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Fußballfilm-Festival: Trüffelschweine auf dem Kunstrasen

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Fußball-Film-Festival: Das Runde muss aufs Eckige! Fotos
11mm Fußballfilmfestival

Kicken ist Kultur, klar: Das Filmfestival "11 Millimeter" zeigt Fußball, Fußball, Fußball. Schwerpunkt des Spektakels in diesem Jahr - brasilianische Ballkünstler wie Pelé, der Gott einer ganzen Generation. Oder wie Garrincha, der mit 49 als Alkoholiker starb und 12 Kinder hinterließ.

Birger Schmidt, 49, hat etwas geschafft im Leben, was viele versuchen, aber nur wenige mit Erfolg: Er hat zwei sehr unterschiedliche Leidenschaften unter einen Hut bekommen, denen er seit seiner Kindheit auf Fehmarn frönt. Film und Fußball.

Kino und Kicken also: Im Jahr 2004 organisierte Schmidt mit Gleichgesinnten das erste Fußball-Film-Festival der Welt - "Elf Millimeter" ("11 mm"). Vor dem Kino "Babylon" in Berlin-Mitte liegt nun für sechs Tage wieder der grüne Teppich aus Kunstrasen. Zum elften Mal.

Beim ersten Festival zeigten Birger Schmidt und Co. mit Unterstützung des British Council insgesamt elf Filme, zu einer Vorstellung kamen nur sechs Zuschauer. Mittlerweile werden bei "11 mm" rund 50 Filme aus aller Welt gezeigt, im vergangenen Jahr kamen mehr als 4000 Zuschauer zum Rosa-Luxemburg-Platz. Es gibt Fans aus Karlsruhe oder Graz, die sich eigens Urlaub nehmen und nach Berlin zum Fußball-Filme-Gucken fahren.

Das weltweit einzigartige Festival demonstrierte auch den Aufstieg des Fußballspiels vom einstigen Proletenzeitvertreib zum klassenübergreifenden Familienvergnügen. Schon länger dürfen ja auch Linke und Intellektuelle gefahrlos ihre Liebe zum Fußball bekennen.

Trotz alledem: Filme über Fußball sind keine Blockbuster, kein Schwerpunkt der Filmindustrie, wobei Schmidt schätzt, dass es sich bei mehr als drei Viertel der Produktionen um Dokumentationen handelt, bei weniger als einem Viertel um Spielfilme. Dementsprechend aufwendig ist es, interessante Filme für das Festival zu finden. "Wir sind Trüffelschweine", sagt Schmidt, "auf anderen Festivals immer auf der Suche nach neuem Stoff."

Aber die Suche lohnt sich, regelmäßig stoßen die "11 mm"-Aktivisten auf interessantes Material. Eines der schönsten Erlebnisse von Birger Schmidt in den vergangenen elf Jahren war ein Anruf bei Sepp Maier, dem langjährigen Torwart von Bayern München und der deutschen Nationalmannschaft.

Der Sepp Maier...

Maier, alias "die Katze von Anzing", war nach dem Ende seiner Karriere bei der Weltmeisterschaft 1990 nicht nur als Torwarttrainer der Nationalmannschaft dabei, sondern auch als Amateurfilmer, der in der Kabine und hinter den Kulissen Videoaufnahmen machte; bis zum Sieg im Finale gegen Argentinien. Als Schmidt bei Maier nach den Aufnahmen fragte, war dieser mit dem Telefon in der Hand durch sein Haus gelaufen, hatte die Bänder gesucht und schließlich gesagt: "Do sind's jo. Die können's hab'n."

Sepp Maier kam dann auch selbst zur Eröffnung des Festivals, wie seit jeher prominente Fußballer das Festival beehren. Dieses Jahr sitzen zwei in der Bundesliga spielende Brasilianer in der Jury des traditionellen Kurzfilmwettbewerbs. Ronny von Hertha BSC und Naldo vom VfL Wolfsburg.

Die Berufung der beiden Brasilianer in die Jury ist kein Zufall. Der Schwerpunkt des diesjährigen Festivals ist Brasilien, das Austragungsland der Weltmeisterschaft im Juni und Juli - Brasilien, neben England die Heimat des "beautiful game", in der Fußball und Liebe eins sind.

Dokus über Pelé, den Fußballgott einer ganzen Generation, stehen auf dem Programm und über den in Brasilien noch mehr verehrten Dribbelkönig Garrincha, der schon mit 49 als Alkoholiker starb und 12 Kinder hinterließ; eine Doku über das Lokalderby von Rio de Janeiro, Fluminense gegen Flamengo, und ein Film über die Rolle des Fußballs in den Militärdiktaturen Südamerikas in den siebziger Jahren.

Eher für Fussballfans als für Cineasten

Highlight sind die von Carlos Niemeyer entwickelten Kino-Fußball-Wochenschauen von Canal 100, erstmals 1957 produziert und zu sehen. Fußball mit künstlerischen Mitteln aufgenommen, Blicke in die Kabine der Selecao, der Nationalmannschaft.

Was am Programm auffällt: Dieses Jahr widmet sich "11 mm" häufiger als üblich dem Politischen im Fußball. Gezeigt werden Filme über den Fußball im Nazi-KZ Theresienstadt oder über die "Grüne Tulpe", die Fußballmannschaft der grünen Bundestagsfraktion in den achtziger Jahren.

Darüber hinaus gibt es, wie immer, etliche Vertreter des Subgenres Vereinsfilm, über den FC Bayern, Dortmund, Gladbach, Union Berlin, Fortuna Düsseldorf, Göttingen 05 und Argentinos Juniors.

Solche Filme sind mehr für Fußballfans als für Cineasten gedacht, und für das große Publikum sind ohnehin nur wenige gemacht. Der populäre deutsche Fußballfilm nahm seinen entscheidenden Aufschwung dank Sönke Wortmanns Doppelschlag: "Das Wunder von Bern" und der Dokumentation "Deutschland. Ein Sommermärchen" über das deutsche Team bei der WM 2006.

Es hat gute Gründe, dass das "11 mm"-Festival vor allem von der Kulturstiftung des Deutschen Fussball Bundes finanziert wird. Fussball ist halt Kultur. Einmal im Jahr sechs Tage, bei denen es darum geht, dass das Runde auf das Eckige muss, auf die Leinwand.


"11 mm" läuft noch bis zum 1. April. Nähere Infos gibt's hier.

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