Von Rüdiger Sturm
Elf Oscars für ein Wagenrennen: Szene aus "Ben Hur"
Seit Ende der vierziger bis in die späten sechziger Jahre bot Hollywood mit Bibel- und Römerepen wie "Die Zehn Gebote" oder "Quo Vadis" dem immer populärer werdenden Fernsehen erfolgreich Konkurrenz. Etablierte Regiegrößen wie William Wyler ("Ben Hur") und Anthony Mann ("Der Untergang des römischen Reiches", 1964) nahmen sich des antiken Kostümfilms genauso an wie der damals noch unbekannte Stanley Kubrick, für den das Angebot zu "Spartacus" im Jahre 1959 die Erlösung nach zwei Jahren voller geplatzter Projekte bedeutete.
Hollywood auf dem Höhepunkt der Monumental-Manie: "Quo Vadis?"
Auch Kubrick hatte mit Sandalen Erfolg: "Spartacus"
Die italienischen Produzenten, die von der Hochkonjunktur des Monumentalfilms profitieren wollten, begannen daraufhin ihrerseits, mythologische Abenteuerfilme um Herkules, Jason oder Maciste aus den Boden zu stampfen. Eine Trash-Variation des Monumentalfilms entstand: Eindimensionale Charaktere prügelten sich durch eine actionreiche Handlung, die zumeist mit schlechter Tricktechnik aufgemotzt war und für unfreiwillige Komik sorgte. Prototyp dieser Schwerter-und-Sandalen-Streifen war "Hercules" (1957), der ein weltweites Publikum fand und seinen Hauptdarsteller, den kürzlich verstorbenen Steve Reeves, zur Ikone des Billig-Genres beförderte.
Biblisches Spektakel: "Die Zehn Gebote"
Auch die italienische Filmindustrie, Anfang der Sechziger noch das Mekka der europäischen Produktion, musste durch Flops wie "Sodom und Gomorrha" (1963) heftige Rückschläge hinnehmen. Die wirtschaftlichen Zwänge führten letztlich zur Geburt des profitableren Spaghetti-Westerns. Immerhin hat auch Sergio Leone, der Wegbereiter des neuen Trends, sein Regiehandwerk bei Sandalenspektakeln erlernt.
Der Niedergang des Genres steht aber auch im Zusammenhang mit der allgemeinen Krise des Breitwandfilms in den frühen Sechzigern. Die Hoffnung, dem Fernsehen durch kostspielige und opulente Filmproduktionen das Publikum abzujagen, mündete in finanziellen Debakeln wie "Doctor Dolittle" (1967) und "Star!" (1968). Zwischen 1969 und 1972 verloren die großen Hollywoodstudios fast 500 Millionen Dollar durch defizitäre Großprojekte. Die gesamte Branche stürzte in eine Rezession: Kino-Neubauten wurden mit schlechteren technischen Standards ausgerüstet, große Kinopaläste wurden in schuhschachtelgroße Vorführsäle zerhäckselt.
Gleichzeitig entwickelten sich neue, kostengünstigere Trends. Eine Lockerung der US-Zensur machte Filme mit expliziteren Sex- und Gewaltszenen und unorthodoxen Themen möglich. Das jugendliche Publikum wurde mit "Die Reifeprüfung" (1967) oder "Easy Rider" (1969) angelockt. Zwar feierten die großen Spektakel wenig später mit "Der Weiße Hai" (1975) und "Krieg der Sterne" (1977) wieder ein kleineres Revival, doch bedienten sie sich nicht mehr der "erhabenen" biblisch-historischen Themen, sondern speisten sich vor allem aus Geschichten des B-Films.
Erst allmählich sieht man in Hollywood nun in historischen Epen wieder eine Chance, nicht nur Oscars, sondern auch Rekordzahlen einzufahren. "Braveheart" und "Der Soldat James Ryan" mögen da als Augenöffner gewirkt haben. Mit ausschlaggebend ist aber auch der Fortschritt der Computertechnologie, dank der sich bisher unprofitable - da personal- und materialaufwendige - Visionen realisieren lassen. Noch hat "Gladiator" keinen neuen Römer-Trend angestoßen. Doch angesichts eines Einspielergebnisses von 75 Millionen Dollar innerhalb der ersten zehn Tage scheint es nur eine Frage der Zeit, bis Hollywood erneut die Legionen marschieren lässt.
Eine Person in der Branche wird dies wohl mit gemischten Gefühlen registrieren: Billy Wilder. Sein "Manche mögen's heiß" stieß 1959 bei der Oscar-Konkurrenz auf den unbesiegbaren "Ben Hur". Nach jedem der elf Oscars für den Monumentalstreifen schüttete Wilder einen doppelten Frust-Martini in sich rein: Nach der Verleihung "musste ich rausgetragen werden wie ein Römer aus dem Kolosseum."
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