"2012"-Star John Cusack "Hollywood hat keine Ahnung"

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2. Teil: "Ersaufen im Meer der Masse"


SPIEGEL ONLINE: Und was macht Hollywood dann?

Cusack: Hoffentlich nachdenken: Die Menschen haben weniger Geld, also geben sie auch weniger für Filme aus. Und wenn du schlechte Filme machst, sehen sich die Leute nach anderer Unterhaltung um. Die Menschen schulden Hollywood ja nichts. Ach, und noch ein Gedanke: Twitter hat natürlich das Geschäft stark verändert.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Cusack: Ich weiß nicht, wie die Zuschauertests für "2012" ausgefallen sind. Aber wenn die Leute die Charaktere nicht gemocht hätten, oder sie ins Gähnen gekommen wären, liefen die Sony-Menschen nicht so entspannt hier herum. Denn am Freitagabend, nachdem der Film in den USA angelaufen ist, würden die ersten Leute twittern: "'2012' ist scheiße!"

SPIEGEL ONLINE: Am nächsten Tag blieben dann die Kinosäle leer.

Cusack: Eben. Früher haben sich die großen Studios das Startwochenende einfach komplett gekauft, indem sie vorher ordentlich Geld in die Werbung gepumpt haben. Wenn die Besucherzahlen am Freitagabend stimmten, war klar, dass sie am Samstag noch mal um 25 oder 30 Prozent hochgehen würden - und erst dann absacken. Eine sehr vorhersagbare Basis für Kalkulationen. Jetzt ist es so: Am Freitag kommen vielleicht großartige Zahlen - und am Samstag brechen sie plötzlich um 50 Prozent ein. Alles verpufft, das Marketing, die Strategien. Es sei denn, die Leute mögen den Film, dann ist die gute Presse sogar umsonst. Ich garantiere Ihnen: Große Hollywood-Studios haben derzeit keine Ahnung, was sie dagegen tun sollen.

SPIEGEL ONLINE: Sie könnten Leute zum Twittern einstellen.

Cusack: Macht keinen Unterschied. So etwas wie Twitter ist zu unmittelbar und groß, das können sie nicht kontrollieren. Gerüchte im Netz lancieren, okay, etwas Marketing betreiben, klappt auch - aber das war's. Eine gute Entwicklung für Filmemacher und für Filme.

SPIEGEL ONLINE: Aber schlecht für die Industrie.

Cusack: Schlecht für die Industrie, wie sie war und wie sie noch ist. Was soll's?

SPIEGEL ONLINE: Übertreiben Sie nicht etwas mit Ihrer Diagnose, nur weil sie selbst Mainstream-Hollywood eher distanziert gegenüberstehen?

Cusack: Nein, ich weiß, dass es so ist, zumindest in den Staaten, weil ich mit großen Studiobossen und Agenten geredet habe. Manche hatten Filme, von denen sie sicher waren, dass sie Hits werden würden. Und dann kam der Freitagabend und der Twitter-Backlash.

SPIEGEL ONLINE: Nennen Sie mal ein Beispiel für so einen Flop.

Cusack: Ich nenne Ihnen ein positives Gegenbeispiel für den Mechanismus: der kleine Science-Fiction-Film "Paranormal Activity".

SPIEGEL ONLINE: Und der kleine Science-Fiction-Film "District 9"?

Cusack: Genau! Beides Filme, die ohne große Stars oder dickes Marketing-Budget riesige Erfolge waren. Absolute Netz-Phänomene.

SPIEGEL ONLINE: Braucht denn eigentlich noch irgendjemand Filmkritiker, wenn Kinogänger sich lieber an Twitter oder Blogs halten?

Cusack: Tut mir leid, dass zu sagen, aber Filmkritiker sind so obsolet wie nie zuvor. Warum? Wer früher als Arthouse-Regisseur nicht in der "New York Times" oder der "Los Angeles Times" auftauchte, war erledigt: they make you or kill you. Heute gibt es zumindest in den USA keine Filmkritik mehr, die diesen Namen verdient.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Cusack: Die Kritiker schreiben personalisiert, oberflächlich und nur noch darüber, was sie mögen oder nicht mögen. Cola? Oder doch lieber Pepsi? Aber sie schreiben nicht über Film als Kunst. Natürlich gibt es noch immer großartige Schreiber, aber sie ersaufen im Meer der Masse. Dabei brauchen wir gute Kritiken, denn sie helfen uns, Filme anders zu sehen, lehren uns, auf diese Kunstform anders zu schauen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie selbst Kritikern auch etwas zu verdanken?

Cusack: Sehr viel. Pauline Kael etwa, die verstorbene Kritikern des "New Yorker", war großartig zu lesen. Sie hat mir beigebracht, viele Filmfiguren anders zu sehen, als ich selbst sie wahrgenommen habe, analysierte, was ein Regisseur mit seiner Arbeit wollte - obwohl er selbst vielleicht gar nicht wusste, dass er das wollte. Sie hat als künstlerischer Kopf die Arbeit anderer Künstler gedeutet. Jetzt ist da nur ein großes Gelärm. Andererseits denke ich: Eine Stimme wird früher oder später auch gehört, falls sie denn gehört werden soll.

SPIEGEL ONLINE: Ein Tröpfchen Hoffnung in Ihrem Meer aus Kulturpessimismus.

Cusack: Nun ja. Ich denke jedenfalls, dass sich Politikjournalismus und Filmkritik mittlerweile sehr ähneln. Ernsthafte Stimmen gehen inmitten billiger Kommentare unter, die sich den Strategien des Spiels widmen, aber kein größeres Bild dessen entwerfen, was das Spiel selbst überhaupt ist. Die Leute drehen die immergleichen Spin-Argumente hin und her, das ist fauler Journalismus. Dabei kann die Demokratie ohne wirkliche Journalisten gar nicht überleben. Aber wie sollen die gehört werden zwischen all den Image-Sprechpuppen und den O-Ton-Schnipseln von Politikern?

SPIEGEL ONLINE: Spielen Sie dieses Spiel nicht auch? Sie selbst haben ja mal gesagt, ein Schauspieler sei immer auch eine Marke. Pflegen Sie in einem Interview wie diesem nicht auch die Marke Cusack?

Cusack: Mag sein. Vielleicht aber auch nicht. Dieses Interview grenzt ja an eine echte Konversation.

SPIEGEL ONLINE: Grenzt?

Cusack: Na ja, wir geben immerhin unser Bestes in diesen 20 Minuten. Aber zurück zu Ihrer Frage: Sicherlich will die Industrie aus Schauspielern Marken machen. Was natürlich ein Paradoxon ist. Wenn du sehr erfolgreich bist, wollen sie eine Marke aus dir machen. Aber du bist ja nur so erfolgreich geworden, weil du ein sehr starkes Individuum bist.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie selbst eine Marke?

Cusack: Leute sehen mich als eine, sicher.

SPIEGEL ONLINE: Und was sehen die Leute in der Marke Cusack?

Cusack: Einen Schauspieler, der einfühlsam genug ist, große Filme zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Bitte im Ernst.

Cusack: Ach, vermutlich war ich damals nur ein bisschen ironisch in dem Interview. Niemand will eine Marke sein.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht sind Sie es trotzdem?

Cusack: Ich hoffe nicht. Wahrscheinlich aber schon. Vielleicht handele ich einfach nach dem Motto: Wenn du schon im Zoo lebst, dann handele wenigstens ein größeres Gehege aus.

Das Interview führte Thorsten Dörting



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