Emily Atef über "3 Tage in Quiberon" Romy, ungeschminkt

"Ohne Schutz, ohne Filter": Regisseurin Emily Atef, hochgelobt für ihre risikobereiten Frauenporträts, nähert sich in ihrem Berlinale-Beitrag "3 Tage in Quiberon" der späten Romy Schneider.

Szene aus "3 Tage in Quiberon"
Rohfilm Factory/ Prokino/ Peter

Szene aus "3 Tage in Quiberon"


Die Regisseurin Atef sitzt in einem schwarzen Ledersessel im dritten Stock des Berlinale-Palasts und rückt, wenn sie etwas ausspricht, das ihr wichtig ist, mit gerecktem Oberkörper ganz nach vorn an die Sesselkante. Das innere Thema ihres Films sei Verantwortung, erklärt sie. "Gibt es eine Grenze, die man nicht überschreiten sollte, gibt es Dinge, die privat bleiben sollten?" Alle vier Figuren, von denen sie erzählt, seien mit dieser Frage konfrontiert. Bei den Vorführungen auf der Berlinale hat sie festgestellt, dass dieser Konflikt auch die Zuschauer berührt.

Auf gar keinen Fall habe sie einen Historienfilm gedreht, sagt Emily Atef: "Für mich hat das, was ich zeige, direkt mit unserer Gegenwart zu tun. Es geht um das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit und Medien, die ihre eigene Wirklichkeit schaffen können. Und es geht um eine Frau, die versucht, alles unter einen Hut zu bringen, Beruf, Privatleben, Familie. Beides sehr heutige Themen."

Emily Atefs "3 Tage in Quiberon" ist ein Schwarz-Weiß-Film, der mit großer Eindringlichkeit eine eigentlich unmögliche Viererbande zusammenschmiedet. Die psychisch und physisch angeschlagene Romy Schneider, gespielt von Marie Bäumer, versteckt sich im Jahr 1981 mit ihrer Jugendfreundin Hilde (Birgit Minichmayr) an einem Fluchtort am Ende der Welt und begrüßt eben dort den Fotoreporter Robert Lebeck und den Interviewer Michael Jürgs, dargestellt von Charly Hübner und Robert Gwisdek, zum Interview.

Komplette Öffnung

"Romy zeigt sich ungeschminkt und wahrhaftig, sie ist bereit, sich komplett zu öffnen, ohne Schutz und ohne jeden Filter", so die Regisseurin. "Daraus entsteht eine Situation, in der alle Figuren eine Wandlung durchmachen."

Es gibt einen Moment der erlösenden Konfrontation im Film, in dem eine der Figuren endlich die Fragen stellt, die viele Kinozuschauer den Figuren droben auf der Leinwand womöglich schon länger zurufen möchten. Ob es nicht "übergriffig" und eine üble Manipulation sei, was hier als Interview mit dem Star Romy Schneider von zwei für das Magazin "Stern" arbeitenden Männern in einem Hotel in der Bretagne veranstaltet werde, empört sich in diesem Filmmoment Romy Schneiders Freundin Hilde. "Findet ihr das gut, was hier passiert?", fragt sie.

Emily Atef
AFP

Emily Atef

Die Antwort ist verblüffend: Man sieht die Männer, offenkundig beschämt, schweigen, während ausgerechnet Romy Schneider erst völlig verdutzt dreinblickt - und dann trotzig Ja sagt.

Die Regisseurin Atef ist 1973 in Berlin geboren und hat die meisten ihrer Kindheits- und Jugendjahre in den USA und in Frankreich verbracht. Ihr Vater, ein Iraner, und ihre Mutter, eine Französin, lernten sich im damaligen Westberlin bei einem Deutschkurs kennen. Atef hat in Paris und an der Berliner Filmhochschule DFFB studiert, zwischendurch in London als Schauspielerin gearbeitet und sich dann ganz für Berlin und den Regieberuf entschieden. Sie ist in gewisser Weise eine Spezialistin: "Man kann sagen, dass sich ein roter Faden durch meine Filme zieht. Mich interessieren Frauen in Krisenmomenten."

Ihre Heldin in "Molly's Way" (2005) war eine junge Irin, die dem Vater ihres ungeborenen Kindes nach Polen hinterherreist. Im Film "Das Fremde in mir" (2009), der beim Festival in Cannes in der "Sémaine de la Critique" lief, macht die Hauptfigur nach ihrer Schwangerschaft eine harte Depression durch. In "Töte mich" (2012) befreundet sich ein lebensmüdes Mädchen mit einem entflohenen Straftäter.

Der eigene Film auf der großen Leinwand

Ungewöhnlich, umwerfend, anrührend sind in allen drei Filmen die Präzision und die Direktheit, mit denen Atef von den Nöten ihrer Figuren erzählt. Sie hat Preise und Festivaleinladungen für ihre Kinofilme bekommen und nebenbei ein paar, zum Teil gleichfalls hochgelobte, Fernsehdramen gedreht. Dass "3 Tage in Quiberon" nun im Wettbewerb der Berlinale läuft, empfindet sie als Glück. Wie toll sei das denn, den eigenen Film auf der großen Leinwand zu sehen!

Ihre Arbeit als Filmemacherin schöpfe sie "aus dem, was um mich herum passiert", sagt Atef. Vermutlich entstehen daraus die Intensität und die Intimität, die auch "3 Tage in Quiberon" auszeichnen. Natürlich hat die Regisseurin auch vorher schon Romy Schneider verehrt und viele von Schneiders in Frankreich gedrehten Filmen geliebt, aber an ihrer Filmheldin scheinen ihr gerade die allgemein menschlichen Dinge des Lebens wichtig. "Sie sucht nach Ruhe, aber zugleich braucht sie die Anerkennung. All das beschäftigt viele Frauen, und Männer natürlich auch."

Demnächst will Emily Atef ihren ersten französischsprachigen Film drehen. Er handelt von einer Frau Ende 30, die sich gegen eine Operation entscheidet, die vielleicht ihr Leben retten könnte. "Die Hauptfigur entschließt sich, auszubrechen aus dem liebevollen Kokon, den man um sie errichtet hat, und jeden Tag so zu leben, als wäre es ihr letzter."

Noch eine Frau in der Krise also, diesmal in der ultimativen. Mit einem Lächeln sagt Emily Atef: "Manchmal muss etwas Krasses passieren, damit man sich entschließt, das Leben zu leben, das man leben will."

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