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"13 Hours" von Michael Bay: Rummsdumme Zeitgeschichte

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Kann dieser Film Hillary Clinton schaden? In "13 Hours" dramatisiert Michael Bay die Angriffe von Bengasi, bei denen Rebellen den US-Botschafter töteten - weil die Politik angeblich versagte.

Von seinem kommerziellen Durchbruch mit "Bad Boys" (1995) und "The Rock" (1996) bis zu den megalomanen "Transformers"-Filmen hat Michael Bay in den vergangenen zwanzig Jahren ein Hochglanz-Actionkino definiert, in dem alles vielfach größer und einfacher ist als in der lästig komplizierten Wirklichkeit.

Doch an die traut sich Bay nun mit dem Kriegsfilm "13 Hours", der die tatsächliche Verteidigung eines diplomatischen Außenpostens der USA während Unruhen im libyschen Bengasi im September 2012 nacherzählen will. Das tut er auch mit langem Atem, im Verlauf von fast zweieinhalb Filmstunden sind allerdings einige Kollateralschäden zu beklagen.

Noch vor Beginn denkt man unweigerlich an das absurd kitschige Schlachtengemälde "Pearl Harbor" (2001), in dem Bay den historischen Angriff Japans auf die USA zum rummsdummen Spektakel transformierte. Wie viel Realismus würde er sich und dem Publikum diesmal gestatten? Nun, zumindest ästhetisch distanziert sich "13 Hours" zunächst deutlich vom falschen Feldpostkartenidyll und zeichnet seinen umkämpften Schauplatz zeitgemäß naturalistisch.

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"13 Hours": Beim Barte der Veteranen
Zum Auftakt trifft der amerikanische Ex-Elitesoldat Jack Da Silva (John Krasinski) in Bengasi ein, um seinen Dienst bei der Global Response Staff - einem Sicherheitsdienstleister der US-Regierung - anzutreten. Gemeinsam mit seinen fünf Kollegen, allesamt ehemalige Angehörige militärischer Spezialeinheiten, soll Da Silva in der vom Bürgerkrieg gezeichneten Stadt den Schutz des verbliebenen diplomatischen US-Personals sowie einer Gruppe von CIA-Agenten gewährleisten.

Gerade Letztere hält jedoch wenig von der Präsenz der Vertragssoldaten, was der CIA-Vertretungschef (David Costabile) auch wiederholt deutlich macht: Er setzt auf Kooperation mit Milizen im Land und will die eigene Aufklärungsarbeit nicht durch waffenstarrende Wachleute unterminieren lassen.

In diesen schwelenden Konflikt zwischen eitlen Schreibtischstrategen und dem ebenso uniform als verschworene Gang von Vorzeigeveteranen charakterisierten Sicherheitsteam platzt der Besuch des US-Botschafters Stevens (Matt Letscher) in Bengasi. Mit seiner Visite will Stevens die prowestliche Fraktion in Libyen stärken, was Da Silva und seine Kameraden indes vergeblich zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen fordern lässt.

Diplomatie verschwindet im Leichensack

Das rächt sich ausgerechnet am Jahrestag von 9/11, an dem einheimische Aufständische einen Angriff auf die US-Mission starten. Von vermeintlichen lokalen Verbündeten im Stich gelassen und ohne Aussicht auf Verstärkung, stehen die sechs Männer der Global Response Staff allein gegen einen zahlenmäßig überlegenen Gegner.

Soweit Bays Film, der die reale Dimension der Ereignisse aber kaum nachvollziehbar macht. Denn Ursachen und Folgen des fatalen Angriffs in Bengasi, bei dem vier US-Staatsbürger - darunter Botschafter Stevens - ums Leben kamen, beschäftigen bis heute die amerikanische Öffentlichkeit. Im Zuge offizieller Untersuchungen gerieten insbesondere das State Department und die damalige Außenministerin Hillary Clinton unter Druck, da 2012 trotz der zunehmend instabilen Lage in Libyen keine gebotenen Vorkehrungen zum Schutz der US-Einrichtungen vor Ort eingeleitet wurden.

Auch die Rolle des geheimen CIA-Stützpunkts warf unangenehme Fragen auf, und unter dem Schlagwort "Benghazigate" häufte sich generelle Kritik an der amerikanischen Intervention im libyschen Bürgerkrieg. Doch statt womöglich neues Licht auf diese brisanten Aspekte zu werfen, lässt "13 Hours" sie lieber hinter reichlich Pulverdampf verschwinden.

Da Michael Bay und Drehbuchautor Chuck Hogan selbst offensichtlichste Deutungen nicht den Zuschauern überlassen wollen, wird das folgende Belagerungsszenario von einem der beteiligten Soldaten prompt als Wiedergänger der legendären Schlacht um Alamo ausgemacht. Auf Grundlage des - durchaus nicht unumstrittenen - Sachbuchs "13 Hours: The Inside Account of What Really Happened in Benghazi" lassen Bay und Hogan die gescheiterte Diplomatie alsbald im Leichensack verschwinden, um stattdessen ein lautes Hohelied auf militärische Tugenden anzustimmen.

Sechs tapfere Bart- und Verantwortungsträger

Versuchte sich die erste Hälfte von "13 Hours" noch fast in inszenatorischer Zurückhaltung, so fällt die Regie mit fortlaufender Dauer ins berüchtigte Baysche Action-Idiom zurück. Dazu gehören totale Schnittkonfusion, beliebig eingestreute Aufnahmen von tragisch gefallenen US-Sternenbannern, sowie ein libidinöses Verhältnis zu Waffen jeder Art. Irgendwann kehrt sogar die Kamerafahrt aus Bombenperspektive zurück, welche schon in "Pearl Harbor" ein Höchstmaß an Debilität markierte.

Und mittendrin sechs noble Krieger, die in ihrer schmalen Freizeit brav mit Frau und Kindern skypen, sich ständig zärtlich-mannhaft "Bro" rufen, nur leider alle gleichermaßen muskulös, bärtig und ohne jedwede Eigenheiten sind, dass man sie im endlosen Gefecht kaum noch auseinanderhalten kann oder will.

Während die tapferen Bart- und Verantwortungsträger Welle um Welle weitgehend gesichts- und motivloser Feinde abwehren - was in seiner martialischen Monotonie nicht von ungefähr an Sequenzen aus Computerspielen wie "Call of Duty" gemahnt - und sich die einzige Frau in der Besetzung widerspruchslos von der Top-Agentin zur devoten Krankenschwester degradieren lässt, hat der Betrachter reichlich Zeit nachzudenken.

Etwa über den Umstand, dass "13 Hours" gerade in diesen Momenten wie die trotzige Hauruck-Antithese zu Kathryn Bigelows Tatsachenthriller "Zero Dark Thirty" wirkt, ohne nur annähernd dessen formale Dringlichkeit und beunruhigende Ambivalenz zu erreichen.

Oder warum Bays Film zwar in den USA in Form eines "partisan marketing" republikanischen Parteigängern ans Herz gelegt wurde, er aber in letzter Konsequenz konkrete Stimmungsmache gegen die damals verantwortliche Außenministerin Hillary Clinton scheut.

Letztlich bleibt "13 Hours" trotz behaupteter Relevanz eine reaktionäre Luftnummer, ein simples wie steriles Soldatenspiel, und ein reichlich langweiliges obendrein. Dass sich Michael Bay dafür mit seinen Actionfiguren aus der eskapistischen Sandkiste ein wenig in die Zeitgeschichte wagt, kann man geschmacklos oder unfreiwillig erheiternd finden. Nur wirklich ernst nehmen muss man es nicht.

Im Video: Der Trailer zu "13 Hours: The Secret Soldiers Of Benghazi"

13 Hours: The Secret Soldiers Of Benghazi

USA 2016

Regie: Michael Bay

Drehbuch: Chuck Hogan

Darsteller: Pablo Schreiber, John Krasinski, Toby Stephens, David Denman, Max Martini, James Badge Dale, David Costabile

Produktion: 3 Arts Entertainment, Dune Films, Latina Pictures

Verleih: Paramount

Länge: 144 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Start: 3. März 2016

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insgesamt 31 Beiträge
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    Seite 1    
1. Na ja....
vulcan 02.03.2016
....wieder ein Film, den man nicht sehen muss. Eher im Gegenteil, wie es sich liest. Vielleicht nicht ganz so unsäglich dämlich wie 'Pearl Harbour', aber von 'sehenswert' anscheinend auch noch meilenweit entfernt.
2. R.I.P. Vile Rat
Becks0815 02.03.2016
Wer mit der Überschrift nichts anfangen kann spielt bzw. kennt nicht EVE online.
3. harter kommentar
naklar261 02.03.2016
werde den film dennoch sehen, da ich die umstaende der ausschreitungen interessant finde.
4.
D_v_T 02.03.2016
Der reale Stoff war ja schon so dramatisch als entstamme er einem Action (B-) Movie (und, wenn man so zynisch sein will, hollywoodtauglich), da war eine Verfilmung wohl nur folgerichtig.
5.
dosmundos 02.03.2016
Einen Film von Michael Bay zu besprechen, ist überflüssig. Niemand, der Filmrezensionen liest, um sich über Filme zu informieren, würde ihn sehen wollen...
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