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"2012"-Star John Cusack: "Hollywood hat keine Ahnung"

Der Mann kann Katastrophen so gut wie Kunst: John Cusack, Star in Roland Emmerichs Weltuntergangs-Porno "2012", brilliert in Blockbustern genauso wie in Indie-Filmen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der Schauspieler über PR-Wahnsinn in Hollywood, ratlose Studiobosse und das Kino der Zukunft.

Hollywood-Star Cusack: Allzweckgesicht mit Ambitionen Fotos
REUTERS

Ein Berliner Nobelhotel im November, Sony Pictures hat zu Interviews mit "2012"-Regisseur Roland Emmerich und John Cusack geladen. Der Schauspieler gibt in dem Weltuntergangs-Blockbuster einen erfolglosen Autor, der seine Kinder und Ex-Frau vor der Apokalypse retten will. Die Journalisten werden in eine Lounge gebeten, dann in einen Flur geführt, wo sie auf Stühlen aufgereiht nebeneinander warten, wie in einer Edel-Arbeitsagentur, nur ohne Nummernziehen. Im Zimmer links empfängt Cusack, rechts Emmerich. Ein Grüppchen Reporter schlüpft aus dem Cusack-Raum, ein paar Minuten vergehen, dann bittet die PR-Dame hinein. Cusack lehnt aus einem weit geöffneten Fenster, mit dem Rücken zur Tür.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind noch immer Raucher?

Cusack: Nein. Aber wollen Sie eine rauchen? Nur zu!

SPIEGEL ONLINE: Nein, danke. Es sah nur so aus, als hätten Sie am Fenster noch schnell ein paar Züge genommen.

Cusack: Ich wollte nur frische Luft schnappen. Bin etwas erledigt.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Interviews haben Sie denn schon gegeben?

Cusack: Heute? Ich bin mir nicht ganz sicher, eine Menge jedenfalls. Und das ist bereits mein zweiter Promotion-Trip nach Deutschland. Ich bin wegen "2012" bereits zweimal um die Welt gereist.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mal gezählt, mit wie vielen Journalisten Sie insgesamt gesprochen haben?

Cusack: Nein. Aber ich habe im August in Cancun, Mexiko, angefangen. Allein am ersten Tag waren es 85 Kamera-Interviews. Also: Es werden Tausende sein.

SPIEGEL ONLINE: Klingt furchtbar. Sie müssen diese Marketing-Maschinerie hassen.

Cusack: Ja, schon. Auf jeden Fall hasse ich Fünf-Minuten-Interviews mit glatten, geschwätzigen Boulevardsendungen vom Typ "Entertainment Tonight". Mit echten Journalisten zu reden, die über Filme schreiben, ist okay. Nicht ganz so okay ist, ständig wiederholen zu müssen, wie es sich anfühlt, in so einem großen Film mitzuspielen, meine Rolle zu beschreiben oder mal wieder die Story zusammenzufassen. Wenn man das tausendmal macht, ermüdet das schon ein wenig. Aber klar, so ist der Job: "2012" ist einfach ein sehr großer Film.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft mussten Sie eigentlich folgende Frage beantworten: Glauben Sie, dass die Erde im Jahr 2012 untergehen wird?

Cusack: Was habe ich gesagt, wie viele Interviews habe ich geführt?

SPIEGEL ONLINE: Tausende, 85 allein am ersten Tag.

Cusack: Ist in Wahrheit auch egal. Die Antwort lautet: In 100 Prozent der Fälle.

SPIEGEL ONLINE: Also gut. Um Ihre Statistik nicht zu versauen und nur fürs Protokoll: Glauben Sie, dass die Erde im Jahr 2012 untergehen wird?

Cusack: Nein, das glaube ich nicht. Ich tendiere dazu, so etwas eher metaphorisch als buchstäblich zu verstehen, als eine Art Bewusstseinsverschiebung.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt?

Cusack: Ist die Hölle ein realer Ort voller Feuer und Schwefel oder ist sie ein Zustand des Geistes? Man kann da christlichen Fundamentalisten folgen oder Dante. Ich glaube, dass solche Weltuntergangs-Mythen in unseren kollektiven Psyche existieren und davon künden, dass eine Ära oder eine Epoche endet. Klar, wir werden definitiv unseren Planeten zerstören, mit der Klimaerwärmung schaffen wir's bestimmt. Das wird aber wohl noch ein bisschen dauern, und ich glaube nicht, dass die Erde ein festes Verfallsdatum hat.

SPIEGEL ONLINE: Sprechen wir über eine reale Katastrophe. Sie produzieren mit Ihrer eigenen Firma vornehmlich kleine, feine Filme, in denen Sie oft selbst mitspielen und wofür viele Kritiker Sie lieben. Trifft die Wirtschaftskrise den Produzenten Cusack hart?

Cusack: Das Produzentendasein ist immer hart, damit verdiene ich nicht wahnsinnig viel Geld. Darum finanziere ich meine Firma über das Schauspielern. Produzieren, spielen und schreiben läuft für mich alles unter dem Label: Cusack im Filmgeschäft. Meistens und aus irgendeinem unerfindlichen Grund läuft bei mir aber alles gegen den allgemeinen Trend. Wenn die anderen es leicht haben, leide ich, wenn ich es leicht habe, leiden die anderen. Keine Ahnung warum.

SPIEGEL ONLINE: Also haben Sie es derzeit leicht?

Cusack: Von den letzten sieben Filmen, die ich gemacht habe, habe ich immerhin drei auch produziert - und das während der härtesten Zeit in Hollywood seit langem. Ich hatte also vielleicht ein wenig Glück. Ansonsten ist die Krise deutlich in der Industrie zu spüren.

SPIEGEL ONLINE: Beeinflusst die Krise auch die Art, wie Filme gemacht werden? Erzählt das Kino jetzt andere Geschichten?

Cusack: Grundsätzlich glaube ich, dass sich neue Film-Formen oder Stilrichtungen automatisch entwickeln, egal was drumherum passiert. "2012" ist ein Produkt von Old Hollywood, ein riesiges Film-Flaggschiff, das Sony weltweit vom Stapel lässt - und der Konzern tut das besser als jeder andere. Projekte in der mittleren Budgetliga finanziert zu bekommen, ist aber schon heute deutlich schwieriger, die Ausnahme sind sehr spezifische Popcorn-Genre-Filme. Spannend sind deshalb all diese billigen Digitalkameras, mit denen man einfach rausgehen und etwas filmen kann, das dann sogar ziemlich gut aussieht. Kleinere Filme zu drehen, wird ihretwegen bald sehr viel cooler. Gute Filmemacher ziehen also auch in Zukunft einfach weiter ihr Ding durch.

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Actiondrama 2012: Roland Emmerich zerstört die Welt


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"2012": Zivilisation? Weg damit!
Zur Person
John Cusack, geboren 1966, ist ein US-Schauspieler, der in den vergangenen Jahren auch als Produzent und Drehbuchautor Erfolge feiern konnte. Er gilt ein bisschen als Everybody's Darling. Kritiker schätzen ihn für ambitionierte Filme wie das Irak-Homecoming-Drama "Grace is Gone" (2007, Regie, Produktion), die schrullige Komödie "Being John Malkovich" (1999, Hauptrolle) oder die politische Satire "War Inc." (2008, Hauptrolle, Produktion, Buch). Dennoch pflegt Cusack ein sehr pragmatisches Verhältnis zu Big-Business-Hollywood: 1997 spielte er beispielsweise in Jerry Bruckheimers Testosteron-Spektakel "Con Air" mit, derzeit ist er in Roland Emmerichs Weltuntergangs-Porno "2012" zu sehen. Vielen Zuschauern dürfte er auch aus der Nick-Hornby-Verfilmung "High Fidelity" bekannt sein. Nachdem er ein Studium an der New York University geschmissen hatte, startete Cusack seine Karriere Mitte der Achtziger als Teen-Star in Komödien wie "Class" oder "Sixteen Candles". Er bloggt regelmäßig für die "Huffington Post" zu politischen Themen.

"2012"

(USA 2009)

Regie: Roland Emmerich

Drehbuch: Roland Emmerich, Harald Kloser

Darsteller: John Cusack, Amanda Peet, Oliver Platt, Thandie Newton, Danny Glover, Woody Harrelson

Produktion: Centropolis Entertainment/SPE

Länge: 158 Minuten

Start: 12. November 2009


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