Schwangerschaftsdrama "Sprecht über dieses Thema!"

Schwangerschaftsabbruch im sechsten Monat? "24 Wochen", der einzige deutsche Film im Berlinale-Wettbewerb, wühlt das Publikum auf. Regisseurin Anne Zohra Berrached über einsame Entscheidungen.

Ein Interview von

Friede Clausz/ zero one film/ Berlinale

Zur Person
  • Vangelis Anthimos/ Beta Cinema
    Anne Zohra Berrached, 33, ist als Tochter einer Deutschen und eines Algeriers in Erfurt aufgewachsen. Sie arbeitete als Theaterpädagogin, bevor sie 2009 ihr Regiestudium an der Filmakademie Baden-Württemberg begann. 2013 drehte sie mit "Zwei Mütter" ihren ersten Langfilm. Ihrem Nachfolgewerk "24 Wochen" kommt nun die Ehre zu, als einziger deutscher Beitrag im Wettbewerb der Berlinale zu laufen.
SPIEGEL ONLINE: Frau Berrached, Sonntagabend feierte ihr Drama "24 Wochen" seine Premiere im Wettbewerb der Berlinale. Der Film lässt seine Heldin, aber auch sein Publikum grausam allein zurück.

Berrached: Wie meinen Sie das?

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen eine junge Frau, die vor der Entscheidung steht, ob sie aufgrund einer prognostizierten Schwerstbehinderung ihres ungeborenen Kindes die Schwangerschaft in der 24. Woche abbrechen lassen soll. Gesellschaftspolitische Überzeugungen, medizinische Beratung, familiärer Beistand - all das befreit die Frau nicht davon, allein mit sich über Leben und Tod zu entscheiden...

Berrached: ... und das ist das moralische Dilemma, das ich zeigen wollte. Das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper haben die Frauen vor uns hart erkämpft. Ein hohes Gut. Aber zusammen mit den neuen medizinischen Errungenschaften kann dieser Fortschritt uns auch vor unwägbar erscheinende Entscheidungen stellen. Wir müssen darauf achten, dass nicht nur geschieht, was technisch möglich ist, sondern das, was wir auch wirklich wollen.

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"24 Wochen" auf der Berlinale: Einsame Entscheidung

SPIEGEL ONLINE: Aber wie soll so eine Selbstbefragung stattfinden? Ihr Film zeigt, dass in der dramatischen Zeit nach einer Diagnose für ausgeruhte Abwägungen keine Zeit bleibt.

Berrached: Noch ein Dilemma. Die meisten schwangeren Frauen entscheiden sich für die Feindiagnostik, aber sie fragen sich zuvor nicht, was eigentlich die Konsequenzen sind, wenn sie bestimmte diagnostische Ergebnisse bekommen. Wir wollen alles wissen, aber was ist, wenn wir wissen? Was ist dann? Diese Fragen stellt der Film.

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SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Position zum Thema?

Berrached: Genau hier steckt die Schwierigkeit. Frauen, die sich aus streng religiösen Gründen gegen Schwangerschaftsabbrüche entscheiden, haben ein eindeutiges Regelsystem. Aber alle anderen müssen aus der Situation heraus abwägen. Wenn man über das Thema spricht, wie es wäre, ein behindertes Kind zur Welt zu bringen, ist es ja meist eher so, dass die Menschen sagen, das sei zu schaffen. Aber die Zahlen sprechen eine andere Sprache: 90 Prozent der schwangeren Frauen, bei deren Kindern Fehlbildungen diagnostiziert werden, entscheiden sich in der konkreten Situation nach der 12. Woche für den Schwangerschaftsabbruch. Die Frage lautet: Was ist gut für das Kind? Aber auch: Was ist gut für mich? Entscheidet man sich für das eine, entscheidet man sich möglicherweise gegen das andere.

SPIEGEL ONLINE: Wofür plädieren Sie also?

Berrached: Für gute Aufklärung. Für gut ausgebildete Ärzte und Psychologen. Dafür, dass diese sich Zeit nehmen... Es sind die vielen kleine Dinge, die mich interessieren, es ist keine politische Haltung, für die ich hier kämpfe. In meinem vorherigen Film war das anders. In "Zwei Mütter", ging es um zwei lesbische Frauen, die ein Kind bekommen wollen. Da war meine Haltung: Homosexuelle Paare haben das gleiche Recht auf Kinder wie heterosexuelle.

SPIEGEL ONLINE: Schon bei "Zwei Mütter" arbeiteten Sie mit dokumentarischen Elementen, nun gehen Sie noch einen Schritt weiter: Alle Ärzte, auf die ihre Heldin und ihr Mann bei ihrer Beratungsodyssee treffen, werden von realen Medizinern gespielt. Warum?

Berrached: Mir war größtmögliche Authentizität wichtig. Ich habe versucht, eine Atmosphäre zu schaffen, in der alle Ärzte so sprechen, wie sie es in entsprechenden Situationen tun. Ich wollte dass alles so real wie möglich wird.

SPIEGEL ONLINE: Der reale Geburtsmediziner in Ihrem Film, der Spätabtreibungen vornimmt, musste allerdings so gefilmt werden, dass man sein Gesicht nicht erkennen kann.

Berrached: Ja, Ärzte wie er sind viel Hass und Drohungen ausgesetzt. Stark finde ich: Der Arzt ist inzwischen so überzeugt von dem Film, dass wir seinen Namen im Abspann nennen dürfen. Er hat mir gerade eine Mail geschrieben, wie glücklich ihn das Projekt mache. Es geht mir darum, das Thema aus der Tabuzone zu holen, deshalb ist dieses Statement für mich ein Geschenk.

Video: Regisseurin Berrached über die Arbeit mit echten Ärzten

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SPIEGEL ONLINE: Ein Geschenk ist es aber auch, dass "24 Wochen" als einziger deutscher Beitrag im Wettbewerb der Berlinale läuft. Mehr Aufmerksamkeit für einen Film geht kaum. Angst vor aufreibenden Diskussionen?

Berrached: Angst?! Nein, überhaupt nicht. Ich gehe davon aus, dass der Film zum Teil auch auf Ablehnung stoßen wird. Er soll polarisieren, viele unterschiedliche Meinungen hervorholen, besprochen werden. Das mag ich. Schlimm wäre für mich, wenn er nicht berührt oder nicht bemerkt wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Geschichte in einem komischen Umfeld angesiedelt, die von Julia Jentsch gespielte Hauptfigur ist Kabarettistin. Wie kamen Sie darauf?

Berrached: Ich finde die Idee stark, dass die Hauptfigur die Menschen zum Lachen bringen muss, während sie diese schwierigen Entscheidungen für sich zu treffen hat. Außerdem wollte ich, dass sie eine öffentliche Figur ist, damit sie ihren Konflikt nach außen tragen kann. Zum Schluss äußert sie sich ja während eines Radio-Interviews. Die Botschaft: Sprecht über dieses Thema!



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insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
GinaBe 15.02.2016
1.
grundsätzlich denke ich, jedes Thema, auch von der noch so kleinsten minderheit kann einen Film füllen. Müssen jedoch IMMER, bei noch so tragischen Geschichten, die Rollen und Positionen kabarettistisch aufgearbeitet werden? Eine solche Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch allgemein und noch weniger im besonderen in dieser fortgeschrittenen Entwicklung des ungeborenen Babys kann einfach nicht komisch sein und auch die Überlegungen davor stelle ich mir keineswegs als amüsante Recherchen vor.
daten.waesche@gmail.com 15.02.2016
2.
ein Zitat aus Frisch "Homo Faber". Interessant, das diesen Film eine Ausländerin gemacht hat. Sie nähert sich vielleicht unwissentlich einer Thematik weiblichen Denkens. In dieser rationalen, sachlichen Welt sind solche Fragen nach Leben und Tod schwer und belastend. Besonders, weil Frauen nicht mehr ihre angestammte Weisheit haben. Das Reich der Mütter wurde geopfert. Ein Frau wird weise geboren, darum gilt sie im Orient als Halterin der Weisheit. In den noch existierenden Muttergesellschaften zeigt sich teilweise eine sehr krude Sexualität. Als ich meinen Film über die MUSU Mutterfamilie in Südchina machte, hat sich sofort eine der Frauen zum Sex angeboten. Frauen zu verstehen kann nicht gelingen, weil sie ihr Wissen aus dem Nichts haben. Heiligenfiguren haben sehr oft Totenköpfe in der Hand. Ihr Umgang mit dem Leben und dem Tod mutet fremd an und man muss die Sachlichkeit aufgeben können, wenn man das alles verstehen will. Sehr interessante Thematik. »Göttinnen thronen hehr in Einsamkeit, Um sie kein Ort, noch weniger eine Zeit; Von ihnen sprechen ist Verlegenheit. Die Mütter sind es!« Goethe, Faust II
spmc-129372683232763 15.02.2016
3. Was bei diesem schwierigen Thema
vlel zu wenig diskutiert wird :Wo endet letztendlich der Schutz menschlichen Lebens, wenn sein an sich beispiellos überragender Wert immer mehr mit individualistischen Argumenten realativiert wird?
pauleschnueter 15.02.2016
4. Von wegen 'Aber auch'
"Die Frage lautet: Was ist gut für das Kind?" Ich rate mal wild ins Blaue; nicht die Abtreibung, oder? Aber nicht falsch verstehen. Ich bin FÜR das Recht auf Abtreibung, da ich das Leben eines Erwachsenen für genauso wertvoll erachte wie das Leben eines Ungeborenen. "Aber auch: Was ist gut für mich". Von wegen 'Aber auch'. Darum geht es bei der Thematik nur. Aus eigenem Bekanntenkreis: junge Frau, depressiv, bekommt Kind nur um einen Mann, mit dem sie eine Affäre hatte, an sich zu binden. Nur besitzen wollen und er hatte dabei keine Wahl. Das Kind liebt sie nicht, den Mann liebt sie nicht. Denn SIE hat ja die Regeln gebrochen und aus einem harmlosen Spaß Ernst werden lassen. Drei Familien hat das nachhaltig beschädigt.
Krefey 15.02.2016
5. Ausländerin?
@daten.waesche@gmail.com, #2 wieso interessant, dass den Film eine Ausländerin gemacht habe? Selbst wenn beide Eltern im Ausland geboren, die Regisseurin aber in Deutschland geboren und aufgewachsen wäre, wäre die für mich genau so deutsch, wie Franz Beckenbauer oder Angela Merkel oder (Achtung!) Philipp Rösler. Und auch bei im Ausland geborenen, zu gezogenen, gut integrierten und dann eingebürgerten Menschen fände ich das Wort Ausländer gänzlich unpassend. Bei einer deutschen Mutter noch von Ausländerin zu sprechen, finde ich einigermaßen daneben. Die Frau ist Deutsche und sonst gar nichts. Zum Thema: interessanter Film, werde ich mir demnächst mal anschauen.
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