Netflix-Drama "22. Juli" Als der Terror nach Utøya kam

Zwei radikal unterschiedliche Filme zeigen den Massenmord von Utøya: Paul Greengrass' Netflix-Drama ist eine Warnung gegen rechten Terror, ein Kinofilm versetzt den Zuschauer dagegen in die Rolle der Opfer.

Agnete Brun

Dieser Mann ist kein Bauarbeiter, auch wenn er an einem Betonmischer arbeitet. Er ist kein Polizist, auch wenn er später eine Uniform trägt. Wer dieser Mann wirklich ist, was ihn im Innersten antreibt, wird man vielleicht niemals erfahren. Seinen Namen und sein Gesicht aber kennt jeder: Anders Behring Breivik, Terrorist und Massenmörder.

Am 22. Juli 2011 zündete er in Oslo vor dem Bürogebäude des norwegischen Ministerpräsidenten eine Bombe, die acht Menschen tötete und zehn verletzte. Danach setzte er auf die in der Nähe von Oslo gelegene Insel Utøya über, erschoss 69 Menschen und verletzte 33 zum Teil schwer. Zwei Filme beschäftigen sich jetzt mit diesem Tag: Der Kinofilm "Utøya 22. Juli" und das Netflix-Drama "22. Juli". So ähnlich die Titel, so unterschiedlich ist die Annäherung an das Thema.

Der Brite Paul Greengrass eröffnet seine Netflix-Variante mit eben jener Szene, in der Anders Breivik am Betonmischer steht und Materialien für seine Bombe vorbereitet. Die Kamera folgt dem Täter eng und zeigt seine minutiösen Vorbereitungen, während Greengrass immer mehr Protagonisten in die Erzählung einführt: den später schwer verletzten Viljar Hanssen und seine Freunde im Feriencamp der Jugendorganisation der norwegischen Arbeiterpartei auf Utøya; den norwegischen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg; die Eltern von Viljar Hanssen und die Mutter von Breivik. Später kommt noch Anwalt Geir Lippestad hinzu, der den Mörder unfreiwillig vor Gericht vertritt.

Fotostrecke

9  Bilder
"22. Juli": Das norwegische Trauma

Greengrass arbeitet mit klassischer Parallelmontage, die die verschiedenen Schauplätze der Geschichte miteinander in Verbindung setzt, darüber hinaus aber auch für Spannung sorgt. Gerade weil der Zuschauer weiß, was folgen wird, sind die ersten 20 Minuten des Films schwer zu ertragen. Als die Bombe explodiert und Breivik mit der Fähre nach Utøya unterwegs ist, steigert sich das Gefühl der Beklommenheit noch einmal. Greengrass kommt in seiner Nachstellung des Attentats ohne explizite Gewalt aus, aber er zeigt, wie perfide und erbarmungslos Breivik vorging. "Legt euch auf den Boden, ich bin von der Polizei", ruft er einigen Jugendlichen anfangs zu. Dann erschießt er sie, ohne mit der Wimper zu zucken.


"22. Juli"
Norwegen, Island, USA 2018
Regie:
Paul Greengrass
Drehbuch: Paul Greengrass, Åsne Seierstad
Darsteller: Jon Øigarden, Thorbjørn Harr, Anders Danielsen Lie, Isak Bakli Aglen, Jonas Strand Gravli, Seda Witt
Verleih: Netflix
Produktion: Scott Rudin Productions
Länge: 133 Minuten
Start: 10. Oktober 2018


Dass der Täter und sein Vorgehen so prominent gezeigt werden, birgt eine Gefahr: Dass die Dramaturgie eine dunkle Faszination für Breivik hervorruft, während die Opfer marginalisiert werden. Diese Gefahr wollte der norwegische Regisseur Erik Poppe bei seinem Kino-Konkurrenzprojekt umschiffen. Er wählte eine radikale künstlerische Option: "Utøya 22. Juli" spielt nach einer kurzen Exposition, die Originalaufnahmen aus Überwachungskameras von dem Osloer Bombenattentat zeigt, ausschließlich auf der Insel. Poppe filmte eine einzige Sequenz ohne Schnitt, die so lang ist, wie das Attentat dauerte: 73 Minuten.

Im Video: Der Trailer zu "22. Juli"

Netflix

Seine Hauptfigur ist die 19-jährige Kaja, eine fiktionale Figur. Was sie auf der Insel erlebt, beruht aber ausschließlich auf Berichten von Menschen, die auf Utøya waren. Die Kamera folgt Kaja bei ihrer Flucht. Ständig ist Gewehrfeuer zu hören, rennen Gruppen von Jugendlichen in Panik durch den Wald. Einmal liegt Kaja in einem Versteck neben einem Mädchen, das verblutet. Ganz in der Nähe geht der Täter vorbei. Ihn selbst allerdings zeigt Poppe nie, er bleibt ganz bei den Opfern. (Lesen Sie bei SPIEGEL+ ein Interview mit dem Regisseur)

Das ist in seinem totalen Anspruch sehr eindrucksvoll. Allerdings entgeht auch Poppe der Schwierigkeit nicht, dass sein Film das Leiden der Toten, Verwundeten und Traumatisierten in eine Spannungsdramaturgie zwingt, die teilweise funktioniert wie ein raffinierter Thriller. Dazu drängt sich hier zwar nicht der Attentäter, dafür aber das ästhetische Konzept und seine virtuose Umsetzung in den Vordergrund.


"Utøya 22. Juli"
Norwegen 2018
Regie:
Erik Poppe
Drehbuch: Siv Rajendram Eliassen, Anna Bache-Wiig, Erik Poppe
Darsteller: Andrea Berntzen, Aleksander Holmen, Solveig Koløen Birkeland
Verleih: Weltkino Filmverleih
Produktion: Paradox Film 7, Paradox
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 92 Minuten
Start: 20. September 2018


Greengrass hingegen, der vor allem in seinen "Bourne"-Actionfilmen furiose Schnittfeuerwerke zündete, hält sich bei seiner Utøya-Version zurück. Sein Film wirkt stilistisch geradezu konventionell, so stark stellt er seine Protagonisten in den Mittelpunkt der Erzählung. Der 63-jährige Brite hat mit "Flug 93" und "Captain Phillips" bereits zuvor Terroranschläge und eine Geiselnahme filmisch verarbeitet. Mit "22. Juli" geht er weiter in diese Richtung. Der Film beschäftigt sich mit der Tat selbst nur im ersten Drittel, der Rest gehört ihren Folgen und der Aufarbeitung. Dabei ist spürbar, dass Greengrass seinen Film auch als Warnung gegen rechten Terror positionieren will.

Im Video: Der Trailer zu "Utøya 22. Juli"

Agnete Brun

Norwegen ist bei ihm Paradebeispiel einer wehrhaften Demokratie, die es sich nicht leicht damit macht, Breivik trotz der Ungeheuerlichkeit seiner Taten einen fairen Prozess zu ermöglichen. Eine ganze Gesellschaft muss seinen Narzissmus ertragen, seinen Hitlergruß vor Gericht, sein Suhlen in der eigenen Wichtigkeit. Als Gegenspieler baut das Drehbuch, das auf dem preisgekrönten Roman "Einer von uns" von Åsne Seierstad beruht, Breiviks Opfer Viljar auf. Der Junge bereitet sich, obwohl schwerste Kopfverletzungen sein Leben bedrohen, gewissenhaft auf den Prozess vor, wo er aussagen will.

Das ist emotional überwältigend inszeniert. "22. Juli" wirkt aber auch durchaus berechnend in seinen Bemühungen, die Unfassbarkeit der Vorgänge in eine größere Erzählung vom Sieg der Gemeinschaft über das Böse zu übersetzen. Das radikalere Konzept von Erik Poppes "Utøya 22. Juli" wirkt da wie eine wichtige Ergänzung, gerade weil sein abruptes Ende nichts erklärt. Der Horror bleibt unvermittelt im Raum stehen.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes hies es, die Insel Utøya sei Oslo vorgelagert. Tatsächlich liegt die kleine Insel im Tyrifjord, etwa 30 Kilometer nordwestlich von Oslo.

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.