007-Poker Bond, beinahe Bond

Bleibt Brosnan Bond? Erhält Clive Owen die Lizenz zum Töten? In den Medien wird derzeit wieder wild über einen neuen 007-Darsteller spekuliert. Der Blick in die Vergangenheit zeigt: Das PR-wirksame Kandidatenkarussell dreht sich schon seit über 40 Jahren - und hält die Allüren der Bond-Stars in Schach.

Von Siegfried Tesche


Bond-Darsteller Dalton, Moore, Brosnan (v. l.): Mehr Filme, mehr Geld
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Bond-Darsteller Dalton, Moore, Brosnan (v. l.): Mehr Filme, mehr Geld

Haben Sie schon mal etwas von Edward Underdown gehört, von Michael Craig, von George Baker von Hans de Vries und Anthony Rogers, David Warbeck oder Michael Billington? Sie wären beinahe weltberühmt geworden, denn sie alle waren nahe dran, die Rolle des berühmten britischen Kinohelden James Bond zu spielen. Doch Sean Connery, George Lazenby und Roger Moore kamen ihnen zuvor und schlüpften in die Rolle des Agenten Ihrer Majestät mit der Lizenz zu töten.

Dabei hatten es die Kandidaten schon weit gebracht: Sie trafen die Produzenten, absolvierten Testaufnahmen in denen sie küssen und prügeln mussten, und kamen dennoch nicht zum Zuge. Zwei Männer schafften es sogar noch weiter: John Gavin und James Brolin überstanden nicht nur diese Casting-Prozedur, sondern erhielten sogar Verträge. Doch als Sean Connery, respektive Roger Moore, sich dann doch noch einmal bereit erklärten, wieder anzutreten, wurden sie ausbezahlt und mussten unterschreiben, Stillschweigen über ihr Engagement als "Beinahe-Bond" zu bewahren. Erst vor wenigen Jahren wurde enthüllt, dass sie so knapp scheiterten wie kaum ein anderer Kandidat zuvor.

Bond-Produzentin Broccoli (r.): Öffentlicher Kandidatenpoker
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Bond-Produzentin Broccoli (r.): Öffentlicher Kandidatenpoker

Auch der Frühsommer 2005 scheint eine gute Zeit für Beinahe-Bonds zu sein. Munter spekulieren Boulevard- und Branchenblätter über die Verpflichtung eines Nachfolgers von Pierce Brosnan, da der immer wieder in Interviews von sich gibt, dass "die Rolle hinter ihm liege" und "die Macher ausgebrannt sind" - auch wenn er parallel dazu darauf verweist, gerne noch einen Film zu drehen. Das alles ist Teil eines schon seit Jahren üblichen Pokerspiels um höhere Gagen, bessere prozentuale Beteiligungen und weniger PR-Auftritte. Konkret gesagt: Brosnan wollte 20 Millionen Dollar für den nächsten, seinen fünften, Bond-Film kassieren, Verleiher MGM aber nur 17 Millionen ausgeben.

Das Geschacher hat Tradition im Bond-Business. Am bekanntesten wurden die Vertragsspielchen zwischen Roger Moore und dem verstorbenen Produzenten Albert R. Broccoli, der immer mal wieder andere Namen lancierte, um Moores Gagenforderungen zu mäßigen, die von Film zu Film stiegen.

Bond-Darsteller Moore: Vertrags-Schacher mit Broccoli Senior
DPA

Bond-Darsteller Moore: Vertrags-Schacher mit Broccoli Senior

Gemeinsam ist allen Bond-Darstellern, dass sie anfangs langfristige Verträge unterschrieben, danach aber jeden Film neu verhandelten. Connery heuerte für fünf Filme an, stieg aus und ließ sich dann mit viel Geld und zahlreichen Zugeständnissen dazu überreden, zurückzukehren. Roger Moore, Timothy Dalton und Pierce Brosnan verpflichteten sich jeweils für drei Filme (auch wenn es bei Dalton nicht zum dritten Auftritt kam) und verhandelten danach neu.

Genau das geschieht zurzeit wieder: Kandidaten aller Art, wie unlängst etwa Daniel Craig, Clive Owen und Julian McMahon, nutzen die Medien-Aufmerksamkeit, während die Bond-Produzenten Barbara Broccoli (Alberts Tochter) und Michael G. Wilson (sein Stiefsohn) dafür sorgen, dass andere Stars zumindest nominell im Rennen bleiben.

Brosnan in "Die Welt ist nicht genug": PR-Müdigkeit bei 007
UIP

Brosnan in "Die Welt ist nicht genug": PR-Müdigkeit bei 007

Tatsächlich reißen sich viele Schauspieler um den Part, auch wenn sie wissen, dass damit eine der schwierigsten Verpflichtungen in der Filmbranche einhergeht. Denn mit dem garantierten Ruhm und der weltweiten Aufmerksamkeit bürdet man sich auch die Last auf, immer und überall als 007 identifiziert zu werden. Eine Tatsache, die Sean Connery, Timothy Dalton und auch Pierce Brosnan immer gehasst haben. "Sean ist immer total fertig gewesen, wenn die Leute auf der Straße ihn mit 'Mr. Bond' angesprochen haben", sagte dessen langjähriger Freund Michael Caine einmal in einem Interview.

Timothy Dalton wurde einst von Albert R. Broccoli lautstark dafür kritisiert, dass er sich vor den Presse-Terminen zu "Der Hauch des Todes" die Haare stutzte und gar nicht mehr wie der Leinwand-Bond aussah. Brosnan beklagte öffentlich, dass die nächste weltweite PR-Tour doch bitte kürzer sein solle als die zuvor. Wer diese Rolle annimmt, muss wissen, dass er nicht nur sechs bis neun Monate Dreharbeiten, sondern auch mehrmonatige PR-Termine in aller Welt wahrnehmen muss - und noch in seinem Nachruf von "Bond" die Rede sein wird.

Bond-Darsteller Connery in "Feuerball": "Immer total fertig gewesen"
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Nach dem jüngsten Stand glauben verschiedene Medien, dass nicht nur Daniel Craig und Clive Owen, sondern auch die beiden Australier Hugh Jackman und Eric Bana sowie der Engländer Orlando Bloom und sogar der Amerikaner Ben Affleck die besten Chancen haben, Brosnan zu beerben und bereit sind, die Last auf sich zu nehmen.

Die Produzenten hüllen sich dazu in Schweigen, aber auch das ist nichts Neues. Sicher haben Sie mal etwas von Robert Redford, Burt Reynolds, Richard Burton, Stewart Granger, Cary Grant, Clint Eastwood und Steve McQueen gehört. Auch sie waren einmal als Bond-Darsteller im Gespräch. Wie gesagt: Die Liste ist lang - und es ist keine Schande, nur Spekulationsobjekt für einen der berühmtesten Parts der Filmgeschichte zu sein. Was sagte doch Clint Eastwood, als er die Rolle angeboten bekam: "Noch nicht mal, wenn ich 10 Millionen Dollar bekommen würde. Niemand kann Sean Connery folgen."


Siegfried Tesche ist Autor des Buches "Das große James Bond Lexikon" (Henschel Verlag, Berlin 2005). Darin werden u.a. erstmals sämtliche Kandidaten für die Rolle des 007 enthüllt.






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