3-D-Märchen "Hugo Cabret": Kleiner Held, großer Bahnhof

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Traumhafte Liebeserklärung an die Magie des Kinos: Mit seinem turbulenten Märchen "Hugo Cabret" setzt Martin Scorsese dem Erfindungsreichtum der ersten Filmpioniere ein hinreißendes Denkmal. Konsequenterweise in 3D gedreht, ist der Film mit elf Nominierungen großer Favorit der diesjährigen Oscar-Verleihung.

DPA/ Paramount Pictures

Ein Bahnhof, natürlich. Kaum ein anderes Bild taugt besser zur Illustration der Moderne als das betriebsame Zusammenspiel zwischen mächtigen, auf blitzenden Gleisen schnaufenden Dampfloks und emsig umherlaufenden Reisenden unter den aus Stahl geformten Kathedralen der Mobilität. 1895, in einer der ersten Kinovorführungen überhaupt, zeigten die Brüder Louis und Auguste Lumière einen Stummfilm, in dem ein Zug in den Bahnhof von La Ciotat einfährt. Einer hartnäckigen Legende zufolge geriet die Präsentation der beiden Ingenieure mit ihrem eigens erfundenen Cinematografen zum Desaster, weil ein Teil des erlesenen Publikums noch während der Film lief, aus dem Pariser Café stürmte: Die Menschen dachten angeblich, der Zug auf der Leinwand würde tatsächlich auf sie zurasen und sie erfassen. Ein schönes Märchen, das viel über die suggestive Macht des Kinos erzählt.

Mehr als 115 Jahre nach den Lumières muss es nun also wieder ein Bahnhof sein, der die Entwicklung dieses phantastischen Mediums Film auf hinreißende Weise reflektiert und würdigt. Als Grundlage für sein ungewöhnlich schwärmerisches Kinomärchen diente Martin Scorsese das Kinderbuch "Die Entdeckung des Hugo Cabret" von Brian Selznick, passenderweise ein Nachfahre des legendären Hollywood-Moguls David O. Selznick, der unter anderem "Vom Winde verweht" produzierte.

Hugo ist ein Waisenjunge, der in den dreißiger Jahren im riesigen Uhrenturm des Pariser Bahnhofs Montparnasse lebt. Sein Tagewerk besteht darin, die zahlreichen kleinen und großen Gewerke zu warten, Zahnräder, Bolzen und Federn zu ölen, damit die große Maschine nie stillsteht. Natürlich ist auch das eine Metapher fürs Kino, wo Timing alles ist und das exakte Zusammenspiel einer Armee von Statisten, Technikern und Akteuren in stundenlanger Arbeit dafür sorgt, dass eine Minute Film phantastisch aussieht und die perfekte Illusion von Realität entsteht.

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"Hugo Cabret": In der Maschine brennt noch Licht
Allein schon der Auftakt von "Hugo Cabret" ist ein grandioses Verwirrspiel für die Sinne: Der Film eröffnet mit einer Totalen von Paris, doch die Seine-Metropole ist nur gemalt und digital animiert. Die Kamera gleitet zielstrebig auf den Bahnhof zu, ebenfalls eine Komplettanimation, in den Uhrenturm hinein, auf das enorme Ziffernblatt, wo, von hoch oben aus einer Luke spähend, Hugo wie der Regisseur seines eigenen Films dem Treiben der Reisenden zusieht. Dann verfolgen wir den Jungen beim Abstieg, und in dieser furiosen Sequenz, die an die Anfangsszene von "Gangs of New York" erinnert, verknüpft Scorsese sein bisheriges, von Realismus und Gewalt geprägtes Werk mit dem artifiziellen Charakter seines Cineasten-Märchens.

Alles, was dem kleinen Hugo (Asa Butterfield) von seinem Vater (Jude Law), einem Uhrmacher, der bei einem Unfall ums Leben kam, geblieben ist, ist eine mechanische Puppe, ein sogenannter Automaton, der allerdings kaputt ist. Hugos sehnlichster Wunsch ist es, der Maschine wieder Leben einzuhauchen, denn der Roboter hält eine Schreibfeder in der Hand, und Hugo glaubt fest daran, dass er eine Nachricht von seinem Vater erhielte, wenn die Eisenpuppe nur wieder in Gang käme. Die feinmechanischen Teile für die Reparatur stiehlt er in einem kleinen Spielzeugladen, wenn dessen Besitzer (Ben Kingsley) mal wieder eingenickt ist.

Einmal jedoch erwischt ihn der griesgrämige Mann auf frischer Tat und konfisziert das Notizbuch mit den Konstruktionszeichnungen von Hugos Vater. Gleichzeitig stellt der Junge fest, dass ausgerechnet Isabelle (Chloë Grace Moretz), die Enkeltochter des Ladenbesitzers, jenen herzförmigen Schlüssel besitzt, den er zur Reanimation des Automatons benötigt.

Zwischen Hugo und Isabelle entstehen zarte Bande, vor allem auf kultureller Ebene: Sie zeigt ihm ihren Lieblingsbuchladen im Bahnhof, er nimmt sie mit ins Kino, um Harold Lloyds "Safety Last!" zu sehen, einen der letzten großen Stummfilme, in dem Lloyd in schwindelerregender Höhe an einem riesigen Ziffernblatt hängt.

Von einer Ikone des Kinos zur nächsten: Denn als die Kinder den Schlüssel ausprobieren, malt das mechanische Männlein das Bild eines Mondes, dem eine Raumkapsel mitten ins rechte Auge gerast ist, was dem armen Erdtrabanten eine dicke Träne abverlangt. Es ist die prägnanteste Szene aus dem Science-Fiction-Klassiker "Le voyage dans la lune", den der französische Filmemacher Georges Méliès 1902 drehte. Zusammen machen sich Hugo und Isabelle auf die Suche nach Méliès, der als verschollen gilt.

Slapstick ist nicht seine Stärke

Kinokenner wissen natürlich, dass Méliès, bankrott und verbittert, seit den zwanziger Jahren einen kleinen Laden für Süßigkeiten und Spielzeug im Bahnhof von Montparnasse betrieb und mit seiner Enkelin Madeleine Malthête-Méliès sowie seiner langjährigen Geliebten Jeanne d'Alcy zusammenlebte. Im Gegensatz zu den Lumières, die sich als Dokumentaristen begriffen, sah sich der ehemalige Magier Méliès dazu berufen, die Träume, das Phantastische auf die Leinwand zu bannen. Liebevoll collagiert Scorsese in "Hugo Cabret" nun die in den vergangenen Jahren aufwendig restaurierten Frühwerke des Kinopioniers und zeigt, wie Méliès mit kaum mehr als ein paar bunten Kulissen, Kostümen und Requisiten sowie einem Team findiger Helfer und Darsteller die exotischsten Schauplätze zum Leben erweckte.

Dass Scorsese seine Verbeugung vor dem Erfindungsreichtum der Kinoväter ausgerechnet in 3D drehte, sollte nur auf den ersten Blick irritieren: Wie könnte man sich treffender vor der Phantasie eines George Méliès verneigen als mit Hilfe der mordernsten Illusionstechnik, die Hollywood zu bieten hat? "Hugo Cabret" ist ein Wunderwerk, das alle Register der Maschinerie zieht, die Kino zu einem der staunenswertesten Kulturmedien gemacht haben: Kaum etwas an diesem 170 Millionen teuren Film ist echt, die meisten Kulissen sind digital oder wurden liebevoll gezeichnet. Vor dieser großen Illusion entwickelt sich eine Geschichte, die sehr real das Herz erwärmt - eine über die Suche nach Familie und Zugehörigkeit.

Es ist auch ein Teil von Martin Scorseses eigener Geschichte, die hier erzählt wird: Als Kind litt der Regisseur an Asthma und war oft bettlägerig, also dazu verdammt, die Welt von seinem Kinderzimmer aus zu betrachten - so wie Hugo das Leben auf dem Bahnhof von seiner Zeitmaschine herab bestaunt. Später rettete sich der einsame, kränkliche Marty ins Kino, wo er lernte, wie man Tagträume sichtbar machen kann.

Einiges an "Hugo Cabret" ist ein wenig arg dick aufgetragen, etwa wenn Hugo eines Nachts träumt, ein Zug würde mit spektakulärem Getöse durch die Wand des Sackbahnhofs rasen - womit die Angst der ersten Lumière-Zuschauer also manifest würde. Und auch die Slapstick-Elemente, in denen ein linkischer Bahnhofspolizist, gespielt von Brachialkomiker Sacha Baron Cohen, sich einer hübschen Blumenverkäuferin annähern will, gehören nicht zu Scorseses Stärken.

Dennoch wurde dieses bezaubernde Märchen über die Kindertage des Kinos zu Recht mit elf Oscar-Nominierungen bedacht. Dass mit dem Stummfilm "The Artist" ein weiterer Film, der die Pionierzeit des Films feiert, zu den Favoriten dieses Oscar-Jahrgangs gehört, mag der allgemein grassierenden Nostalgie geschuldet sein. An der Hingabe und Begeisterung, mit der Scorsese den Begründern seines Handwerks ein Denkmal setzt, kratzt dieser zeitgeistige Zufall nicht. In der großen Maschine Kino - mag sie oft auch als überkommerziell und seelenlos gescholten werden - brennt noch Licht.

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1. Scorsese dreht ...
Tom Joad 07.02.2012
... also mal wieder ohne di Caprio - dann könnte es ja durchaus etwas werden. Der Beschreibung nach hätte ich den Film aber lieber von Terry Gilliam gesehen. Scorsese sollte sich an Mafiafilme (Good Fellas) und Einzelgängerdramen (Taxi Driver) halten, da weiß man, was man hat.
2.
DavidG80 07.02.2012
Zitat von sysopEiniges an "Hugo Cabret" ist ein wenig arg dick aufgetragen, etwa wenn Hugo eines Nachts träumt, ein Zug würde mit spektakulärem Getöse durch die Wand des Sackbahnhofs rasen
Das mag "dick aufgetragen" wirken, ist aber wirklich passiert, nämlich im Jahre 1895... Dass es im Film (im Gegensatz zur Vorlage) nur als Albtraum gezeigt wird, kann also durchaus als Untertreibung gelten!
3. 3D-Made in Germany
troll1 07.02.2012
Zitat von sysopTraumhafte Liebeserklärung an die Magie des Kinos: Mit seinem turbulenten Märchen "Hugo Cabret" setzt Martin Scorsese dem Erfindungsreichtum der ersten Filmpioniere ein hinreißendes Denkmal. Konsequenterweise in 3D gedreht, ist der Film mit elf Nominierungen großer Favorit für die Oscars. 3-D-Märchen*"Hugo Cabret": Kleiner Held, großer Bahnhof - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,813650,00.html)
Leider hat der (Hamburger) Spiegel-Autor völlig die Tatsache unter den Tisch fallen lassen, dass die gesamten Visual Effects dieses Films aus "Wir können alles außer Hochdeutsch" stammen, sprich von ehemaligen Absolventen der Filmhochschule Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Als ehemaliger Hamburger und "Neigschmeckter" Ludwigsburger wäre zumindest stolz wie Bolle auf einen Animations-Oscar made in Germany bei den diesjährigen Academy-Awards.
4. Ja, wisst Ihr denn nicht...
keinguternamemehrfrei 07.02.2012
Zitat von DavidG80Das mag "dick aufgetragen" wirken, ist aber wirklich passiert, nämlich im Jahre 1895... Dass es im Film (im Gegensatz zur Vorlage) nur als Albtraum gezeigt wird, kann also durchaus als Untertreibung gelten!
... dass der Spiegel solche Sachen immer, aber auch immer besser weiß als alle anderen. Hier ist der Beweis: "Ein schönes Märchen, das viel über die suggestive Macht des Kinos erzählt." Der Spiegel-Schreiber sagt, das ist nur ein schönes Märchen - also ist das auch so. Punkt.
5. Ja,
keinguternamemehrfrei 07.02.2012
Zitat von sysopTraumhafte Liebeserklärung an die Magie des Kinos: Mit seinem turbulenten Märchen "Hugo Cabret" setzt Martin Scorsese dem Erfindungsreichtum der ersten Filmpioniere ein hinreißendes Denkmal. Konsequenterweise in 3D gedreht, ist der Film mit elf Nominierungen großer Favorit für die Oscars. 3-D-Märchen*"Hugo Cabret": Kleiner Held, großer Bahnhof - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,813650,00.html)
wir lieben solches Kino. Wunderschön fotografiert, traumhafte Effekte, eindrucksvoll, aber nicht drastisch und aufdringlich. Und trotzdem ist es eine platte Arbeit, die Scorsese und Depp da abgeliert haben. Vorhersehbar und schematisch. Und über den Cohen überhaupt noch Worte zu verlieren, ist schon zu viel der Ehre. Den da mit reinzunehmen - Ben Kingsley und die anderen arrivierten Schauspieler stehen da ja drüber. Aber vor allem für die beiden jungen Schauspieler ist das eine Kränkung.
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Hugo Cabret

USA 2011

Originaltitel: Hugo

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: Peter Logan

Darsteller: Asa Butterfield, Ben Kingsley, Jude Law, Sacha Baron Cohen, Chloë Grace Moretz, Ray Winstone, Emily Mortimer, Michael Stuhlbarg

Produktion: GK Films, Infinitum Nihil, Warner Bros.

Verleih: Paramount

Länge: 126 Minuten

FSK: 6 Jahre

Start: 9. Februar 2012

Offizielle Website zum Film