"21 Gramm" Das Gewicht des Gewissens

Im Melodram "21 Gramm" leiden Sean Penn, Benicio Del Toro und Naomi Watts am Chaos der Schuldgefühle. Dafür hat der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu ebenso virtuos wie verstörend die Chronologie der Ereignisse zertrümmert.

Von Oliver Hüttmann


Szene aus "21 Gramm": Leiden in irdischer Hölle
Constantin Film

Szene aus "21 Gramm": Leiden in irdischer Hölle

Ein Mann und eine Frau liegen im Bett. Sie schläft, er raucht. Man spürt in dieser Szene, dass die zwei gerade Sex gehabt haben müssen. Die entspannte Stille indes trügt. Der Hintergrund leuchtet glühend rot. Es ist die Farbe der Leidenschaft, aber auch der Verzweiflung. Wenn die Kamera in "21 Gramm" immer wieder ganz nah auf die Gesichter fährt, sieht man das innere Chaos dieser Menschen, wie ein Albtraum in ihnen nagt und die Ohnmacht sie aushöhlt.

Es gehört längst zum Standard der Dramaturgie, Filme dramatisch mit der Schlüsselszene aus dem Schlussakt zu beginnen, wieder auf den schicksalhaften Punkt zu steuern und wie mit einem Seufzer ausklingen zu lassen. Der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu ist bei "21 Gramm" nun mit zerstörender und verstörender Konsequenz so weit gegangen, dass seine Geschichte vordergründig keinem plausiblen Rhythmus mehr folgt. Man sieht manche Bilder mehrmals, aus anderen Perspektiven oder als Anschluß zersplitterter Sequenzen. Man erfährt von der Wirkung vor der Ursache, ahnt die Zusammenhänge, wird dennoch in die Irre geführt und begreift die Kausalität erst mit der letzten Einstellung. Der Ablauf wirkt, als würden zwei Schritte vor und einer zurück gesetzt oder auch umgekehrt. Letztlich versucht der Zuschauer vergeblich, eine kunstvolle Konstruktion zu erkennen und zu beschreiben. "21 Gramm" entzieht sich jeder Logik und konfrontiert ebenso drei Personen mit dem nicht mehr Erklärbaren.



"Gott würfelt nicht", sagt der Mathematikprofessor Paul (Sean Penn). Er hat einen Herzfehler und sich mit dem Tod abgefunden. Er glaubt nicht daran, es könne für ihn noch eine passende Organspende gefunden werden. Die rationale Haltung geht einher mit fatalistischen Zügen an Zigaretten, die er in einer Pillendose vor seiner Frau Mary (Charlotte Gainsbourg) versteckt. Sie möchte durch künstliche Befruchtung ein Kind von ihm, doch er weigert sich.

Der Gelegenheitsarbeiter Jack (Benicio Del Toro) sucht fanatisch Halt im Glauben. Er trägt ein Kreuz als Ohrring und als Tätowierung. Überall hängen Kreuze: im Haus seiner Familie und am Lenkrad seines Wagens, einem Pick-up mit bulligen Stoßstangen und dem Spruch "Jesu can save your life" auf der Karosserie. Aber Jack hadert auch mit dem Herrn und neigt zu Jähzorn, der sogar seine Frau Marianne (Melissa Leo) und die beiden Kinder trifft.

Cristina (Naomi Watts) wiederum empfindet gar nichts mehr. Die junge Frau hat Mann und zwei Töchter verloren. Die Familie war ihre Erfüllung. Das Leben, das ihr nun bleibt, macht keinen Sinn mehr. Ihr Blick ist stumpf, den Kummer betäubt sie mit Schnaps. So wankt sie durch den Alltag, als wolle sie schreien, aber dazu keine Kraft mehr hat.

Wie in "Amores Perros", dem furiosen Regiedebüt von Iñárritu, werden die Hauptfiguren durch einen Autounfall aus der Bahn geworfen. Den Crash zeigt der Regisseur diesmal aber nicht am Anfang. Man nimmt ihn in der Mitte des Films nur durch einen plötzlichen dumpfen Knall wahr, der furchtbarer anmutet als lädiertes Blech und blutige Leiber. Ein Gärtner rennt aus dem Bild, und man hört weiterhin das enervierende Brummen des Druckluftgerätes, mit dem er Blätter weggefegt hatte. Es ist der markanteste, erschütterndste Moment neben der zuvor schon gezeigten Szene, in der Cristina im Krankenhaus nach der Identifizierung ihrer Liebsten an Professor Paul vorübergeht.

An dieser Straßenkreuzung, wo sich die Wege der Drei treffen, fügen sich auch die Fragmente erstmals zu einem verständlicherem Bild. Nebensätze und Kleinigkeiten weisen zwar stets auf Verbindungen hin, die oft symbolischen Charakter haben. Etwa als Marianne heimlich raucht, bis Jack verspätet zu seiner Geburtstagsparty kommt, bei der kein Alkohol ausgeschenkt wird, während Cristina auf der Begräbnisfeier zum Wodka greift und Paul im Bewusstsein, dass er bald stirbt, noch weiter qualmt. Aber diese Dinge fallen einem erst hinterher wirklich auf, wenn man nach dem Strudel aus Trance und Taumel selbst wieder zu Bewusstsein kommt.

Es sind keine simplen Rückblenden oder spielerischen Sprünge auf der Zeitachse, mit denen Iñárritu die Struktur sprengt. Er illustriert vielmehr die innere Zerrissenheit dieser Menschen, spiegelt das Gefühl von Verlorenheit und Fassungslosigkeit sowie jenen Dämmerzustand, in dem man die Welt, das eigene Handeln und Gott nicht mehr begreift. Jack schneidet und brennt sich sein Kruzifix vom Unterarm, und Paul fühlt sich schuldig, weil er durch den Tod eines anderen selbst überlebt hat. Als wollte er sein Gewissen erleichtern, will er Cristina von ihrem Leid erlösen. Paul findet selbst Katharsis, aber auf eine Weise, die für ihn bestimmt schien.

21 Gramm würde ein Mensch verlieren, wenn er stirbt. Es könnte das Gewicht der Seele sein, heißt es am Ende, nachdem Iñárritu in glutroten, grobkörnigen oder grünstichigen Farben alle Facetten der Vergeltung, Vergebung und Verwesung umkreist hat. Trotzdem ist "21 Gramm" keine schwer religiöse Parabel, sondern eine ganz irdische Hölle, in der hier gelitten wird. Der Film wirkt wie eine schwelende Wunde, unterbrochen von Bildern des Furors und der Trauer, die aufflackern wie ein Schmerzensschrei, Erinnerung und Gegenwart zugleich sind. Es gibt keine Antworten, keine Buße für die Bürde und keinen höheren Plan, sondern späte, bittere Ernüchterung. Das Leben entscheidet sich in Sekunden. Willkürlich. Es ist schwer, mit dieser Erkenntnis zu leben oder zu sterben. Und das zeigt Iñárritu mit desperater Radikalität.

Naomi Watts und Benicio Del Toro verkörpern ihre Torturen mit einer aufreibenden Hingabe, für die sie zu Recht für den Oscar nominiert sind. Für seine ähnliche Rolle in Clint Eastwoods "Mystic River" erhielt auch Sean Penn eine Nominierung. Denn bei aller stilistischen Brillanz sind es die Gesichter dieser Schauspieler, die einen berühren.


21 Gramm (21 Grams)


USA 2003. Regie: Alejandro González Iñárritu. Drehbuch: Guillermo Arriaga. Darsteller: Sean Penn, Benicio Del Toro, Naomi Watts, Charlotte Gainsbourg, Melissa Leo, Clea DuVall, Danny Huston. Produktion: This Is That, Y Productions. Verleih: Constantin. Länge: 125 Minuten. Start: 26. Februar 2004



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