02. Oktober 2008, 18:18 Uhr

Oliver-Stone-Film "W."

"Bush kommt wieder"

Daran hat sich Hollywood noch nie gewagt: die Biografie eines amtierenden US-Präsidenten. Oliver Stone hat es mit "W." nun zum ersten Mal getan. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Regie-Berserker, warum bei seinem Bush-Porträt nur eines herauskommen konnte - Satire.

SPIEGEL ONLINE: Herr Stone, was ist Ihr neuer Film "W.": ein Psychogramm von US-Präsident George W. Bush, ein Politthriller, eine Komödie, eine Tragödie?

Stone: In erster Linie eine Satire. Doch schon in der griechischen Antike waren Komödie und Tragödie zwei Seiten derselben Medaille. Was lustig und albern ist, ist oft auch traurig und bedrückend. Und ein Mann, der so extrem ist wie George W. Bush, wirkt manchmal im selben Moment amüsant, Furcht einflößend und Mitleid erregend zugleich. Bush hat jeden von uns und die gesamte Welt kräftig durchgerüttelt. Kaum ein US-Präsident vor ihm hat rund um den Globus so starke Gefühle geweckt.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen Abneigung und Hass?

Stone: Bush ist das personifizierte Negativimage unserer Nation. Er verkörpert das, was die Amerikaner seit Teddy Roosevelt nicht mehr sein wollten: einen Cowboy, der gewaltsam Land nimmt und glaubt, ein Krieg sei gut für den menschlichen Geist, dass er eine Nation stärkt und ihre Bürger eint. Reagan hat sich diese Weltsicht wieder zu Eigen gemacht. Er war in vielerlei Hinsicht Bushs geistiger Vater.

SPIEGEL ONLINE: Von wohl keinem US-Präsidenten gibt es so viele Karikaturen wie von Bush. Ist es noch möglich, ihn als dreidimensionale Filmfigur zu zeigen?

Stone: Wir zeigen Bush überlebensgroß und zugleich als kleinen Mann. Wir zeigen seine menschliche Seite, wie er denkt, isst und atmet. Wenn Sie in Josh Brolins Augen sehen, wie er Bush spielt, dann können Sie einen einfachen Charakter und gute Absichten erkennen - aber auch böse. Doch alles in allem spielt Josh ihn viel netter, als er in Wirklichkeit ist. Wir sind im Zweifel für den Angeklagten. Viele Zuschauer werden Bush in unserem Film mögen, aber hassen, was er tut. Wie in der griechischen Tragödie ist er der Tyrann.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen die Vereinigten Staaten als Tyrannenstaat?

Stone: Bush, Cheney, Wolfowitz und Rumsfeld haben das State Department ins Pentagon verlagert, sie haben zahllose Gesetze gebrochen, sie haben den Kongress als einen lästigen Wurmfortsatz betrachtet. Das war eine echte Kabale. Sieben bis zehn Leute in Bushs Zirkel haben die Politik innerhalb von drei Jahren völlig neu definiert, das Gesetz gebrochen und jeden Bereich der Verwaltung durch und durch politisiert, vom Pentagon bis zur Justiz. Ja, Sie haben einen Tyrannenstaat geschaffen.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Anschläge vom 11. September dabei geholfen?

Stone: Der 11. September diente als Rechtfertigung, die Samthandschuhe auszuziehen und das lange unterdrückte Bedürfnis, die Stärke einer Supermacht zu demonstrieren, endlich wieder auszuleben. Dieses Bedürfnis gab es schon seit dem Zweiten Weltkrieg. Bereits die Gefahr, die von der ehemaligen Sowjetunion ausging, wurde von den US-Militärs und Geheimdiensten maßlos übertrieben, um das Pentagon mehr und mehr auszubauen. Doch dank Bush ist es nun die mächtigste Institution der Vereinigten Staaten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt Bushs Familie in Ihrem Film?

Stone: Eine wichtige. Bush ist ein Erbfolger. Er kommt aus einer der reichsten, mächtigsten Familien unseres Landes. Zwar scheiterte er bis zu seinem 40. Lebensjahr in nahezu allem, was er anpackte, verfügte aber über ein weitreichendes Netz von Beziehungen. Sein Aufstieg begann, als sein Vater Präsident wurde. Er eiferte seinem Vater nach und lief vor ihm davon. Er wollte es ihm gleich tun und alles besser machen. Er warf seinem Vater vor, zu viel zu denken und zu zaudern. Er sah ihn als liberalen, entscheidungsschwachen Republikaner.

SPIEGEL ONLINE: Bush legt großen Wert darauf, Texaner zu sein. War das für ihn, wie Jacob Weisberg in der Bush-Biografie "The Bush Tragedy" behauptet, ein Mittel, sich von seinem Vater zu distanzieren, der in New England geboren wurde und ein Ostküsten-Intellektueller war?

Stone: Ja, bisweilen konnte man den Eindruck haben, es sei Bush wichtiger, Texas in seinem Blut zu haben als seinen Vater. Er ist ein Ebenbild seines Vaters - und dessen Gegenbild. Seine texanische Identität ist für ihn ein Stützkorsett, ohne sie könnte er plötzlich wieder zusammenbrechen. Sätze wie diese würde er selbst natürlich "Psycho-Gebabbel" nennen, und das mag er gar nicht. Bush kehrt den Stolz, Texaner zu sein, ähnlich heraus wie einst Lyndon B. Johnson. Doch Texaner neigen dazu, laut, rüde und arrogant zu sein und in den Krieg zu ziehen.

Cowboy-Charme, dem keiner widerstehen kann

SPIEGEL ONLINE: Welche Eigenschaft von Bush bewundern Sie am meisten?

Stone: Er ist ein gewiefter Politiker und ein cleverer Geschäftsmann, der sich selbst blendend verkaufen kann. Ich habe ihn ja mal kennengelernt, ich glaube nicht, dass ich Lust hätte, mit ihm rumzuhängen. Doch er hat ein sehr einnehmendes Wesen, wenn er durch die Tür kommt, gehört der Raum ihm. Er drängt sich nicht auf, wirkt nicht bedrohlich, aber er hinterlässt bleibenden Eindruck. Er lächelt, scherzt, gibt einem die Hand. Seinem Cowboy-Charme ist schwer zu widerstehen. Er hat Menschenkenntnis, er liest keine Bücher, er liest in Gesichtern, in den Augen seines Gegenübers. Ich bewundere seine Entschlossenheit, und ich verachte es, wenn sie zur Verbohrtheit wird.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Film "Nixon" von 1995 zeigen Sie einen von Selbstzweifeln geplagten Präsidenten. Stellt Bush das Gegenteil von Nixon dar?

Stone: Nixon hatte moralische Werte, die für ihn als Politiker von Nachteil waren. Er litt unter seinem Minderwertigkeitsgefühl gegenüber Kennedy. Aber er hatte ein Gewissen. Er wusste, dass er nach der Watergate-Affäre zurücktreten musste. Zu einem solchen Schritt wäre Bush nie in der Lage gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Kennt er wirklich keine Reue?

Stone: Nein, er wünscht sich nur, manches besser gemacht zu haben, diesen Satz bei einer Rede, jene Geste. Doch er ist nicht in der Lage, sich einem Widerspruch zu stellen und ihn auszuhalten - das macht sein Kopf nicht mit. Er ist eingemauert in seinem Bewusstsein, berufen zu sein. Ich wünschte, er wäre nach Vietnam gegangen. Die Erfahrung, herumgeschubst zu werden, hätte ihm sicher gut getan und seine Überheblichkeit vielleicht gedämpft.

SPIEGEL ONLINE: Gänzlich unbeschwert war sein Leben aber auch nicht.

Stone: Natürlich ist es hart, der Sohn eines Bush zu sein, der Erstgeborene, der unter extrem hohem Erwartungsdruck und immer unter Beobachtung steht. Vielleicht schlug er deshalb zunächst aus der Art, wurde zum schwarzen Schaf der Familie. Ich würde ihm niemals vorwerfen, dass er gesoffen und Drogen genommen hat, ich bin ganz gewiss kein Moralist.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen Sie ihm seine religiöse Bekehrung ab?

Stone: Ja, seine radikale Hinwendung zum Christentum ist meiner Ansicht nach aufrichtig, Treue ist für ihn ein über jeden Zweifel erhabener Wert.

SPIEGEL ONLINE: Sie drehen "W." nahezu vollständig hier in Shreveport. Zeigen Sie Bush nie im Ausland?

Stone: Nein, der Film spielt ausschließlich in den USA. Sie sind ja auch alle hergekommen, Tony Blair, Jacques Chirac oder Wladimir Putin. Gerhard Schröder kommt nur ein paar Mal im Dialog vor, obwohl er eine interessante Figur abgegeben hätte. Ich mochte es sehr, wie er Position bezog. Die Art, wie Nicolas Sarkozy sich an Bush ranschmeißt, ist mir zuwider. Ich danke Gott für Männer wie Chirac, Schröder und Putin.

SPIEGEL ONLINE: Wenige Kilometer von hier entfernt befindet sich die Barksdale Air Force Base, auf der Bush seine erste Rede nach dem 11. September 2001 gehalten hat. Haben Sie dort gedreht?

Stone: Nein, bei keinem meiner Filme hatte ich eine Drehgenehmigung vom Pentagon. Doch vor einigen Wochen haben wir in der Nähe vom Shreveport auf einem Golfplatz gedreht. Plötzlich stiegen drei große weiße Jets von der Air Force Base in Barksdale auf, ohne jegliche Kennzeichnung. Als ich die Basis eine Woche später besuchte, wollte ich wissen, was es mit den Flugzeugen auf sich habe. "Das ist streng geheim", hieß es nur. "Nein, es ist noch viel geheimer als streng geheim." Sie nennen es "den Plan" oder so ähnlich.

SPIEGEL ONLINE: War es schwer, "W." zu finanzieren?

Stone: Jedes Studio hat "W." abgelehnt. Wir haben die Finanzierung des Films mühselig mit einer amerikanischen, einer deutschen, einer australischen und zwei chinesischen Firmen auf die Beine gestellt - bei den letzten Berliner Filmfestspielen. Wir haben 30 Millionen Dollar, für diesen Film ist das low budget. Mehr als 46 Drehtage sind nicht drin. Da gab es kaum Spielraum, die Luft hat gerade zum Atmen gereicht. Ich muss den Film bereits schneiden, während ich ihn drehe. Das ist ein echter Husarenritt.

SPIEGEL ONLINE: Wird es der schnellste Film Ihrer Karriere?

Stone: Wahrscheinlich, aber was tut man nicht alles für George W. Bush!

SPIEGEL ONLINE: "W." kommt am 17. Oktober in den USA ins Kino. Wollen Sie mit dem Film noch in den Wahlkampf eingreifen?

Stone: Ach, wissen Sie, ich habe drei Filme über den Vietnamkrieg gemacht, und nichts hat sich geändert. In den Neunzigern setzte sich mehr und mehr wieder die Mentalität durch, dass wir Amerikaner uns alles erlauben dürfen. Wir zogen wieder in den Krieg. Für mich und viele Veteranen ist das eine ganz bittere Erfahrung. Die Macht des Kinos ist äußerst begrenzt.

SPIEGEL ONLINE: Im Januar wird Bush das Weiße Haus räumen. Kommt "W." nicht doch ein wenig spät?

Stone: Nein, Bush wird uns noch ein 30, 40 Jahre lang beschäftigen. Er ist nicht bloß eine Person, er ist ein way of life. Bush hat die Welt für immer verändert. Wir werden noch sehr lange im Irak sein. "Mode", hat Oscar Wilde einmal gesagt, "ist etwas so Hässliches, dass es alle sechs Monate geändert werden muss." In diesem Sinne sage ich: "Welcome back, Mr. Bush!" Der kommt wieder.

Das Interview führte Lars-Olav Beier


Eine ausführliche Reportage über einen Besuch bei den Dreharbeiten von "W" lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL.


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