11. September im Kino Horror in Echtzeit

"United 93", Hollywoods umstrittener Aufarbeitungsversuch der Anschläge vom 11. September 2001, hatte gestern in New York Weltpremiere. Der Film ist eine brilliante, fast unerträgliche, aber absolut notwendige Rekonstruktion des Grauens. Wird das US-Publikum mitspielen?

Von , New York


New York - Filmkritiker weinen nicht. Sie haben abgebrüht zu sein, zynisch, besserwisserisch. Schließlich haben sie alles schon mal gesehen, nichts kann sie mehr mitreißen. Vor allem nicht in unserer Ära hirnloser Popcorn-Blockbuster.

Das alles änderte sich gestern in einem Vorführsaal der Universal Pictures an der Fifth Avenue. Der Anlass: ein Branchen-Screening von "United 93", Hollywoods kontroverser, erster Aufarbeitung des 11. Septembers 2001. Später am Abend wurde der Film zum Auftakt des Tribeca-Filmfestivals uraufgeführt; am Freitag dann wird er regulär in die US-Kinos kommen.

Das Screening beginnt wie immer, so wie auch der 11. September wie jeder andere Tag begann. Zwischen den Journalisten sitzen ein paar Herren im Anzug - offenbar vom Medienkonzern NBC/Universal und den Produktionsfirmen, die nicht nur 15 Millionen Dollar in dieses Wagnis investiert haben, sondern auch viel Prestige.

Fast unerträglich roh

Zwei Stunden später hat sich auf der Leinwand die Welt geändert - und im Saal sind die Herren im Anzug in ihren Sitzen versunken, zerknüllte Taschentücher in der Hand. Auch etliche Reporter schluchzen verlegen, reiben sich die Augen. Beim Verlassen des Kinos sagt keiner ein Wort, nur stumme Blicke werden gewechselt. Blicke, wie man sie in New York zuletzt im September 2001 gewechselt hat. Auch das Gefühl in der Magengrube ist das gleiche: eine Mischung aus Entsetzen und Aufgewühltheit.

Kein Wunder: "United 93" kocht sie alle wieder hoch, die Emotionen jener Tage. Panik, Wut, Verzweiflung, Trotz.

Der Film ist fast unerträglich roh, schonunglos, mitreißend, brillant. Für viele Amerikaner ist es ein Schock: der erste, unzensierte Blick auf eine Realität, die sie meist nur politisch korrekt oder ideologisch verzerrt betrachten können. Für sie und alle, die verstehen wollen, wie dieses Land wirklich tickt, in all seiner Tugend und Unzulänglichkeit zugleich, sollte "United 93" Pflicht sein.

Flugzeugtür als Sargdeckel

"United 93" zeichnet die letzte Reise des gleichnamigen Fluges nach. UA 93 war der einzige der vier Jets, der sein Terrorziel nicht erreichte: Nach einem Aufstand der Passagiere stürzte er in Pennsylvania ab.

Der Horror, der sich auf der Leinwand in Echtzeit entfaltet, ist entsetzlich real - ganz ohne jede Effekthascherei. Der britische Regisseur und Drehbuchautor Paul Greengrass ("Die Bourne-Verschwörung") verzichtet auf alle Tricks und Klischees. Keine Heldenmonologe. Keine Charakterschablonen.

Stattdessen illustriert er mit respektvollem Understatement wie ein Routinetag zum Grauen wird. Einchecken, letzte Handy-Gespräche. Grausige Banalitäten, man weiß ja, wie das alles endet. Die Flugzeugtür schließt sich. Es klingt wie ein Sargdeckel.


Den Großteil der Dialoge von Passagieren und Crew, die ihr Schicksal als erste Frontkämpfer des Terrorkriegs nur widerwillig begreifen, ließ Greengrass improvisieren. Weshalb sie um so echter wirken. Nur die Abschiedstelefonate sind rekonstruiert, mit Hilfe der Angehörigen, die allesamt kooperierten. Der zum Schlachtruf des Terrorkriegs verbrämte Befehl zum Sturm auf die Luftpiraten ("Let's Roll!") bleibt eine gewisperte Fußnote.

Greengrass zeigt auch das Versagen, das die Kommission zur Untersuchung der Anschläge aktenkundig machte: Die Luftwaffe rotiert hilflos, der in Florida weilende Präsident, der allein den Einsatzbefehl geben kann, ist telefonisch nicht aufzutreiben.

Der Zuschauer erlebt dies wie einen Krampf: angespannte Muskeln, Handflächen werden feucht. Man ertappt sich immer wieder dabei, eingreifen zu wollen, als lasse sich Geschichte zurückdrehen.

"Gestank des Todes"

Greengrass vermeidet es, einzelne heroisch herauszuheben. Keiner der Passagiere wird namentlich genannt, bis zum Nachspann. Es gibt zwar "Anführer". Doch auch die anderen würdigt der Film - willkürlich fast, so wie sie das Schicksal damals auch zusammenwürfelte.

Die letzten, schrecklichen Minuten des Films - und des Flugs - sind ein Chaos aus Stimmen, Gesichtern, Geräuschen. Greengrass reduziert den Todessturz von UA 93 optisch auf ein Gewirr aus Armen und Händen, die um Kontrolle kämpfen, während die Maschine steil auf die Wiesen zurast. Ein treffenderes Symbol für die Zeit nach dem 11. September dürfte es kaum geben.

"Überwältigend", ächzt David Denby, der Filmkritiker des "New Yorkers". Auch die meisten seiner Kollegen stimmen bisher in das Lob ein. "Ein zutiefst läuterndes Erlebnis", findet die "New York Post". "USA Today" spricht vom "aufwühlendsten, fesselndsten Film des Jahres". "Slant Magazine" attestiert "United 93" dagegen "den Gestank des Todes".

Proteste bei der Premiere

Zur Galapremiere am Abend lädt Universal eine ganze Hundertschaft von Hinterbliebenen ins Ziegfeld Theatre. "Wer sich traut", sagt Jack Grandcolas, der am 11. September 2001 seine Frau Lauren verlor, "sollte diesen Film unbedingt sehen." Sicher, es sei keine angenehme Erfahrung, ergänzt Ben Wainino, dessen Tochter Honor Elizabeth unter den Opfern war. "Doch ich will, dass die Leute sich unangenehm fühlen."

Auf der anderen Straßenseite protestieren gut ein Dutzend Demonstranten gegen den Film. Ein paar Blocks weiter flackern die Nachrichten des Tages übers Leuchtband der NBC-Studios. Top-Meldung: Al-Qaida-Führer Abu Mussab al-Sarkawi droht mit neuen Anschlägen.



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