30 Jahre "Star Wars" Generation Todesstern

Weltraumkitsch - oder die Oper der Neuzeit? Vor dreißig Jahren revolutionierte "Star Wars" die Unterhaltungsindustrie und spaltete eine staunende Welt in Fans und Kritiker. Ein Bericht aus drei Jahrzehnten Sternenkrieg um popkulturelle Definitionsmacht und die Zukunft des Kinos.

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Es war der perfekt kalkulierte, aber dennoch rührende Höhepunkt der diesjährigen Oscarverleihung, als die prominenteste Viererbande des alten "New Hollywood" auf der Bühne zusammenfand. Martin Scorsese bekam für "The Departed" den überfälligen Regiepreis von seinen alten Spezis Francis Ford Coppola, Steven Spielberg und George Lucas überreicht.

Letzterer hat nun als einziges Mitglied im graumelierten Gentlemanclub der einstigen jungen Wilden noch keinen Oscar als Regisseur gewonnen. Dass diesem Umstand aber im Gegensatz zu Scorseses jahrzehntelanger Missachtung keine Tragik anhaftet, wurde nicht nur im neckischen Redegeplänkel der Freunde deutlich. Denn wie jeder weiß, ist George Lucas seit dem 25. Mai 1977 kein Filmemacher im klassischen Sinn mehr. An diesem Tag feierte "Star Wars" Weltpremiere und sorgte für einen Paradigmenwechsel, dessen Folgen auch dreißig Jahre später allgegenwärtig sind.

Aus dem Regisseur George Lucas wurde damals quasi über Nacht der alleinige Eigner und Verwalter einer technokratischen Märchenmanufaktur mit globalem Markt- und Machtanspruch. Und was als "story about a boy, a girl, and a universe" begann, sollte die Unterhaltungsindustrie revolutionieren und nebenbei die popkulturelle Sozialisation einer ganzen Generation prägen. Ganz gleich, ob nun begeisterter Fan oder besorgter Kritiker, niemand konnte sich dem Konflikt zwischen Rebellenallianz und galaktischen Imperium entziehen: Wie Luke Skywalker zusammen mit Schmuggler Han Solo die kesse Prinzessin Leia aus den Klauen Darth Vaders rettet, gehörte daher ab 1977 zur trivialen Allgemeinbildung. Nicht anders war es mit den Kalendersprüchen von Jedi-Meister Obi-Wan Kenobi, der dem Publikum einen Crashkurs in Sachen dunkler und heller Seite der Macht erteilte.

Zwischen Verheißung und Vermarktung

Auch wer damals zu jung war, um das eklektische Potpourri aus filmgeschichtlichen Zitaten, eingängigem Mystizismus und naiv-nostalgisch gebrochener Science Fiction auf der Leinwand zu bestaunen, ließ sich vom Phänomen "Star Wars" vereinnahmen. Die verheißungsvolle Ikonographie mit ihren grandiosen Kulissen und mal bedrohlichen, mal putzigen Geschöpfen wurde schließlich durch alle anderen verfügbaren medialen Kanäle ins Bewusstsein geschleust. Der gewaltige Merchandise-Apparat tat ein Übriges, und ehe sich besorgte Eltern versahen, verdrängten X-Wing-Fighter, Millenium Falcon und all die anderen Plastikdevotionalien das pädagogische Holzspielzeug im Kinderzimmer.

Dabei nahm die kommerzielle Auswertung jeder noch so kurzen Einstellung und auch noch der periphersten Filmfigur absurde Züge an. Wer als Kind unbedingt das monströse Modell von Darth Vaders Meditationskammer oder den x-ten Gummimasken-Statisten aus Jabba the Hutts Palast haben wollte, weiß jedenfalls genau, wie cleveres Marketing aus Nichts ein Muss machen kann.

Das schizophrene Spektakel

Während so die Heranwachsenden aller Welt mit der heimischen Re- und Neuinszenierung des neuen Universalmärchens beschäftigt waren, baute George Lucas seinen prototypischen Blockbuster mit Hilfe der Auftragsregisseure Irvin Kershner und Richard Marquand zur Trilogie aus: Damit hat "Star Wars" beileibe nicht das Sequel erfunden, aber sehr wohl Markenfixierung und Franchisewahn in der Filmindustrie etabliert.

Derweil war längst eine hitzige Debatte um die ästhetischen, ökonomischen und ideologischen Kollateralschäden des Sternenkriegs entbrannt. Für die einen war "Star Wars" ein formaler Triumph, welcher das Kino mit non-linearem Schnitt, sensationellen Spezialeffekten und einem von computergesteuerten Kameras bis zu Dolby Stereo reichenden Innovationschub ins nächste Jahrtausend katapultierte. Andere bezichtigten Lucas dagegen des Verrats an der siebten Kunst: Mit seinem zutiefst schizophrenen Spektakel, das simple Glückskeksphilosophie propagiert aber zugleich die martialischsten Allmachtsphantasien erfüllt, beerdige er New Hollywoods Idee eines erfolgreichen, herausfordernden Autorenfilms für immer im Massengrab des Mainstream.

Da ist einmal die fraglos geschmacklose Reminiszenz an Leni Riefenstahls NS-Propagandafilm "Triumph des Willens" am Ende von "Star Wars". Dazu kommt der Streit, ob Lucas' Rebellen nun verkappte Widergänger des Vietcong oder doch Kräfte einer rechtskonservativen Blut und Boden-Reaktion sind. Sowie die ellenlangen Exkurse über den psychologischen Symbolgehalt von Lichtschwertern, röchelnden Finstervätern und mit Torpedos zu penetrierenden Todessternen. Betrachtet man rückblickend diese in den Feuilletons und meterweise Sekundärliteratur geführten Gefechte, dann lässt sich nur hilflos feststellen: Alle hatten Recht - doch keiner konnte gewinnen.

Schwarzes Loch der Kulturkritik

Denn "Star Wars" war und bleibt zuvorderst ein Schwarzes Loch der Kulturkritik. Es verschlingt problemlos jede Interpretation und weist letztlich doch nur in den leeren Raum. Sicher ist wenigstens, dass Lucas in jenem Mai 1977 das ursprüngliche Jahrmarktkino der Attraktionen wieder belebt hat. Und wenn sich jetzt mit "Pirates of the Carribean" ein angestaubtes Fahrgeschäft aus Disneyland zur epischen Trilogie aufbläht, dann erobert im Gegenzug die Jahrmarktattraktion die Leinwand.

Während sich George Lucas mit seinem laufend erweiterten "Star Wars"-Karussell weiter zufrieden um die eigene Achse dreht, hat Hollywood sein Erfolgsmodell in den vergangenen dreißig Jahren in immer neuen Serien nachgebaut. Der Generation Todesstern bleibt da nur die Erkenntnis jedes Rummelbesuchers: Im Kreis fahren kann ungeheueren Spaß bringen, aber irgendwann wird jedem mal schlecht.

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