25 Jahre "Blade Runner" "Ich war am Boden zerstört"

Ein machtloser Held in düsterer Zukunft: "Blade Runner" gilt als Klassiker des Genre-Kinos. 1982 sah man das anders: Der Film floppte. Regisseur Ridley Scott wird im SPIEGEL-ONLINE-Interview noch mal richtig sauer deswegen - auch auf seine Kritiker.


SPIEGEL ONLINE: Soeben ist "Blade Runner" in einer von Ihnen komplett neu bearbeiteten Version auf DVD erschienen. Ist es der Traum oder der Alptraum eines Regisseurs, wieder an einem 25 Jahre alten Film zu arbeiten?

Scott: Ein Alptraum ist es zumindest nicht. Es gibt ja Menschen, die für mich arbeiten und die ganz genau wissen, was ich will. Ich gebe mein Okay oder mache hier und da Vorschläge. So nach dem Motto: da etwas heller, dort etwas dunkler. Insgesamt war ich vielleicht noch einmal ein Jahr mit "Blade Runner" beschäftigt.

SPIEGEL ONLINE: Was ruft der Film in Ihnen hervor, wenn Sie ihn heute sehen?

Scott: Die Periode meines Lebens, in der ich ihn gedreht habe, wird lebendig. Ich war damals sehr erfolgreich als Werbefilmer. Extrem erfolgreich sogar. Ich habe so viel Geld verdient, dass ich meinen ersten Film "The Duellists" finanzieren konnte. Und gleich danach kam "Alien".

SPIEGEL ONLINE: Ein ganz ordentlicher Start in eine Filmkarriere.

Scott: Nicht übel, finde ich auch. Ich ging dann nach Hollywood, weil ein Freund mir angeboten hatte, ein Drehbuch mit dem Titel "Dangerous Days" zu verfilmen, das auf der Geschichte "Do Androids Dream of Electric Sheep?" von Philip K. Dick basierte. Zunächst lehnte ich ab. Nach "Alien" hatte ich keine Lust auf noch mehr Science Fiction. Trotzdem habe ich mich noch einmal mit den Leuten getroffen. Wir hatten ein sehr lustiges und kreatives Wochenende. Und so sagte ich zu.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Harmonie war von kurzer Dauer.

Scott: Das Problem war das Geld. Das ursprüngliche Drehbuch von "Blade Runner" spielte in einem Wohnblock-Apartment. Ich wollte aber die ganze Stadt zeigen - und so meine Vision der Zukunft. Die sollte absolut glaubwürdig sein. Und so wuchs und wuchs das Script und damit das Budget. Mein Produzent wurde wahnsinnig, blieb aber dabei - bis kurz vor Schluss. Er konnte einfach nicht mehr, und seine Nachfolger stiegen ein.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel hat der Film damals eingespielt?

Scott: So gut wie nichts. Er kostete 22 Millionen Dollar, spielte aber nicht einmal die Produktionskosten wieder ein. Er war teuer, aber nicht unverschämt teuer. Das war zwei Jahre nach dem grandiosen Hollywood-Debakel "Heaven's Gate", der 40 Millionen verschlungen hatte. Wir befanden uns also gepflegt in der mittleren Kostenebene.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das als persönliches Versagen erlebt?

Scott: Ich war vor allem enttäuscht. Der Film lief aber in Europa ganz ordentlich, vor allem in Frankreich. Die Franzosen sind sehr kultivierte Kinogänger und verstehen Filme oft vor dem Rest der Welt. Und ich bekam viel Post von Fanatikern, Kinofreaks und Spezialisten. Aber das ist nicht dein Zielpublikum, wenn du einen Film für 22 Millionen Dollar machst. Da hast du das ganz große Publikum im Visier. Und in dieser Beziehung habe ich versagt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Niederlage verarbeitet?

Scott: Das war meine erste große, schlimme Enttäuschung, ich war am Boden zerstört. Aber ich bin aufgestanden und habe versucht, den Kopf freizubekommen. Mein Mantra war: Es ist doch nur ein Film, es ist doch nur ein Film.

SPIEGEL ONLINE: Erinnern Sie sich an die Kritiken nach der Premiere?

Scott: Oh ja. Die Chefkritikerin des "New Yorker" hat mich in der Luft zerrissen. Sie investierte ganze zweidreiviertel Seiten, um mich in Grund und Boden zu schreiben. Dabei wurde sie sehr persönlich, was mich sehr wütend machte. Ich schrieb dem Herausgeber einen Brief.

SPIEGEL ONLINE: Und drohten ihm Prügel an?

Scott: Nicht ganz. Ich wollte wissen, warum ein renommiertes Medium wie der "New Yorker" beinahe drei Seiten der Hinrichtung eines Regisseurs widmet. Die hätten mich ja schlicht ignorieren können, wenn ich tatsächlich so unterirdisch gearbeitet hätte. Ich warf ihnen vor, kontraproduktiv zu sein. Filmkritiker sollen den Lesern Lust aufs Kino machen und sie nicht vergraulen.

SPIEGEL ONLINE: Der Titel "Kritiker" impliziert doch auch Kritik, oder?

Scott: Aber wenn die Menschen nicht mehr ins Kino gehen, hätte der Kritiker nichts mehr zu kritisieren, oder?

SPIEGEL ONLINE: Sie überschätzen die Macht der Journalisten. Haben Sie diese Kritikerin später persönlich getroffen?

Scott: Glücklicherweise nie.

SPIEGEL ONLINE: Mit Harrison Ford hatten Sie einen großen Star an Bord, dennoch blieb das Publikum weg. Warum?

Scott: Ich glaube, die Fans eines Stars vom Kaliber Harrison Fords wollten damals ihren Helden nicht auf Frauen schießen sehen oder erleben, wie er verprügelt wird. Rick Deckard in "Blade Runner" ist ja ein machtloser Held, der sich an einem gewissen Punkt sogar selbst aufgibt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie außer an sich selbst auch an Ihrem Publikum gezweifelt?

Scott: Ja, häufig. Aber ich habe stets daran geglaubt, dass das Publikum sich weiterentwickelt. Im Moment bin ich gerade etwas skeptisch. Unsere Kinder verlernen grundlegende Fähigkeiten, um selbst kreativ zu sein. Sie sehen fern oder spielen Videospiele. Ich dagegen finde nichts daran verkehrt, mal ein gutes Buch in die Hand zu nehmen oder Buntstifte und Zeichenpapier. Damit betritt man den größten Kinosaal der Welt: das Gehirn.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man sich den Film heute ansieht, wirkt er immer noch modern. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Scott: Der Film war seiner Zeit weit voraus, er hat viele Regisseure inspiriert, die mit ähnlichen Sujets später enorm erfolgreich waren, die Wachowski-Brüder und ihre "Matrix"-Trilogie zum Beispiel. Zudem haben wir viele Themen verarbeitet, die im Kino erst viel später relevant werden sollten: Umweltverschmutzung, globale Erwärmung, Überbevölkerung, die genetische Reproduktion von Lebewesen. Damals fand das Publikum das wohl viel zu düster und deprimierend.

Das Interview führte Christian Aust


Zum 25-jährigen Jubiläum von "Blade Runner" ist am 18.12. der "Ultimate Cut" auf DVD erschienen (Warner Bros)



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