Roadmovie-Romanze "303" Jetzt küsst euch endlich!

Der Film der Woche - und der Sommerfilm des Jahres: Hans Weingartner lässt in "303" zwei liebenswert verstrahlte Menschen im Wohnwagen durch halb Europa kurven. Wer braucht noch Tinder, wenn es Tanken gibt?

Alamode

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Bei Tinder wäre er sofort weggewischt worden. Aber wie Jan da verloren an der Tanke zwischen Berlin und Köln um eine Mitfahrgelegenheit Richtung Südwesten bittet, rührt Jule irgendwie an. Obwohl die beiden alles andere als ein perfect match sind: Er liebt Fleisch und glaubt, der Mensch sei ein Egoist, sie liebt Grünzeug und hält Empathie für die wichtigste Antriebskraft der Gesellschaft.

Nur deshalb bittet Jule Jan überhaupt in ihren 303-Wohnwagen, wo sie bald Diskussionen über Evolutionstheorie und politische Systeme führen. Er will nach Nordspanien, den Vater kennenlernen, ohne den er aufgewachsen ist; sie will nach Südportugal, ihrem Freund mitteilen, dass sie schwanger ist. Eher nicht so geile Reisethemen. Mehr als einmal trennen sich die beiden auf ihrem Roadtrip, weil nichts so recht zusammenpasst.

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"303" von Hans Weingartner: Der Anti-Tinder-Film

Doch das Leben ist kein Algorithmus, der Logik vorgaukelt, wo die Laune regiert. Notfälle und Zufälle, Chaos und Neugier führen Jule und Jan immer wieder zusammen. So kurven sie auf den Landstraßen von Belgien, über die Brücken von Frankreich, durch die Berge Nordspaniens, bis da schließlich unbeeindruckt ob all der Umwege und Aufregungen der Atlantik vor Portugal rauscht. Das Ende eines kleinen Abenteuers? Der Anfang eines großen?

Ein Film, der Raum und Zeit erfahrbar macht

Europa im Schneckentempo, Liebe auf Schleichwegen: "303" ist ein Film, der Raum und Zeit erfahrbar macht. Einen "Anti-Tinder-Film" hat Regisseur und Drehbuchautor Hans Weingartner ihn selbst genannt. Der kleinen Wischbewegung setzt er ein ausholendes Tasten entgegen. Ewig bauen die Charaktere den Grill auf und ab, sie schrauben den Tankdeckel auf und zu, öffnen sich vor dem anderen und machen wieder dicht. 145 Minuten geht das so. Erstaunlicherweise könnte der Film für uns noch länger dauern.


"303"
Deutschland 2018

Regie: Hans Weingartner
Buch: Silke Eggert, Hans Weingartner
Darsteller: Mala Emde, Anton Spieker
Produktion: Kahuuna Films, Neuesuper, Starhaus Produktionen
Verleih: Alamode
Länge: 145 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 19. Juli 2018


Denn der Liebe schaut man nun mal gerne zu, und die Liebe lässt sich eben nicht so schnell auf den Punkt bringen. Diese Erkenntnis setzt Weingartner als so naives wie rigoroses Filmabenteuer um. Zu zeitvergessenem Folkpop lässt er seine beiden Figuren in der alten Wohnschachtel auf Rädern durch halb Europa schaukeln, einmal singt Ani DiFranco ihren Hit "Hell Yeah" , in dem es heißt: "Life is a B-Movie / It's stupid and it's strange / A directionless story / And the dialogue is lame / But in the he said she said / Sometimes there's some poetry".

Ein B-Movie, der richtungslos vor sich hinschaukelt, mit dünnen Dialogen, die dann aber eben doch eine ganz eigene Poesie entwickeln: Das ist natürlich auch eine hübsche Kommentierung dieses Filmes, der die Umweg-Struktur des klassischen Roadmovies und die Verzögerungseffekte der konventionellen Romanze in eine bedrohlich lose Dramaturgie übersetzt. Gegen "303" wirkt das lockere naturalistische Palaver in Richard Linklaters "Before Sunrise/Sunset/Midnight"-Reihe mit Julie Delpy und Ethan Hawke, an die man sich hier immer erinnert fühlt, wie mit strenger Hand inszeniert.

Bloß nicht liegen bleiben, alter Caravan

Oft hat man Angst, dass der wackelige Caravan-Oldie und die ebenso wackelige Handlung auseinanderbrechen. Doch das verhindern die beiden famosen Hauptdarsteller Anton Spieker und Mala Emde, die wortreich den schönen, schaurigen und schwierigen Schwebezustand vor dem Moment ausspielen, in dem man zu erkennen glaubt, hier manifestiere sich die Liebe.

Regisseur Weingartner, bekannt durch den Revoluzzer-Hit "Die fetten Jahre sind vorbei", ist einer der wenigen Utopisten des deutschen Kinos, der in seinen Filmen der Realität immer wieder solidarische Gemeinschaften und romantische Räume abtrotzt. Sie atmen, was sie erzählen. Zuletzt, in "Die Summe meiner einzelnen Teile", ließ er uns die Welt durch die Augen eines Psychotikers wahrnehmen. Die Produktion liegt jetzt auch schon wieder sieben Jahre zurück.

"303" ist nun, niemand hätte damit gerechnet, das Sommerabenteuer des Jahres 2018 geworden. Ein Film wie die Sekunde vor dem Kuss, nur eben verheißungsvoll auf 145 Minuten ausgebreitet. Ein Film bei dem man das Gefühl hat, dass all das vermeintlich ziellose Reden über die Welt, über die Menschen, über die Gesellschaft doch irgendwo hinführen könnte. Ein Film, bei dem man voller Freude zur Leinwand ruft: Jetzt küsst euch endlich!

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insgesamt 2 Beiträge
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duitmaus 17.07.2018
1. Wirklich 145 Minuten?
Ich habe den Film in Anwesenheit der Hauptdarsteller am letzten Samstag schon gesehen. Mir ist gar nicht aufgefallen, dass er wirklich so lang war. Dies ist etwas verwunderlich, da der Film durch das lockere Drehbuch und die Improvisation der Darsteller eigentlich keine spannende (äußere) Handlung hat. Wie Christian Buß richtig bemerkt, könnte er für den Zuschauer auch noch länger dauern, da einen die Entwicklung der Liebesgeschichte emotional in den Bann schlägt. Man spürt das Kribbeln und Knistern, das sich langsam entwickelt; spürt die menschliche Verbundenheit und das Band, das beide immer mehr verbindet. Es fasziniert, wie sich bei diesen zwei gegensätzlichen Menschen zuerst Sympathie und dann tatsächlich Liebe entwickelt: "Ein Film wie die Sekunde vor dem Kuss, nur eben verheißungsvoll auf 145 Minuten ausgebreitet." bringt es komplett auf den Punkt! Ein schöner Film mit zwei tollen und überzeugenden Hauptdarstellern.
friedrichschmidt 19.07.2018
2. Hymer Mercedes 303 gibt es nicht
Das Fahrzeug "303" ist ein legendärer Reisebus-Typ (O 303) der Mercedes Benz AG, der 1974 auf den Markt kam und fast 20 Jahre gebaut worden ist. Als ich erstmals von dem Filmtitel hörte, erwartete ich einen Straßenfilm, in dem ein zum Wohnmobil umgebauter Reisesbus Mercedes O 303 zentraler Handlungsbestandteil sein wird. Nunmehr stellt sich heraus: es ist ein alter Hymer auf Mercedes T1-Basis und dürfte in etwa aus der Zeit 1978 bis 82 stammen; einen "Typ 303" gab es da nie. Oberflächlichkeiten bis in tragende Filmtitel...
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