Von Sven Siedenberg
Herr Schmid, hätten Sie das Buch von Benjamin Lebert auch verfilmt, wenn es kein Bestseller geworden wäre?
Hans-Christian Schmid: Wir haben die Filmrechte erworben, bevor das Buch veröffentlicht wurde.
SPIEGEL ONLINE: Es soll auch andere Interessenten gegeben haben.
Schmid: Das stimmt. Als ich auf das Buch aufmerksam wurde, standen bereits vier Filmfirmen mit dem Kiepenheuer & Witsch Verlag in Verhandlungen. Hätte Benjamin nicht gesagt, dass er mich als Regisseur haben möchte, hätte ich den Zuschlag wahrscheinlich nicht erhalten.
SPIEGEL ONLINE: Ist eine Literaturverfilmung schwieriger oder leichter?
Schmid: Ich dachte zuerst, es sei einfacher, mit einer Vorlage zu arbeiten, aber dann war es manchmal komplizierter als die Arbeit an einem Originalstoff. Das Buch kann nur eine Gebrauchsanleitung für den Film sein. Man muss sich lösen können und den Mut haben, Figuren oder Dialoge umzustellen. Das haben wir sehr stark gemacht - hoffentlich, ohne den Geist, der durch das Buch weht, dabei zu verraten.
SPIEGEL ONLINE: Wie schon in "Nach fünf im Urwald" geht es in "Crazy" um Jugendliche und den Generationenkonflikt. Sind Sie ein Spezialist für Teenagerfragen?
Schmid: Okay, es gibt eine thematische Verwandtschaft, aber ich sehe auch deutliche Unterschiede zwischen den beiden Filmen. Ich habe auf alle Fälle nicht bewusst nach einem weiteren Jugendstoff gesucht. Nach "23" wollte ich eigentlich einen Stoff für die Schauspieler entwickeln, mit denen ich bisher zusammengearbeitet hatte und mich langsam mit ihnen weiter entwickeln, also etwa mit Franka Potente, August Diehl oder Thomas Schmauser.
SPIEGEL ONLINE: Ist "Crazy" eine Komödie?
Schmid:Nein. Es ist eine klassische Coming-of-Age- Geschichte.
SPIEGEL ONLINE: ... die eine Persiflage auf die Foto-Love-Story der "Bravo" enthält.
Schmid: Während der Dreharbeiten kam uns die Idee, diese bewusst verblödete Jugendsprache und diese gestellten Fotos auf die Schippe zu nehmen. Solche lustigen Spielereien sind aber eher eine Ausnahme.
SPIEGEL ONLINE: Sind die Figuren am Ende des Films reifer?
Schmid: Zumindest Benjamin und Janosch sind zum Schluss etwas klüger. Benjamin hat nicht nur das erste Mal mit einem Mädchen geschlafen, sondern trifft auch erstmals eine wichtige eigene Entscheidung - nämlich die, keine weitere Schule mehr zu besuchen. Und Janosch hat endlich kapiert, dass er sich mit seiner Angeberei wenig Freunde macht.
SPIEGEL ONLINE: Was heißt Erwachsenwerden eigentlich?
Schmid: Erwachsenwerden bedeutet vor allem, dass man eine Phase der Verunsicherung durchmacht. Man definiert sich selbst neu und ist dabei ziemlich allein gelassen. Die Eltern können einem da wenig helfen. Wie sagt Benjamin einmal: "Erwachsenwerden ist sehr hart und niemand hat einen gefragt, ob man erwachsen werden möchte."
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