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Liebeskomödie "1001 Gramm": Die exakte Welt der Marie

Von Frank Arnold

Mit "Kitchen Stories" landete der Norweger Bent Hamer einst einen Publikumshit. Nun legt er mit "1001 Gramm" eine melancholische Liebeskomödie vor, in der eine Wissenschaftlerin lernen muss, dass man sein Leben genießen kann, auch wenn man es nicht unter Kontrolle hat.

Ein Kilo ist ein Kilo, 1000 Gramm, nicht 999 und nicht 1001 - es muss exakt sein! Wenn sie davon nicht überzeugt wäre, könnte die Mittdreißigerin Marie (Ane Dahl Torp) ihren Beruf gar nicht ausüben. Als Mitarbeiterin des norwegischen Eichamtes reist sie mit einem Referenzkilo im Gepäck durchs Land und misst und wiegt.

Wenn sie abends von der Arbeit nach Hause kommt, ist ihr Ex-Mann meist gerade dabei, weitere Möbelstücke aus der einst gemeinsamen Wohnung abzuholen. Sie wartet dann in ihrem Auto, bis er weggefahren ist: Konfliktscheu ist sie ganz offenbar. Wenn sie später in ihrer Hälfte des Doppelbettes liegt, dann dürfte sie ein Bewusstsein ihres reduzierten Lebens haben. Das immer leerer werdende Haus erträgt sie dennoch mit großem Stoizismus.

Der norwegische Regisseur Bent Hamer, nach eigener Aussage "fasziniert von der Grauzone zwischen wissenschaftlichem Verständnis und menschlichem Handeln", hat um diese Figur eine melancholische Komödie gebaut, in der die Zuneigung für sie nicht ausschließt, ihre Defizite zu benennen.

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"1001 Gramm": Eine Wissenschaftlerin macht sich locker
Wer vor zehn Jahren Hamers "Kitchen Stories" gesehen hat, wird das Bild vom Statistiker, der auf einer Leiter in der Zimmerecke hockt und das Treiben der Bewohner, besonders die Küchengewohnheiten, für die nationale Statistik protokollierte, nie vergessen. Das trug sich im Norwegen der Fünfzigerjahre zu. In "1001 Gramm", seinem mittlerweile siebten Spielfilm, knüpft Hamer daran an und ist dabei in der Gegenwart angekommen, die gleichwohl etwas aus der Zeit Gefallenes hat. Inzwischen macht sich die Wissenschaft nämlich Gedanken, ob die traditionelle Bestimmung des Kilos anhand des Prototypen in Paris noch zeitgemäß ist oder ob es nicht vielmehr an der Zeit ist, es wie andere Basiseinheiten anhand von Labormessungen zu bestimmen.

Im Reisegepäck das norwegische Referenzkilo

Das wäre dann wohl das Ende jener sympathischen und zugleich verschrobenen Wissenschaftler, die uns der Film präsentiert. Marie ist beruflich ihrem Vater Ernst gefolgt, und jetzt muss sie ihn vertreten: Ein Herzinfarkt macht es dem renommierten Wissenschaftler unmöglich, zu einer Konferenz nach Paris zu reisen, das übernimmt jetzt seine Tochter, das norwegische Referenzkilo, in einer Sicherheitsbehälter eingeschlossen, in der Hand.

Ehrfurchtsvoll-neugierig ist der Blick der Wissenschaftler, wenn im zuständigen Institut, dem BIPM, der Tresor geöffnet wird und den Blick freigibt auf "die Mutter aller Kilogramme", wie sie der Herr mit dem Schlüssel ankündigt: das französische Urkilo. Später werden die Wissenschaftler, die mit ihrem nationalen Referenzkilo aus manchmal fernen Ländern in die französische Hauptstadt reisen, um es überprüfen zu lassen, im Gänsemarsch durch den Park ziehen, das kostbare Gut in der Rechten, denselben blauen Regenschirm in der Linken. Mit einer feinen Ironie und ausgeprägter Gelassenheit beobachtet Hamer ihr Treiben, ohne sie je zu denunzieren.

Wie seine Protagonistin macht er dabei nicht viele Worte, sondern lässt die Bilder für sich sprechen. Die starren geometrischen Formen, die an Maries Arbeitsplatz ebenso dominieren wie in ihrem Haus samt akkurat gepflegten Vorgarten, eingefangen in blau-kalten Tönen, weichen in Paris Naturbildern, in denen Gelb und Orange vorherrschen.

Paris - als "Stadt der Liebe" schon seit frühen Jahren der Kinematografie der Ort, an dem Menschen aus ihren festgefügten Bahnen geworfen werden - funktioniert auch hier in dieser Beziehung. Immerhin ist der Mann, der dafür verantwortlich ist, dass Marie aus dem Tritt gerät, nicht der typisch draufgängerische Franzose. Seine Eltern haben ihm den Namen Pi gegeben, er ist in wissenschaftlicher Hinsicht also weit mehr vorbelastet als Marie. Aber vermutlich hat er gerade deshalb die Welt der exakten Daten verlassen und sich eingelassen auf die Natur, die der Mensch nur bedingt unter Kontrolle hat. Als Gärtner hat er jetzt die Forschungslabors des BIPM mit einer Souterrainwohnung vertauscht. Einen gewissen skurrilen Charme hat er sich dabei bewahrt, wenn er seinem Hobby nachgeht, dem Aufzeichnen von Vogellauten.

Laurent Stocker ("Zusammen ist man weniger allein") verkörpert ihn als in sich ruhenden Menschen, der seinen Weg gefunden hat und deshalb auch für Marie als Alternative erscheint, die im letzten Teil des Films ihre adrett sitzende Kleidung gegen etwas Lockeres tauscht. Da ist schon klar, es wird ein Happy End geben. Verdient hat sie es allemal.

Filmtrailer "1001 Gramm":

"1001 Gramm"

Norwegen, Frankreich, Deutschland, 2014

Regie und Drehbuch: Bent Hamer

Darsteller: Ane Dahl Torp, Stein Winge, Laurent Stocker, Per Christian Ellefsen, Hildegun Riise

Verleih: Pandora Filmverleih

Länge: 91 Minuten

Start: 18. Dezember 2014

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insgesamt 3 Beiträge
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    Seite 1    
1. Der Name Pi hat noch eine andere Bedeutungsebene
Dr.W.Drews 18.12.2014
Die Konstante Pi ist eine irrationale und transzendente Zahl. (vgl. Wikipedia) Im Gegensatz zum klar zu definierenden Kilogramm kann man pi niemals komplett erfassen. Es steht also für die Natur die sich der Kontrolle entzieht.
2.
Zitrone! 18.12.2014
Na, da wird ja wieder mal ein Klischee von "Wissenschaft" strapaziert, das mit der Arbeitswirklichkeit eines Wissenschaftlers reichlich wenig zu tun hat. Glaube nicht, dass ich mir den Film ansehen werde. Ich gebe meinem Vorredner recht, was "Pi" angeht, allerdings ist, praktisch gesehen, auch ein Kilogramm nicht absolut exakt erfassbar. Zum Glück braucht man as auch nicht! Absolute Exaktheit gibt es nur in der Mathematik, weil dort die Spielregeln (Axiome und Definitionen) vom Menschen vorgegeben sind. In allen Naturwissenschaften und erst recht bei den Ingenieuren geht es nicht um "absolut exakt", sondern um "Wie exakt hätten Sie's denn gern?" Das ist die eigentliche Kunst, leider verstehen das die meisten Leute nicht.
3.
stebeuk 05.01.2015
Kitchen Stories! Wie lange habe ich nach dem Film Titel gesucht! Danke spon! :-)
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