mit 60 Jahren noch aufzutreten, wird Mick Jagger anno 1972 gefragt. "Ja, natürlich", sagt Jagger. Und wer der bessere Gitarrist von beiden sei, will ein Journalist von Keith Richards und Ron Wood wissen. "We’re both pretty lousy, but together we’re better than ten others", sagt Richards – wir spielen ziemlich schlecht, aber zusammen sind wir unschlagbar. Eine Erkenntnis, die das Erfolgsrezept der Rolling Stones auf den Punkt bringt.

Auf der Party nach dem Film wird "Shine a Light" denn auch überwiegend wohlwollend beurteilt; viele Gäste schwelgen in Erinnerungen an Stones-Konzerte vergangener Jahrzehnte. Auf der abgeriegelten VIP-Etage des Berlinale-Palastes amüsieren sich gegen Mitternacht Außenminister Frank-Walter Steinmeier, sein Amtsvorgänger Joschka Fischer, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, der Moderator Alfred Biolek, Scorseses langjähriger Kameramann Michael Ballhaus und Jury-Mitglied Diane Kruger. Dazwischen wuselt Berlinale-Boss Kosslick herum, sichtbar erleichtert, dass seine Filmfestspiele unfallfrei begonnen haben.

Nur Martin Scorsese, Mick Jagger und Co. sind längst verschwunden, offenbar durch einen Hinterausgang und vielleicht auf der Suche nach der idealen Party.


URL:

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH