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Kino-Drama "4 Könige": Was sind schon normale Weihnachten?

Von

Port au Prince Pictures

Drogenpsychose, Angstattacken, Trauma: Die Hauptfiguren in "4 Könige" müssen Weihnachten in einer psychiatrischen Anstalt verbringen. Nachwuchsregisseurin Theresa von Eltz setzt auf eine reduzierte Inszenierung - das gelingt ganz wunderbar.

"Bin ich scharf?", fragt Lara (Jella Haase) ganz am Anfang von "4 Könige" direkt in den Camcorder von Fedja (Moritz Leu), während der hektisch versucht, den Fokus richtig einzustellen. Ja doch, klar ist das doppeldeutig gemeint! Immerhin hat das vorlaute Gör ihren schüchternen Mitinsassen der Jugendpsychiatrie gerade in eine Besenkammer gelockt und mit einem besonderen Weihnachtsgeschenk beglückt.

Lara und Fedja sowie Alex (Paula Beer) und Timo (Jannis Niewöhner) bleiben während der Festtage in der Anstalt. Freiwillig wie Alex und Fedja. Timo, weil er extrem aggressiv ist. Und Laras Eltern wollen sie schlicht nicht haben. "Ich bewirte an Heiligabend 15 Gäste, da kann ich dich nicht auch noch gebrauchen", erklärt die Mutter bei ihrem letzten Besuch und überreicht Lara als Geschenk ein Buch, mit dem diese ganz offensichtlich nichts anfangen kann.

Also erklären die Jugendlichen sich gegenseitig, was sie an Weihnachten mögen, und nehmen sich dabei mit der Kamera auf. Eine Idee ihres Psychiaters Dr. Wolff (Clemens Schick), der das Fest ebenfalls in der Anstalt zubringt. Seine Idee ist es auch, Timo aus der geschlossenen in die offene Abteilung zu holen und ihn Zeit mit den drei anderen verbringen zu lassen. Misstrauisch beäugt wird das Experiment von der konservativen Schwester Simone (Anneke Kim Sarnau), einer milderen Wiedergängerin der sadistischen Oberschwester Ratched aus "Einer flog übers Kuckucksnest".

Beängstigend intensive Vorstellung

Die pseudo-dokumentarischen Videoeinlagen hat der famose Film von Regiedebütantin Theresa von Eltz eigentlich gar nicht nötig. So wenig wie den platten Gag am Anfang, der schon das Schlimmste befürchten lässt, sich dann aber als Ausrutscher erweist. Jella Haase ist zwar teilweise im großmäuligen "Fack Ju Göthe"-Modus unterwegs - aber anders als der Proll-Tussi Chantal darf Haase ihrer Lara hier mehr charakterliche Tiefe verleihen. Die große Schnauze, so stellt sich schnell heraus, ist genauso ein Schutzschild für eine sensible Seele wie die Unmengen an Drogen, die sie draußen eingeworfen hat.

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"4 Könige": Leises Drama
Überhaupt begeistert in "4 Könige" die Riege der jungen Nachwuchsdarsteller, aus der neben Jella Haase vor allem Jannis Niewöhner hervorsticht. Ausgerechnet Niewöhner, der als Kinderdetektiv in "TKKG" bekannt wurde und seither in allerlei seichter Kost den jugendlichen Helden geben muss. Von Eltz aber besetzt ihn als brutal in die Welt stierenden Einzelgänger.

Niewöhner bekommt kaum Dialoge, er muss den zu Gewaltausbrüchen neigenden Timo fast stumm spielen. Umso stärker drückt sein aufs Äußerste gespannter Körper eine stille, lauernde, aufgestaute Wut genauso aus wie eine unermessliche Verlassenheit. Eine beängstigend intensive Vorstellung.

Reduzierte Inszenierung

Dass der Zuschauer so wenig erfährt von den vier Königen, gehört zu den großen Stärken dieses hochkonzentrierten Films. Timo wurde als Kind von seiner Mutter vernachlässigt; Lara muss eine Drogenpsychose verarbeiten; Alex leidet nach der Scheidung ihrer Eltern an Angstattacken und Fedja ist schwer traumatisiert, weil er von Mitschülern drangsaliert wurde. Viel mehr gibt das Drehbuch nicht preis von seinen verletzten Helden. So bekommt Theresa von Eltz die Freiheit, nicht alles psychologisieren und in Grund und Boden erklären zu müssen.

Stattdessen erzählt sie eine in ihrer Einheit von Raum, Zeit und Handlung geradezu klassisch konstruierte Geschichte und verlegt sich ganz darauf zu beobachten. Sie begleitet die Figuren bei einem durch die Gruppendynamik in Gang gesetzten, sehr vorsichtigen Öffnungsprozess.

Die Regisseurin reduziert sogar auf der Bild- und Tonebene noch zusätzlich, lässt im Kontrast zum grellen Krankenhauslicht viele Szenen im Dunkel eines angrenzenden Waldes oder in unbeleuchteten Zimmern spielen; die Gesichter der Darsteller sind dann kaum auszumachen. Und sie traut sich, ein Schweigen auszuhalten, das in jedem schlechteren Film mit endlosen Erklärungen oder einem gefühligen Score gefüllt worden wäre.

Durch seine reduzierte Inszenierung erkämpft sich "4 Könige" eine ganz wunderbare Widerborstigkeit; der Film biedert sich seinem Publikum nie mit billigen Erklärmustern an, und er hat es auch nicht nötig, sich emotional aufzublähen wie "Durchgeknallt" (1999) mit Angelina Jolie oder das Indie-Drama "Short Term 12" (2012). Auch in Theresa von Eltz' Film kommt es zu einem dramatischen Höhepunkt, aber der Film endet leise. Für einen Moment haben die vier Könige eine innere Stärke und Verbundenheit gespürt. Ob sie damit etwas anfangen können, bleibt offen.

I m Video: Der Trailer von "4 Könige"

4 Könige

Deutschland 2015

Regie: Theresa von Eltz

Drehbuch: Esther Bernstorff

Darsteller: Jella Haase, Paula Beer, Jannis Niewöhner, Moritz Leu, Clemens Schick, Anneke Kim Sarnau, Victoria Trauttmansdorff, Christoph Bantzer

Produktion: C-Films GmbH, Tatami Film GmbH

Verleih: Port au Prince Film- und Kulturproduktion GmbH

Länge: 103 Minuten

FSK: 12

Start: 3. Dezember 2015

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insgesamt 2 Beiträge
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1. schon Kurzfilm war super!
heine3000 03.12.2015
"Bild schlägt Text" - ich halte diesen Heiligen Gral in Medienwissenschaft & Marketing zwar oft für eine Binsenweisheit. Bei Theresa von Eltz aber wird er eindrucksvoll belegt: Wie in dieser wunderbaren Kritik bemerkt, ist es oft wohltuened, wenn nicht jede Handlung, jede Motivation und jeder Satz bis ins Letzte ausgeleuchtet und interpretiert werden. Und man sich stattdessen einfach Bildern flirrender Sehnsucht hingeben kann. Oder in Figurenkonstellationen eintaucht, die offen und brüchig und nicht für alle Zeit definiert erscheinen. Auf der Berlinale 2007 war die Regisseurin mit dem Kurzfilm "Gecko" vertreten, der mich sehr beeindruckt hat durch seine starke Filmsprache. Harte und harsche Wirklichkeitsmomente (Kindesvernachlässigung), geschildert in beinahe impressionistischer Skizzenhaftigkeit. Und gerade darum von enormer Intensität. Das ist Film: Nicht die dargestellten, die gespielten Gefühle, sondern allein die durch sie in jedem Zuschauer individuell provozierten Emotionen können mitten ins Herz und damit auch in Verstand zielen.
2. genial
jmat17 12.12.2015
Zitat von heine3000"Bild schlägt Text" - ich halte diesen Heiligen Gral in Medienwissenschaft & Marketing zwar oft für eine Binsenweisheit. Bei Theresa von Eltz aber wird er eindrucksvoll belegt: Wie in dieser wunderbaren Kritik bemerkt, ist es oft wohltuened, wenn nicht jede Handlung, jede Motivation und jeder Satz bis ins Letzte ausgeleuchtet und interpretiert werden. Und man sich stattdessen einfach Bildern flirrender Sehnsucht hingeben kann. Oder in Figurenkonstellationen eintaucht, die offen und brüchig und nicht für alle Zeit definiert erscheinen. Auf der Berlinale 2007 war die Regisseurin mit dem Kurzfilm "Gecko" vertreten, der mich sehr beeindruckt hat durch seine starke Filmsprache. Harte und harsche Wirklichkeitsmomente (Kindesvernachlässigung), geschildert in beinahe impressionistischer Skizzenhaftigkeit. Und gerade darum von enormer Intensität. Das ist Film: Nicht die dargestellten, die gespielten Gefühle, sondern allein die durch sie in jedem Zuschauer individuell provozierten Emotionen können mitten ins Herz und damit auch in Verstand zielen.
"...die durch sie in jedem Zuschauer individuell provozierten Emotionen können mitten ins Herz und damit auch in Verstand zielen." Das ist genial ausgedrückt: mitten ins Herz in den Verstand. Welch eine Verbindung! Und dann noch für `jeden` individuell - besser kann das nicht ausgedrückt werden. (Was heißt individuell nochmal?)
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