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1000-Robota-Doku "Utopia Ltd.": Die drei Ausrufezeichen

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Wenn hehre Ideale auf Kommerz treffen, kracht's manchmal: Sandra Trostels auf der Berlinale gezeigte Dokumentation "Utopia Ltd." begleitet die so junge wie großmäulige deutsche Punkband "1000 Robota" auf ihren ersten Schritten durch die mitunter nicht ganz so glamuröse Welt des Musikgeschäfts.

Es ist einer der mythischen Momente, die man aus Rockmusiker-Biographien kennt: Die Band war im Studio, hat alles gegeben, das Album ist fertig. Und nun kommen die Typen von der Plattenfirma, um zu hören, was ihre Schützlinge da so angestellt haben. Hier sind es Gunther Buskies und Dirk Darmstaedter, die Geschäftsführer des Hamburger Indie-Labels Tapete Records, und was sie zu hören bekommen, ist das Debütalbum der Band 1000 Robota. Erst wippen die Füße mit, aber bald kippt die Stimmung.

Buskies und Darmstaedter nehmen Anstoß daran, dass ihre neue junge wilde Band in einem Songtext die Hamburger-Schule-Altvorderen Tocotronic erwähnt. Vom hinteren Sofa aus wird 1000-Robota-Sänger Anton Spielmann patzig: "Warum sollen wir über irgendwas diskutieren, was Teil unseres künstlerischen Werks ist?" Da holen die Tapete-Leute auch die Keule raus: "Spielmann, wenn du solche Diskussionen nicht aushältst, kannst du auch nicht erwarten, dass ich mein Geld für so einen Quatsch investiere."

Die Ungestümen im Kampf mit dem Management

Ein geradezu archetypisches Beispiel für den Konflikt zwischen Kunst und Geschäft, den beiden Welten, in deren Spannungsfeld sich Popmusik nun mal bewegt. Dass wir Zeuge davon werden können, verdanken wir Sandra Trostel und ihrem Dokumentarfilm "Utopia Ltd.", der am Freitagabend die Reihe "Perspektive Deutsches Kino" bei der Berlinale eröffnet. Zwei Jahre lang hat die Regisseurin die drei Jungs von 1000 Robota begleitet - und "Jungs" ist hier mal keine paternalistische Rockjournalistenphrase, denn Anton Spielmann, Basti Muxfeldt und Jonas Hinnerkort sind wirklich erst um die 18 Jahre alt, als sie ihre ersten Schritte im Popgeschäft tun, die hier aus ungewöhnlicher Nähe begleitet werden.

Zur Erinnerung: 1000 Robota versetzten 2008 die deutsche Pop-Presse in einige Aufregung - so ungestüm, lautsprecherisch und doch allem Anschein nach mit einem klaren Plan versehen war schon lange keine Band in Deutschland mehr auf die Bildfläche gestürmt. Und Anton Spielmann feuerte die Aufregung an mit Interviews die voller Unruhe, Nervosität und großen Statements steckten. Einige sind auch in "Utopia Ltd." zu hören; da fallen Sätze wie "Wir wollen Entstehung verursachen und nicht erinnern." Wenn Interviews allerdings mal schief gingen, wurden die Kritiker schnell bissig: "Kinder schlägt man nicht", war eine Abrechnung mit der Band im Magazin "Intro" betitelt - als arrogant, eingebildet, neunmalklug waren die jungen Musiker verschrien.

Konzertaufnahmen voll angespannter Energie

Hervorragende Konzertaufnahmen zeigen in "Utopia Ltd.", warum 1000 Robota überhaupt erst zum Gesprächsthema wurden: Eine Band voller angespannter Energie ist dort zu sehen, die sich die Post-Punk-Sounds von Gang Of Four und die Slogans der Fehlfarben völlig selbstverständlich zu eigen gemacht hat, obwohl die Musiker zu deren großen Zeiten längst noch nicht geboren waren. Mit ihren Pickeln im Gesicht und ihren windschiefen Frisuren stehen sie an U-Bahnhöfen oder laufen durch die Straßen und sehen aus, als seien sie für Coolness-Bildbände erfunden worden.

Doch Sandra Trostels Film stellt solchen Bildern immer wieder auch geradezu anrührende Szenen aus dem bürgerlichen Leben ihrer Protagonisten gegenüber: Der Proberaum ist im Keller eines Einfamilienhauses am Hamburger Stadtrand, mit sanftem Lächeln betrachten die Eltern, wie der Tourbus beladen wird, am Gymnasium Hittfeld basteln Jonas und Basti am Abitur. Anton Spielmann hingegen hat eine Ausbildungsstelle als Medienkaufmann angetreten - und zwar ausgerechnet beim Plattenlabel seiner Band.

Das führt unausweichlich zu Konflikten; spätestens als 1000 Robota auf eine Tour durch die Provinz geschickt werden, wo sie unter wirklich miesen Umständen auftreten müssen, auf Karaokeveranstaltungen oder nach lokalen Grindcore-Helden. Einmal verzichtet die Band auf 100 Euro von der Gage, um 40 Leute von der Straße ins Konzert zu locken, doch die sind zurückhaltend: "Wave-Punk? Och nee, lass mal." Das alles kratzt am Ego des stets selbstbewussten und konfrontativen Spielmann, vor dem die Kollegen im Plattenfirmenbüro sich zu ängstigen beginnen. "Das Musikbusiness fickt meine Seele", sagt er in einer düsteren Seitenstraße.

Singen bei Stefan Raab? Doch nicht vor diesem Publikum!

Der zweite große Konflikt zwischen Kunst und Kommerz kommt, als 1000 Robota zu Stefan Raabs Bundesvision Song Contest eingeladen werden - und nach anfänglicher Zustimmung zu der Chance, ein großes Publikum zu erreichen, letztlich absagen, weil sie DIESES Publikum auch gar nicht erreichen wollen. "Ich weiß nicht, ob ich das Risiko eingehen kann, von solchen Typen wie euch abhängig zu machen, ob ich meine Mannschaft bezahlen kann", sagt der Mittelständler Buskies einmal - 1000 Robota ist es mit all den großen Gesten, hehren Idealen und der Naivität der Jugend egal.

Das gefeierte Album "Du nicht, er nicht, sie nicht" verkauft sich deutlich schlechter als erwartet, dafür ist das Tocotronic-Namedropping drauf und der Vorab-Hit "Hamburg brennt" nicht. Inzwischen haben 1000 Robota ihr zweites Album bei dem Label Buback herausgebracht, das mit Platten von den Goldenen Zitronen oder von Jan Delay gezeigt hat, dass es sich auf den Umgang mit Künstlern versteht, die ihr Ding durchziehen. Musikalisch sind Krautrock-Einflüsse dazugekommen, die Atemlosigkeit des Debüts ist weg. Anton Spielmann sagt noch immer große Sätze in Interviews, solche wie "Wir sind viel zu schlau, um dumm zu sein". Aber so unmittelbar, so ungeschützt und dadurch so großartig wie in diesem Film wird er sich wohl nie mehr präsentieren.

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