25 Jahre "Dirty Dancing": "Da kamen wohlerzogene jüdische Mädchen"

Von Christoph Twickel

Klar, den Titelsong kennt jeder - "(I've Had) The Time of My Life"! Aber wer erinnert sich an die Tanzmusik in "Dirty Dancing"? Fast niemand. Leider. Denn der Film erzählt nicht nur von der Romanze zwischen Baby und Johnny, sondern auch von der Liebe US-amerikanischer Juden zu Latino-Klängen.

25 Jahre Dirty Dancing: Tanz mit mir. Hier? Hier. Fotos
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Es gibt eine wahre Geschichte hinter der Romanze zwischen dem Teenie-Mädchen Frances "Baby" Houseman und dem Tanzlehrer Johnny, von der "Dirty Dancing" erzählt. Glaubt man der Drehbuchautorin Eleanor Bergstein, ist es ihre eigene - die Geschichte der ersten großen Liebe, die die Tochter eines jüdischen Arztes aus Brooklyn erlebte. Und als jüdische "teenage mambo queen" war sie vermutlich kein Einzelfall.

Denn die jüdische Nachfrage nach Ferien-Mambos und -Cha-Cha-Chas schuf über Jahre hinweg die ökonomische Basis, auf der die New Yorker Latin-Szene wachsen konnte, um schließlich als Salsa international zu reüssieren. Der Ort, an dem die Zutaten und Rezepte ausprobiert wurden, die-die Latin Music-Begeisterung in New York explodieren ließ, waren die Catskill Mountains in Upstate New York. Und "Dirty Dancing", der vor genau 25 Jahren in die deutschen Kinos kam, gebührt das Verdienst, von diesem auch "Borscht Belt" genannten jüdischen Feriengebiet zu erzählen - wenn auch musikgeschichtlich nicht besonders exakt und ästhetisch mainstreamisiert.

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North Carolina: Dirty Dancing am Lake Lure
Zur musikhistorischen Wahrheit: In den unzähligen Hotels der Catskills fanden die Mambo-Bigbands und Conjuntos aus New York seit den Vierzigern langfristige Engagements. Große Namen wie Tito Puente, Machito & his Afro-Cubans oder Tito Rodriguez spielten in großen Hotels wie dem Grossinger's, dem historischen Vorbild des Kellerman's in "Dirty Dancing". Kleinere Häuser begnügten sich mit Conjuntos von José Curbelo oder Eddie Palmieri's La Perfecta - mit Piano, Bass, Congas, Timbales, zwei Trompeten oder Posaunen und einem oder mehreren Sängern. Eine solche Formation ist auch die des afrolatinischen Bandleaders Tito Suarez. Sie spielt in "Dirty Dancing" zwar auch Foxtrott oder Swing-Standards, heizt aber vor allem mit Mambo, Cha-Cha-Cha oder Merengue den vorwiegend jüdischen Familienurlaubern ein.

"Drei Wochen, um deine Hand in den Büstenhalter zu bekommen"

Die jüdische Leidenschaft für den Mambo war dabei mehr als ein oberflächliches Ferienvergnügen. Sidney Siegel, jüdischer Geschäftsmann aus East Harlem gründete mit Seeco Records das wichtigste Latin-Plattenlabel der Fünfziger. Auch die Konkurrenten Alegre und Tico entstanden mit jüdischer Beteiligung. Und drei der wichtigsten Salsa-Musiker der Sechziger und Siebziger lernten ihr Handwerk in den Catskills: die Posaunisten Mark Weinstein und Barry Rodgers sowie der Pianist und Bandleader Larry Harlow.

"Ich habe mit 14 Jahren zum ersten Mal in den Catskills gespielt", erinnert sich Harlow, der in Lateinamerika bis heute unter dem Beinamen "El Judío Maravilloso" ("Der wunderbare Jude") bekannt ist: "Die jüdischen Leute waren versessen auf afrokubanische Musik, sie sind nach Havanna gefahren und haben sich angeschaut, wie man den Mambo tanzt. In die Catskills kamen die wohlerzogenen jüdischen Mädchen, da brauchtest du drei Wochen, um deine Hand in den Büstenhalter zu bekommen. Wir waren Mambonicks, verrückte College-Kids, die die Musik liebten und Mädchen kennenlernen wollten."

"Mambonick" wurde zum Synonym für jüdische Mambo-Tänzer. Und es gab auch die jüdischen Musiker, die in den Fünfzigern afrokubanische Genres wie Mambo, Cha-Cha-Cha, Son, Son Montuno oder Guaguanco studierten. "Uns faszinierte es, wie diese Jungs - Amerikaner und Juden -, die nichts mit unserer Idiosynkrasie zu tun hatten, unsere Musik spielten", erinnert sich Cheo Feliciano, Sänger des Joe Cuba Sextet und späterer Salsa-Star.

Auf der Ebene der sozialen Hierarchie betrachtet, war die jüdische Mambomania eine Liebesbeziehung zwischen einer weitgehend in die US-Mehrheitsgesellschaft integrierten, quasi-"weißen" Gruppe zu der Musik einer migrantischen, in der Rassenlogik der US-Gesellschaft "schwarzen" Gruppe.

Und nächstes Jahr der nächste Tanz!

Die jüdische Bevölkerung in den USA galt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs tendenziell nicht mehr als 'andere Rasse'. Der "Mambo King" Tito Puente hingegen, Jahrgang 1923, ein hellhäutiger New Yorker mit puerto-ricanischen Eltern, war laut Geburtsurkunde ein "negro". Der Ethnologe und Kulturwissenschaftler Josh Kun argumentiert, dass Latin Music für die Juden der Fünfziger eine Art Soundtrack für den Übergang vom Anders-Sein zum Weiß-Sein war: "Latin Music bot Juden die Möglichkeit, im Rahmen einer amerikanischen Monokultur ethnisch einzigartig zu bleiben, ohne sich ausschließlich als jüdisch darstellen zu müssen. (…) Latin Music war Outsider-Musik, aber es war nicht ihre Outsider-Musik, was sie zu einem außerordentlich komfortablen Ort machte, weil sie Juden erlaubte, drinnen und draußen zugleich zu sein."

Umgekehrt war für die lateinamerikanisch-migrantisch geprägten Musiker der Erfolg beim jüdischen Ferienpublikum in den Catskill Mountains ein Gradmesser dafür, ob eines ihrer Genres - also ein für weiß-amerikanische Ohren und Körper exotischer Sound - es bis zum Modetanz schaffen könnte. Eine Manie wie mit dem Mambo oder dem Cha-Cha-Cha zu kreieren und damit in den weißen Mainstream zu kommen - das war das Erfolgsversprechen, seit der Kubaner Perez Prado mit seinen Mambos in den Vierzigern die US-Tanzschulen erobert hatte.

"Ohne Publikum, das Geld war egal"

Auch davon erzählt "Dirty Dancing", zumindest andeutungsweise: Weil Modetänze saisonal erneuert werden müssen, teasern die Musiker und Tänzer des Kellerman's den mutmaßlichen dance craze der kommenden Feriensaison schon mal an: "I'd like to shape things up a bit, you know, move with the times", erklärt Neil Kellerman, der Neffe des Hotelbesitzers zum Ende des Films. "You always dance the Mambo. Why not dance this years final dance to the Pachanga?" Die Pachanga gab es wirklich. Sie war einer von vielen - mehr oder minder erfolgreichen - Versuchen, den US-Mainstream mit neuen Latin-Rhythmen zu infizieren: der Wobble, der Wa-pa-chá, der Boogaloo ... und dann?

Dann kamen die Beatles, der Vietnamkrieg, Flower Power, Black Panther und die Civil Rights Movements. Eine andere Ära begann. Für die Latin Music sind die Jahre ab Mitte der 1960er gekennzeichnet durch eine Hinwendung zur eigenen community und zu den afrikanischen und karibischen roots. Statt sich weiter in dem Versuch aufzureiben, dance crazes und novelty hits für die weiße Mehrheitsgesellschaft zu produzieren, verwandelten sich Protagonisten wie Ray Barretto, Eddie Palmieri, Joe Cuba - aber auch der "Judío Maravilloso" Larry Harlow: Aus Unterhaltungsmusikern im Anzug, die in den Catskills zum Tanz aufspielten, wurden langhaarige Superstars der barrios von Nu Yorica.

Für diese Transformation vom gefälligen Dienstleister zum Fäuste ballenden community hipster waren die Hotels in den Catskills Brut- und Experimentierstätten. Die Musiker trafen sich nach Arbeitsschluss im Salon des Hotel Schenck's, in dem Larry Harlow in den frühen Sechzigern engagiert war, um "Descargas" zu spielen - hochspirituelle Jams, in denen die Instrumentalisten ihrer Improvisierfreude freien Lauf lassen. "Das ging bis vier oder fünf Uhr morgens. Ohne Publikum, das Geld war egal, wir wollten nur spielen", erinnert sich Cheo Feliciano, und Larry Harlow ergänzt: "Das war wie eine Schule, wir haben dort gelernt, mit neuen Sounds und Strukturen experimentiert und mit Jazzelementen, die wir über die Latin-Rhythmen legten."

Auf diese Weise machten die Musiker die touristische Dienstleistungs-Maschine der Catskills zum Geburtsort des neuen Sounds: Hier entstand jene urbane, politisch und spirituell aufgeladene community music der späten sechziger Jahre, die in den Siebzigern unter der Bezeichnung Salsa - ein Marketingbegriff des Plattenlabels Fania - international Karriere machen wird.


Wir entnehmen diesen Text in einer gekürzten Fassung dem Sammelband "Ich hatte die Zeit meines Lebens. Über den Film 'Dirty Dancing' und seine Bedeutung" (herausgegeben von SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin Hannah Pilarczyk), der soeben im Verbrecher Verlag erschienen ist.

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1. Nach Havanna gefahren
Geisterkarle 08.10.2012
... und wie üblich wurde der ursprüngliche Tanz angepasst, so dass man heutzutage meistens den New York Style tanzt und die Kubanische Version eher eine "Randerscheinung" ist, die in "gewöhnlichen" Tanzschulen nur sehr sehr selten gelehrt wird. Das kennt man u.a. auch vom Tango Argentino, der erst in seiner englischen Version zum Standardtanz wurde. Nicht falsch verstehen, das muss nicht schlechtes sein, aber man sollte mal bei all dem Tanzhype darauf hinweisen, dass hier die Originaltänze "verwestlicht" wurden. Beim Tango war es ja die Prüderie Anfang des 20. Jahrhunderts, die den doch sehr eng getanzte Argentino Version verändert hat. Beim Salsa möglicherweise eher wenig, da zu der Zeit die Welt doch ein wenig offener war. Dafür ist der New York Style eher strukturiert und direkt; nicht umsonst tanzt man ihn auf Linie! Gebe zu, ich tanze auch New York und finde den auch geschickter, um die Frau zu führen, aber ich muss der Kubanischen Originalversion zugestehen, dass da einfach mehr Feuer und Leidenschaft ist! Am meisten Erotik ist mmn ja im Rumba, aber wer hört schon auf mich ;)
2. NY- vs. Cuban Style
Sandygirl 08.10.2012
Also ich bin auch NY-Style Fan. Ob das eine aber besser als das andere ist bezweifle ich. Und aus meiner Erfahrung aus Londeon weiss ich, dass beide Versionen fest gleich auf liegen. (Es gibt da noch ein paar Varianten, wie LA-Style, die ich aber gerne großzügig dem NY-Style zuzähle.) Was die Qualität der deutschen Tanzschulen betrifft, kann man sicher geteilter Meinung sein. Salsa würde ich lieber in der Salsa-Bar lernen... ;)
3. Style?
dosmundos 08.10.2012
Wen interessiert der Tanzstil - Hauptsache, die Musik ist gut! Aber im Ernst: interessanter Artikel. Ich hatte zwar schon mal etwas von dem "Catskills-Einfluss" auf die frühen Latin-Combos gehört, dass das aber ein überwiegend jüdisches Ding war, ist mir neu. Außerdem: wer erinnert sich an die Tanzmusik in "Dirty Dancing"? Ja, ist ja doch wohl keine Frage für die Fans!
4. @Geisterkarle
eric111 08.10.2012
Was verstehst du unter gewöhnlichen Tanzschulen? Deutsche Tanzschulen? Kann man die als Maßstab dafür hernehmen, welcher Salsa-Stil allgemein getanzt wird? Ob Kubanisch, NY oder Puerto Rico. Alle haben ihre Berechtigung und Salsa tanzen ist bestimmt nicht nach ADTV-Art und die Salsa-Szene weltweit zieht auch andere Stile wie Bachata, Merengue, Reggaetón oder neuerdings Kizomba mit ein. Salsa wird von vielen erstklassigen Tänzern und Lehrern vor allem aus Kuba, Venezuela und dem ganzen lateinamerikanischen Raum vermittelt, weiterentwickelt und modernisiert. Der NY-Style kommt ja auch nicht von New-Yorkern, sondern von Latinos, die dort ihr Glück versucht haben. Aber man sollte sich nicht zu sehr versteifen, denn heutzutage tanzt man Salsa viel eleganter, schneller und moderner. Die aktuellen Salsa-Weltmeister und internationalen Größen haben jedenfalls mit Tanzschultänzen wenig am Hut.
5. @Sandygirl
eric111 09.10.2012
Da kann ich dir nur voll zustimmen. Was besagte Qualitäten betrifft ist es oft so, dass eigentlich nur Lateinamerikaner wirklich höchstes Salsa-Niveau lehren (also sehr weitgehende Fortgeschrittenenkurse über Jahre bedienen), diese aber leider in ihrer Zeit in Deutschland auf dem Stand ihrer Ankunft stehengeblieben sind und sowohl von der Musikauswahl als auch vom Stil veraltet sind. Man tanzt nicht mehr Machoman, Salsa ist ein toller sehr moderner Tanz mit vielen Facetten und Sinnlichkeit steht der Choreographie nicht im Wege. Du hast Erfahrung in London gesammelt, ich in Málaga. In den Salsaclubs dort sind einige der besten Salsatänzer überhaupt zu finden, z.B. zweifache Vize-Europameister, der Weltmeister in Salsa-Soloschritten und in regelmäßigen Abständen kommen auch Adrian und Anita, die 5-fachen Salsa-Weltmeister, um die Szene aufzumischen und Workshops zu geben oder einfach nur um zu tanzen. Das kann man nicht mit Deutschland vergleichen. Und erst recht nicht mit Tanzschulniveau. Alleine die Musik ist schon aktueller, die Stimmung positiver, die Möglichkeiten, jeden Tag in authentischem Ambiente Salsa zu tanzen sind unbegrenzt und die meisten Lehrer geben ihre Geheimnisse im Unterricht weiter, so dass man Salsa verstehen lernt. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Elemente aus Kuba, NY, Puerto Rico, LA, Málaga, Cali oder Caracas stammen. Man weiss zwischen Mambo, On2 nach vorne oder zurück, On1, Rueda oder Africando zu unterscheiden, ohne von vornherein Stile auszuschließen. Der Abend ist lang. Will man da immer das gleiche tanzen? Zu allen Songs?
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