Pop-Film "20 Feet from Stardom" Die Damen von hinten

Sie lassen Stars wie Mick Jagger oder Bruce Springsteen schillern und bleiben stets im Hintergrund. Die mitreißende, Oscar-prämierte Doku "20 Feet from Stardom" huldigt den Backing-Sängerinnen und fragt: Warum sind die nicht selbst berühmt?

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Pop ist ein Spiel mit Illusionen, und das Aufnahmestudio ist der Ort, an dem gezaubert wird. Wenn Mick Jagger über die Atmosphäre spricht, in der die Rolling Stones 1969 ihren Song "Gimme Shelter" aufnahmen, hebt er in der Regel auf die Weltlage ab: Vietnam, Revolten, apokalyptische Stimmung - das ist Teil des metaphorischen Sturms, vor dem im Text Schutz gesucht wird. Doch um die dazugehörige Hysterie zu illustrieren, fehlte dem Produzenten noch etwas: "Wir brauchen eine Frauenstimme!"

Das Telefon klingelte mitten in der Nacht bei Merry Clayton, die davon fast 45 Jahre später in dem Dokumentarfilm "20 Feet from Stardom" sehr lebhaft erzählt. Hochschwanger und mit Lockenwicklern im Haar kam sie an, um mit Jagger im Wechsel zu singen. Sie steigerte sich immer mehr hinein, und als sie die Zeilen "rape, murder - it's just a shot away" sang, brach die Stimme der erfahrenen Begleitvokalistin - was vielleicht nicht perfekt, aber so soulful klang, dass es Mick Jagger ein kurzes "Woooh!" abnötigte.

In dem filmischen Denkmal, das er Merry Clayton und all den anderen zu selten gefeierten Hintergrundstimmen gesetzt hat, lässt Regisseur Morgan Neville die "Gimme Shelter"-Gesangsspur ganz allein abspielen - und es gab seiner Aussage nach bei so ziemlich jeder Vorführung Szenenapplaus. Auch Mick Jagger kommt kurz ins Grinsen, als er im Film die Tonspur hört: "Man hört das am nächsten Tag und denkt: Verdammt, ist das gut!"

Ein Grammy - und dann?

Es geht hier also um die Stimmen, die aus dem Hintergrund die Songs der Stars vervollständigen - manchmal bloß mit ein paar Uh- und Ah-Harmonien, manchmal auch an prominenter Stelle als Dialogpartner für den Leadsänger.

Jagger ist nicht der einzige Star, der in dem Film den unbekannten Kolleginnen seinen Respekt bezeugt. Auch Sting wurde interviewt, und von Bruce Springsteen stammt sogar der Titel des Films: "20 Feet from Stardom" - die gut sechs Meter vom Platz der Backing-Sängerinnen, irgendwo hinten neben dem Schlagzeug, bis nach vorne in der Bühnenmitte, wo der Star steht. "Es ist ein ganz schön weiter Weg", sagt Springsteen.

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Musik-Doku "20 Feet from Stardom": Sie sangen und blieben unbesungen
Das ist so etwas wie die Forschungsfrage, die sich durch den Film zieht: Wie kommt es, dass so viele Begleitsängerinnen nie den Schritt zum Star schaffen? Obwohl sie doch unzweifelhaft brillant singen und Charakter haben. Merry Clayton brachte in den Siebzigern Soloalben heraus, ohne großen Erfolg. Eine weitere Protagonistin des Films, Judith Hill, die viel für Michael Jackson arbeitete, sieht den Backing-Gesang trotzdem noch immer als Sprungbrett für den Soloruhm an - und hat sich bei der TV-Show "The Voice" beworben.

Einer Antwort am nächsten kommt der Film wohl bei der Betrachtung von Lisa Fischer, die schon die Rolling Stones, Tina Turner, Luther Vandross, aber auch Nine Inch Nails mit ihrem Gesang unterstützt hat. Sie bekam für ihr Solodebüt 1992 gleich einen Grammy, auch die Plattenverkäufe liefen nicht übel - aber sie ließ sich Zeit, viel zu viel Zeit mit der Nachfolgeplatte. Und bald fand Fischer für sich heraus, dass sie viel lieber für andere singt als selbst im Mittelpunkt zu stehen.

Vom Starproduzenten ausgenutzt

Eine angenehm nachdenkliche Wendung in einem Film, der sich ansonsten allzu sehr von seiner löblichen Mission tragen lässt, die unbesungenen Sangesheldinnen ins Rampenlicht zu rücken - nach dem Vorbild von "Standing in the Shadows of Motown", der Dokumentation, die die phantastischen, aber weitgehend anonymen Studiomusiker des Motown-Labels der breiten Öffentlichkeit bekanntmachte. Die Feelgood-Message funktioniert auch im Falle von "20 Feet from Stardom" prächtig: Der Film war eine der erfolgreichsten Dokumentationen des Jahres 2013 in den USA - und bei der Oscar-Verleihung setzte sich "20 Feet" unter anderem gegen den vieldiskutierten Konkurrenten "The Act of Killing" durch.

Joshua Oppenheimers Spurensuche bei den Mördern der Massaker von Indonesien ist der gewagtere und wohl auch der verdienstvollere Film, doch "20 Feet from Stardom" ist mit seinem Erzähltempo, seiner Optik, seiner Szenenauswahl wirklich ein herausragend gut gemachter Dokumentarfilm - von der Eingangssequenz an, in der sehr passend die Zeile aus Lou Reeds "Walk on the Wild Side" zitiert wird, in der es heißt: "And all the coloured girls go 'doo-doo-doo doo-de-doo'". Denn es geht fast nur um Frauen, und deren Hautfarbe ist meistens schwarz.

Auch Darlene Love, so etwas wie der Star unter den Nicht-Stars in diesem Film, lernte das Singen in der afroamerikanischen Kirche, im Wechselgesang zwischen Prediger und Chor und Gemeinde. Love war einer der entscheidenden Bausteine für die "Wall of Sound" des Star-Produzenten Phil Spector in den Sechzigern - doch oftmals ließ er sie zwar im Studio singen, schrieb aber den Namen anderer Sängerinnen auf die Platten.

Darlene Love musste zeitweilig putzen gehen, aber ihr gelang ein Comeback. Mit dem bekanntesten Lied, das auch offiziell ihren Interpretennamen trägt, "Christmas (Baby Please Come Home)", ist sie alljährlich vor Weihnachten zu Gast in David Lettermans Talkshow. In "20 Feet from Stardom" macht Loves eindrucksvolle Geschichte den Film rund, ein bisschen zu rund vielleicht, wenn dann zum Schluss Bruce Springsteen im Hintergrund bei Darlene Love singt. Natürlich nur eine einmalige Hommage, für einen Auftritt - da mache man sich keine Illusionen.

20 Feet from Stardom

USA 2013

Regie: Morgan Neville

Mit: Darlene Love, Lisa Fischer, Judith Hill, Merry Clayton, Claudia Lennear, Stevie Wonder, Tata Vega, Sting

Produktion: Gil Friesen Productions, Tremolo Productions

Verleih: Weltkino

Länge: 91 Minuten

Start: 24. April 2014



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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
finanzamtsopfer 24.04.2014
1. ja und?
so geht es doch 99% aller Musiker. Und die Meisten sind damit zufrieden. Gut bezahlte Jobs als unspektakuläre, aber zuverlässige Begleiter. Lieber Gitarrist bei Helene Fischer, als nicht mehr selber einkaufen gehen können...
Das Grauen 24.04.2014
2. Schon interessant, die Lisa Fisher
An die mußte ich sofort denken, als ich die Einleitung las. Schließlich hat sie im Duett mit Jagger die meiner Meinung nach beste Version von Gimme Shelter auf die Bühne gestellt, und dabei Starqualitäten, sowohl Stimmlichbalsnauch vom Auftritt her, gezeigt. Und live Aufnahmen ihres eigenen #1 Hits "Ease the Pain" zeigen, daß sie auch solo überzeugen und sogar das Publikum um den Finger wickeln konnte. Durchaus auf der Ebene von Whitney Houston und Mariah Carey. Da hat es mich schon gewundert, warum sie trotzdem wieder im background "verschwunden" ist. Interessant, daß meine Vermutung, daß sie das Leben als Star einfach nicht mochte, von der Dokumentation bestätigt wird. Muß ich mir anschauen.
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