3-D-Trickabenteuer "Rio" Survival of the Softest

Darwinismus für Anfänger: In dem Papageien-Abenteuer "Rio" muss sich ein Käfighocker in der freien Wildbahn der Zuckerhut-Metropole behaupten. Herausgekommen ist ein weiteres prall inszeniertes Paarungs- und Überlebensdrama vom "Ice Age"-Schöpfer Carlos Saldanha.

Von


Manchmal ist der Mensch wirklich ein Tier. Etwa, wenn er gefiederte oder befellte Lebewesen in einem Raum zusammensperrt, damit sich diese gefälligst zack, zack vermehren - als hätten Schäfchen, Häschen oder Papageien nicht auch ein Recht auf ein gewisses Schamgefühl. Die beiden Blau-Aras jedenfalls, die in dem ganz und gar untierischen Tierabenteuer "Rio" zwecks Fortpflanzung in ein schwüles Dschungelgehege verfrachtet werden, haben so ihre Schwierigkeiten bei dem von Menschenhand organisierten Schäferstündchen.

Weder die schummrige Buschbeleuchtung noch die ölige Lionel-Richie-Begleitmusik machen Männchen Blu und Weibchen Jewel weich und geschmeidig genug, um sich der Paarung hinzugeben. Dass sie als letzte ihrer Art quasi den eigenen Fortbestand sichern sollen, ist ihnen dabei herzlich egal. Was heißt denn schon Artgenosse, wenn man ansonsten nichts gemein hat: Während Jewel eine freisinnige Urwaldbewohnerin ist, die an nichts anderes als ans Ausbrechen denkt, gibt Blu den Hausvogel, der seinen Käfig als natürliche Lebenswelt akzeptiert hat.

Fliegen kann er natürlich auch nicht, schließlich fiel er als Küken beim ersten Flugversuch aus dem Nest direkt ins Netz der Tierhändler, die ihn dann vom warmen Brasilien ins bitterkalte Minnesota verfrachtet haben. Dort verbrachte Blu das letzte Jahrzehnt damit, bei einer von seinem Frauchen liebevoll zubereiteten heißen Schokolade durch die vereisten Fenster wild lebenden Vögeln bei der aufreibenden Nahrungssuche zuzuschauen. Freiheit, das ist für so einen ein gut beheizter Käfig.

Komplexe Tiere, eindimensionale Menschen

Natur versus Zivilisation - in den stärksten Trickfilmabenteuer ist der Mensch völlig überflüssig, um diesen Gegensatz durchzuspielen. Man nehme nur die beiden Auswilderungsepen aus der Dreamworks-Reihe "Madagaskar", in dem sich verweichlichte Zootiere auf einmal in der Wildnis durchschlagen müssen. In dieselbe Kerbe haut jetzt die 20th-Century-Fox-Produktion "Rio".

Regisseur Carlos Saldanha hat zuvor die "Ice Age"-Trilogie in Szene gesetzt, deren letzter Teil 900 Millionen Dollar eingespielt hat und es so in die Top 20 der erfolgreichsten Filme aller Zeiten schaffte. Und das mit einem Kinderfilm! Andererseits: Was meint dieser leicht abwertende Begriff schon, wenn man über die Trickfilme der Generation "Toy Story" spricht? Bei aller Farbenpracht und manischen Verspieltheit besitzen diese ja oft einen bösen, ganz und gar kinderuntauglichen Subtext.

In "Rio" lautet der jetzt eben ein weiteres Mal: Darwinismus für Anfänger. Denn der lebensuntüchtige Ziervogel Blu hat sich in dem Film plötzlich in der freien Wildbahn zu behaupten, die hier der Großstadtdschungel von Rio de Janeiro kurz vor dem Karneval ist. Die Artenvielfalt scheint schier unerschöpflich.

Und so inszeniert Regisseur Saldanha, selbst übrigens gebürtiger Brasilianer, die Stadt im strammen Samba-Getrommel von Carlinhos Brown und Sergio Mendes als 3-D-Wunderland, in dem hinter jedem bunten Vogelschopf eine tödliche Gefahr lauert. Dass dieses durchrhythmisierte Lebens- und Überlebensspektakel in der deutschen Synchronisation zum Teil ausgerechnet von Roberto Blanco gesprochen und gesungen wird - geschenkt.

Wie bereits im "Ice Age"-Serial, wo das schon legendäre Eichhörnchen Scrat ohne jeden Dialog den Wahnwitz des Lebens auf den Punkt bringt, versteht es Saldanha, auch die kleinsten Sidekick-Rollen mit Tiefe und zuweilen sogar Traurigkeit zu füllen. Nur die Menschen sind mal wieder flach geraten - wie in fast allen computergenerierten Trickfilmen: Als fiese Tierhändler oder herzensgute Tierschützer bleiben sie eindimensional.

Aber was versteht der Mensch denn auch schon vom wahren Leben? Im darwinistischen Tumult von Rios Tierwelt, im amourösen Annäherungsprozess zwischen Käfighocker Blu und Wildfang Jewel erstrahlt die Welt in ihrer ganzen Pracht und Niedertracht: Lieb mich oder friss mich!



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.